Die zahlreichen Tafeln zur Unterstützung Bedürftiger in Deutschland erfüllen nach Ansicht des Soziologen Stefan Selke ihren eigentlichen Auftrag nicht mehr. "Die Tafeln haben sich losgelöst von der Uridee der Ad-hoc-Hilfe und sind zu einer Art Pannendienst geworden", kritisierte der Forscher der Hochschule Furtwangen am Dienstag im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dapd.
Soziologe: Tafeln erfüllen ihre eigentliche Aufgabe nicht mehr
Berlin (dapd). Die zahlreichen Tafeln zur Unterstützung Bedürftiger in Deutschland erfüllen nach Ansicht des Soziologen Stefan Selke ihren eigentlichen Auftrag nicht mehr. "Die Tafeln haben sich losgelöst von der Uridee der Ad-hoc-Hilfe und sind zu einer Art Pannendienst geworden", kritisierte der Forscher der Hochschule Furtwangen am Dienstag im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dapd. Statt Armut zu Skandalisieren sei ein "Marktplatz des guten Gewissens entstanden", der den Helfern mindestens ebenso sehr helfe wie den Nutzern der Tafeln.
Selke kritisierte anlässlich des 17. Bundestafeltreffens von Donnerstag bis Samstag in Kassel das umfassende Sponsoring von Tafeln durch große Konzerne wie Metro, Edeka oder Rewe. "Man bekommt den Eindruck, dass Armut nützlich ist", sagte er. Zudem sei bei vielen Tafelprojekten die Finanzierung nicht transparent und die Bedürftigen seien von Entscheidungsgremien wie etwa Beiräten meist ausgeschlossen. "Warum aber sollten Arbeitslose ihre Tafel nicht selbst organisieren?", fragte er und plädierte für Tafeln, die mehr integrierten, statt Menschen noch weiter aus der gesellschaftlichen Teilhabe herauszudrängen.
Der deutschen Sozialpolitik bescheinigte Selke wenige Anstrengungen bei der Armutsbekämpfung. "Die Politik passt sich den Gegebenheiten an und verlässt sich tendenziell auf die Helfer", sagte er. Dabei liege die Ursache für Armut im Verantwortungsbereich der Wirtschafts- und Sozialpolitik, die sich aktiv um Lösungen bemühen müsse.
Selke regte einen Dialog von Tafeln, Wissenschaft und Politik an, um gemeinsam an einer neuen, nachhaltigeren Arbeitsweise der Tafeln zu arbeiten. "Im Moment wird bei den Tafeln fast nur um Mittel, Logistik und Dienstleistungen diskutiert. Bei einer sozialen Bewegung sollte aber der Wandel das Ziel sein", sagte er.
(tafelforum.de; wiki.stefan-selke.de)
dapd