Zum Auftakt der "Zukunft Handwerk" und der Internationalen Handwerksmesse in München hat Bayerns Ministerpräsident Markus Söder eine "Zeitenwende" für Deutschland ausgerufen. Zu den Anliegen des Handwerks gaben sich Söder und der noch amtierende Wirtschaftsminister Robert Habeck einsichtig.

Bei der Eröffnung der Zukunft Handwerk und der Internationalen Handwerksmesse in München diskutierten der noch amtierende Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck und Bayerns Ministerpräsident Markus Söder über die enormen Herausforderungen, vor denen Deutschland steht.
Handwerkspräsident Jörg Dittrich (ZDH) und Franz Xaver Peteranderl, Präsident der Handwerkskammer für München und Oberbayern, nahmen die künftige Regierung in die Pflicht, sich den drängendsten Forderungen des Handwerks anzunehmen. In einer kontroversen, aber konstruktiven Debatte waren sich die Vertreter einig, dass ein starkes Deutschland nur mit einem starken Handwerk möglich ist.
CSU-Chef Markus Söder positionierte sich dabei als Fürsprecher des Mittelstands und bezeichnete sich als "Buddy des Handwerks": "Unser Wirtschaftsmodell sind weder US-Börsengiganten noch chinesischer Staatskapitalismus. Unser Rückgrat sind Familienbetriebe und Handwerk." Mit Verweis auf 200.000 Handwerksbetriebe und fast eine Million Beschäftigte in Bayern betonte er die Dringlichkeit struktureller Reformen: "Steuern runter, Bürokratie abbauen, Erbschaftssteuer anpassen – sonst scheitern wir."
Söder betonte mit Blick auf das Wahlergebnis, dass die demokratische Mitte geschwächt sei und nun Vertrauen zurückgewonnen werden müsste. "Wir brauchen jetzt mutige Entscheidungen, nicht kleinsten gemeinsamen Nenner." Konkret forderte er etwa eine Entlastung bei Betriebsübergaben: "Wenn Familien ihr Geld im Betrieb lassen, um die nächste Generation zu stärken, darf der Staat das nicht bestrafen." Sein Appell: "Investitionen in Technologie und Infrastruktur müssen Priorität haben – sonst verlieren wir den Anschluss an die USA und China."
Habeck: "Das Handwerk ist der Integrationsmotor in unserem Land"
Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck nutzte seine Rede, um die gesellschaftliche Rolle des Handwerks zu betonen: "Handwerker setzen um, was Politiker beschließen – sei es Energiewende oder Infrastruktur. Ohne sie geht nichts." Er lobte die Branche als "Integrationsmotor": "In Betrieben werden Menschen aus Bildungslücken herausgeholt. Das hält Deutschland zusammen."
Doch Habeck gestand auch Versäumnisse ein: "Wir haben uns mit Bürokratie selbst eingemauert." Als Beispiel nannte er absurde Vorschriften: "Bäckereien müssen die Kühlkette dokumentieren, obwohl die Ware längst verkauft ist. Das ist logischer Unsinn." Sein Lösungsansatz: "Wir müssen radikal entschlacken – etwa bei Genehmigungen oder Datenschutz."
Hinsichtlich des Fachkräftemangels warnte Habeck vor einer "gigantischen Welle": "100.000 Betriebe pro Jahr werden aufgegeben, wenn es keine Nachfolger gibt. Handwerk hat goldenen Boden – das müssen wir jungen Leuten besser vermitteln."
Bauwirtschaft braucht Planungssicherheit
Franz Xaver Peteranderl, Präsident der Handwerkskammer für München und Oberbayern, gab einen Einblick in die Belange der Bauwirtschaft: "Wir brauchen Verlässlichkeit." Dabei könnte das geplante Milliarden-Infrastrukturprogramm helfen. "Das Programm sieht vor, dass jährlich rund 50 Milliarden Euro über einen Zeitraum von zehn Jahren in die Infrastruktur fließen – das schafft Vertrauen bei den Betrieben, bei Investoren und letztlich auch bei den Kunden." Verlässlichkeit und Planungssicherheit seien nicht verhandelbar – ohne sie drohe ein wirtschaftlicher Kollaps, der uns alle treffen werde.
Peteranderl, selbst Bauunternehmer, forderte auch vereinfachte Normen: "Ein Einfamilienhaus braucht nicht die gleichen DIN-Vorschriften wie die BMW-Welt. Wir ersticken in Bürokratie." Eine weitere Forderung an die Politik: "Senkt die Bodenrichtwerte, reformiert die Erbschaftssteuer und entlastet bei Sozialabgaben. Sonst können Familienbetriebe nicht überleben."
ZDH-Präsident Jörg Dittrich sagte: "Wir müssen nicht nur mit dem Hammer arbeiten, sondern auch mit klugen wirtschaftspolitischen Entscheidungen – nur so können wir Deutschland zukunftssicher machen." Er zeigte sich enttäuscht vom verzögerten Bürokratie-Abbau der alten Regierung: "Die Ampel hat Bürokratie-Abbau versprochen – umgesetzt wurde kaum etwas." Er kritisierte, dass die meisten vom Handwerk vorgelegten Ideen in Berlin im Sande verlaufen wären. "Von den vielen eingereichten Vorschlägen zum Bürokratie-Abbau wurden nur wenige umgesetzt – das muss sich ändern, sonst ersticken wir den Handwerkssektor unter einem Berg von Vorschriften", betonte Dittrich.
Dittrich forderte eine Kehrtwende einer künftigen Bundesregierung: "Wir brauchen eine Politik, die auf Marktwirtschaft setzt, nicht auf Gängelung. Steuern runter, Sozialbeiträge unter 40 Prozent, mehr Vertrauen in die Betriebe." Sein Fazit: "Wenn wir jetzt nicht handeln, wird der Standort Deutschland abgehängt. Die Welt wartet nicht auf uns." Es sei notwendig, aktiv und entschlossen strukturelle Hürden abzubauen, um den Handwerksbetrieben den nötigen Freiraum für Investitionen zu verschaffen.
Söder und Habeck einig: Energiepreise müssen runter
Auch die Energiepolitik stand im Fokus der Debatte: "Stromsteuer und Netzentgelte müssen sinken, damit die Energiekosten für Betriebe tragbar bleiben. Nur so sichern wir unsere internationale Wettbewerbsfähigkeit", sagte Wirtschaftsminister Habeck. Dem pflichtete Bayerns Ministerpräsident Söder bei.
Ein Erfolgsgarant für das Handwerk bleibe die duale Ausbildung. "Die duale Ausbildung ist unser Leuchtturm – sie verbindet Tradition und Innovation. Ohne sie haben wir keine Chance, den Nachwuchs für die Zukunft zu begeistern." Die duale Ausbildung ist deswegen so wichtig, weil sie gelebte Subsidiarität ist, sagte Habeck. Söder betonte: "Das deutsche System ist weltweit Vorbild. Aber wir müssen es stärken – durch moderne Bildungszentren und kostenfreie Meisterkurse."
Der CSU-Chef unterstrich noch einmal die Zeitenwende, vor der Deutschland und die künftige Regierung stehe: "Wenn wir jetzt nicht handeln, wenn wir nicht unsere Wirtschaft aufrüsten – technologisch, strukturell und politisch – dann steht Deutschland bald am Abgrund."
Die "Zukunft Handwerk" findet vom 12. bis 13. März im ICM – International Congress Center Messe München statt und bietet als größtes Kongress- und Netzwerkformat des Handwerks eine Plattform für gewerkeübergreifenden Austausch sowie Dialoge mit Vertretern aus Wirtschaft und Politik.
Parallel dazu präsentiert die IHM vom 12. bis 16. März auf dem Messegelände München die gesamte Bandbreite des Handwerks im Kontext von Bauen, Renovieren und Modernisieren. Die IHM 2025 fokussiert auf Themen wie Wohnen, Küchenkultur, Nachhaltigkeit und Lifestyle und ist ein zentraler Treffpunkt für Innovationen, hochwertige Produkte und Trends im Handwerk.