TV-Kritik: WDR - "Die Story" über Alternativen bei Wärme und Strom So trifft die Energiekrise den deutschen Mittelstand

Das Zusammentreffen von Energiewende und -krise zeigt, wie teuer und belastend die Pläne der Bundesregierung sind. Da sind alternative Ideen und Konzepte bei Wärme und Strom gefragter denn je. Das WDR-Reportageformat "Die Story" begab sich nun auf die Suche nach den Problemen und neuen Ideen – und wurde auch im Handwerk fündig.

Bäckerei Laumanns in Keyenberg: Das Brötchen kostet aktuell schon zehn Prozent mehr als vor der Inflation. - © Screenshot/WDR/Die Story: Dringend gesucht: Wärme und Strom!

Es waren wie immer in der WDR-Reihe "Die Story" schöne Bilder, die über den Bildschirm flimmerten. Die Autoren geben sich stets Mühe, auch filmisch anspruchsvolle Reportagen zu produzieren. Dazu eine stimmungsvolle Musik, die die Szenen gekonnt unterstreicht. Da blieb als Zuschauer kein Wunsch offen. Auch die zahlreichen unterschiedlichen Protagonisten führten dazu, dass ein buntes Bild entstand. Inhaltlich allerdings gab es die ein oder andere Schwachstelle.

"Das wird vielen den Rest geben"

Das Handwerk diente in der Reportage als eines der Beispiele, wie die teuren Energiepreise derzeit mit den ambitionierten Plänen zur Energiewende kollidieren. Bei der Bäckerei Laumanns im Dorf Keyenberg, das im Zuge des Braunkohleabbaus verschwinden sollte, kostet das Brötchen aktuell schon zehn Prozent mehr als vor der Inflation. Den Kunden das plausibel zu machen, sei das große Problem. Zudem seien – im schönsten Rheinischen Dialekt – viele "Ommas" in der Kundschaft, für die es auch immer schwieriger werde. Der Ofen wird in der Bäckerei mit Öl geheizt. 6.000 bis 7.000 Liter werden so im Jahr verbraucht. Dazu etwa 30.000 Kilowattstunden Strom. "Das wird vielen den Rest geben", heißt es mit Blick auf die Energiepreise.

"Es läuft"

Dagegen geschnitten wird der Bäcker Schüren in Hilden in NRW. "Wir sind das energieintensivste Handwerk", sagt der Chef Roland Schüren. Dort wird mit Holzpellets geheizt, es gibt eine Wärmerückgewinnung, elektrisch fahrende Lieferwagen. 19 Filialen gibt es, und der Chef sagt: "Es war die beste unternehmerische Entscheidung, die ich je getroffen habe, auf regenerative Energien zu setzen." Darüber hinaus hat er für einen zweistelligen Millionenbetrag eine große Ladestation für E-Autos erbaut. "Es läuft", sagt Schüren mit einem Lächeln im Gesicht.

Riesengroßer Kontrast

Es hätte kein größerer Kontrast sein können zu den eher dunkel gehaltenen Szenen aus der Backstube in Keyenberg, in denen die Besorgnis groß ist. Auch die Brötchenpreise stehen im Kontrast. 33 Cent seien es in Keyenberg, für 44 Cent bekommt man das günstigste Brötchen im Onlineshop von Schüren. Die beiden Bäckereien wurden kommentarlos nacheinander geschnitten, was den Kontrast noch stärker machte. Es zeigte auf der einen Seite, welche Unterschiede es innerhalb eines einzigen Gewerks geben kann. Auf der anderen Seite muss natürlich der Markt bedacht werden, der für die einzelnen Geschäftsmodelle vorhanden ist. Hier fehlte eine Einordnung durch die WDR-Journalisten.

Fehlende Einordnung

Die fehlt auch bei den Aussagen des Chefs einer Schweizer Energietechnik-Firma. Diese stellt vor allem Speichersysteme her, unter anderem für Solarstrom. 70 Mitarbeiter hat das Unternehmen. "Wir können mit erneuerbaren Energien nicht unseren heutigen Lebensstil einfach so fortführen", sagte er. "Wir müssen bescheidener werden und wir sind alle Energiejunkies." Das hätte natürlich einer Einordnung bedurft. Denn grundsätzlich sprach hier jemand, der von der Energiewende, so wie sie jetzt konzipiert ist und durchaus in der Umsetzung auch in der Kritik steht, tendenziell profitiert.

Die Sprache erinnerte an die sogenannte "Degrowth"-These, wonach nur weniger Wachstum oder sogar ein Weniger an wirtschaftlicher Entwicklung die Menschheit angesichts des Klimawandels retten könne. Auch diese These ist höchst umstritten und hätte eigentlich eingeordnet werden müssen. Während etwa der Bäcker Schüren proaktiv die erneuerbaren Energien nutzt, um ein florierendes Unternehmen aufzubauen und die Kunden mit guten Backwaren zu beeindrucken, war diese Aussage eher negativ und nicht von Zuversicht geprägt. Zudem sind weder der eine noch der andere gezeigte Bäcker Energiejunkies, sondern arbeiten hart für ihren Betrieb und wollen sich und ihre Mitarbeiter gut durchbringen.

Auch beim Wind-Thema fehlt der Kontext

Und auch beim Thema Wind wäre ein wenig Kontext gut gewesen. Es sei eine volkswirtschaftliche Leistung, durch das mit erneuerbaren Energien beheizte Schwimmbad zu garantieren, dass alle Kinder mit zehn Jahren schwimmen können, sagt der Bürgermeister der Gemeinde Klixbüll in Nordfriesland. Das stimmt zunächst, aber in weiteren Szenen und Interviews folgten noch durchaus problematische Aussagen. In zehn Jahren werde man "Putin dankbar sein", weil in Deutschland "nur noch durch die Katastrophe" der Push komme. Die Abhängigkeiten von Russland, die Verzögerung der Energiewende, alles sei selbst gemacht. Was jetzt passiere, sei "fast die gerechte Strafe für unser nicht-präventives Handeln".

Da blieb so manchem Zuschauer sicherlich der Mund offenstehen, gerade mit Blick auf den deutschen Mittelstand und dessen aktuelle Probleme. Aber auch angesichts der Tatsache, dass die deutsche Art der Energiewende nicht als – vorsichtig formuliert – absolut gelungen bezeichnet werden kann, zumal kein Land der Welt Deutschland folgt. Auch hier ließen die WDR-Journalisten die Aussagen einfach stehen. Wenn sich der Bürgermeister zudem fragt, warum "das nicht überall" so ist wie in Klixbüll, und die Autoren nicht einwerfen, dass der Wind nicht überall so stark und zuverlässig weht wie im Norden Deutschlands, kommt die Frage auf, ob die Journalisten wertfrei an die Debatte um erneuerbare Energien herangegangen sind.

Nötige Breite der Darstellung fehlt

Gezeigt wurde auch das Beispiel eines Gärtners, der sich um die Beheizung seiner Gewächshäuser sorgt. Danach wurde das Thema Biogas anhand eines Landwirts, der buchstäblich aus Mist Gas macht, mit einem rabiaten Schnitt von besorgniserregenden Bildern hin zu schönen Drohnen-Aufnahmen und flotter Musik eingeführt. Beim Biogas ergibt sich die Problematik, dass Höchstkontingente vorgesehen sind, die die Bauern an der Produktion hindern. Immerhin konfrontierten die Journalisten die neue NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubaur (Grüne) mit diesem Problem.

Als es dann hieß, dass die Bäckerei in Keyenberg auch aufgrund der Abwanderung durch den drohenden Braunkohleabbau bald schließe und anderswo neu aufgebaut werde, konnte sich die Stimme aus dem Off nicht verkneifen, dass die neue Bäckerei laut den Inhabern "vielleicht" einen sparsameren Ofen und ein Solardach bekommen soll. Da schwang das "Selber schuld" zwischen den Zeilen mit. Hätte nicht vorher große Zurückhaltung bei zu differenzierenden Aussagen geherrscht, wäre das nicht weiter schlimm gewesen. Doch so blieb am Ende der fade Beigeschmack, dass die Problemlagen hinter der Energiekrise nicht in der nötigen Breite dargestellt wurden.

>>> Hier geht es zur vollständigen Sendung "Die Story: Dringend gesucht: Wärme und Strom!"