Konspiratives Treffen im Testlabor So testet die Stiftung Warentest

Die Deutschen vertrauen dem Urteil der Stiftung Warentest. Doch wie geht die Verbraucherorganisation bei ihren Tests vor? Anlässlich ihres 60-jährigen Bestehens gewährte die Stiftung jetzt einen Blick hinter die Kulissen eines Prüfinstituts.

Delta-Schleifer im Test
Delta-Schleifer über Kantholz: Im Langzeittest löst sich der Balken allmählich in Staub auf, während am Testgerät allerlei Parameter gemessen werden. - © Ulrich Steudel

Mit dem Staub ist das so eine Sache. Die meisten wollen ihn wegwischen, einsaugen, irgendwie loswerden. Im Haushalt wie auf der Baustelle. Die Stiftung Warentest hingegen bezahlt sogar für den Schmutz. 260 Euro kostet ein Kilo Prüfstaub "DMT 8" nach DIN 60312-1, ein ge­­normtes Gemisch aus Mineralstaub, Zellulose und Baumwollfasern. Um einen Staubsauger zu testen, benötigen die Prüfer zwischen einem halben und zwei Kilo davon. Aber das Prozedere umfasst noch eine ganze Reihe weiterer Teststationen.

Im 60. Jahr ihres Bestehens ge­­währt die Stiftung Warentest einen Blick hinter die Kulissen eines der Prüfinstitute, die für die umfangreichen Testläufe beauftragt werden. Und so zwängt sich eine kleine Gruppe Journalisten bei exakt 23 Grad Celsius und 50 Prozent Luftfeuchte in einen engen Raum neben eine Vorrichtung, in der ein roter Teppich aufgespannt ist.

Dann rollt ein Kasten mehrmals über das an einem leichten Grauschimmer erkennbare Staubfeld, um den Prüfstaub möglichst tief in die Teppichfasern zu walzen. Schließlich wird der eingeschaltete Staubsauger an einer Schiene mit genormter Schubkraft und Geschwindigkeit über das Testfeld geschoben.

Stiftung Warentest hält Prüfinstitute geheim

Später müssen die Testkandidaten ihr Können auch auf Hartboden be­weisen oder die Türpfostenprüfung bestehen, für die sie 10.000-mal eine Schwelle überwinden müssen und 1.000-mal gegen einen Pfosten prallen. Es werden Luftstrom, Staubrückhaltevermögen oder Geräuschpegel gemessen und der Energieverbrauch ermittelt. "70 Parameter untersuchen wir beim Staubsaugertest", sagt der Prüfingenieur, der nicht erkannt werden soll, wie auch das Institut, an dem er arbeitet.

Die Geheimniskrämerei hat ihren Grund. Die Stiftung Warentest achtet streng darauf, dass die Hersteller der zu testenden Produkte keinerlei Einfluss auf das Prüfverfahren nehmen können. "Wir müssen Beratung und Lobbyismus trennen, um unser hohes Ansehen zu bewahren", betont Holger Brackemann, der den Bereich Untersuchungen leitet. Tatsächlich genießt die Stiftung Warentest eine hohe Glaubwürdigkeit in der Bevölkerung. Ihrem Urteil vertrauen die Bürger laut einer Infratest-Dimap-­Umfrage von 2023 mehr als dem Bundesverfassungsgericht, der Politik oder den Medien. Das mag auch da­­ran liegen, dass die Stiftung Warentest nicht vor einer negativen Bewertung von Qualitätsmarken namhafter Hersteller zurückschreckt. Regelmäßig schneiden günstige Artikel der Discounter besser ab als die teureren Produkte.

Akku-Schlagbohrschrauber im Test
Aus Prüfbeton wird Schweizer Käse: Für jedes Loch kommt ein neuer Bohrer in die Maschine. - © Ulrich Steudel

Materialschlacht beim Bohrmaschinen-Test

Beim Rundgang durch das Prüf­institut fällt die ungeheuer große Bandbreite der verschiedenen Tests auf. Im Bereich der Werkzeuge steht ein Mitarbeiter auf einer Waage, während er mit einem Akku-Schlagbohrschrauber Referenzlöcher in einen Betonklotz bohrt. Dabei wird der Anpressdruck gemessen, um die Vergleichbarkeit der Ergebnisse zu ge­­währleisten. Deshalb wird auch für jedes Loch ein neuer Bohrer eingespannt. "Wir betreiben hier eine richtige Materialschlacht", meint der Kollege. Der Verbrauch von Bohrern sei immens.

In einem Nachbarraum klemmen Delta-Schleifer in einer Vorrichtung über einem zehn Zentimeter dicken Holzbalken, der beim Langzeittest mit einem Anpressdruck von drei oder fünf Kilogramm komplett weggeschliffen wird. Dabei wachen die Prüfer über die Wärmeentwicklung und das Durchhaltevermögen von Akku und Motor.

Im Außenbereich surren Mähroboter und Gartenhäcksler

Das ganze Gelände des Instituts dient als Testfeld. Über die ausgedehnten Rasenflächen rollen Mäh­roboter. Auf einer Wiese stopft ein Mann Äste und Zweige in einen Gartenhäcksler. Hinter ihm hat der örtliche Wertstoffhof tonnenweise durchmischtes Grüngut abgekippt, das von den Mitarbeitern in den 18 zu testenden Häckslern geschreddert werden muss – 500 Kilo pro Gerät.

Die Häuser des Prüfinstituts beherbergen Labore, die eine so große Vielfalt an Messungen und Tests ermöglichen, dass die Besucher, zu denen sich auch Verbraucherschutzministerin Steffi Lemke gesellt hat, immer wieder ins Staunen geraten. Im Navigationsraum umkurvt ein Saugroboter einen Hindernisparcours, beobachtet von Kameras, die zehnmal pro Sekunde auslösen, um den Abdeckungsgrad der zu säubernden Fläche zu visualisieren. In der Küche analysieren Mitarbeiterinnen den Bräunungsgrad von Prüfspeisen, die sie gerade aus dem Backofen geholt haben.

Bestseller und Ladenhüter

Die Ergebnisse der beauftragten unabhängigen Prüfinstitute und die abschließende Beurteilung der Stiftung Warentest wirken sich direkt auf die Verkaufszahlen der Anbieter aus. Testsieger werden zu Bestsellern, negativ bewertete Produkte bleiben Ladenhüter. Viel wichtiger aber ist: Der Makel "mangelhaft" stachelt die Hersteller an, die Schwächen ihrer Produkte abzustellen. "Heute ist mir noch einmal klar geworden, welchen Einfluss diese Tests auf die Verbesserung der Produkte und deren Sicherheit haben", konstatierte Steffi Lemke nach dem Rundgang.

Mehr noch: Erfahrungen aus den Tests fließen in Normungsprozesse ein. Gehen von Produkten Gefahren aus, werden die Verbraucher gewarnt wie kürzlich bei einem unsicheren Kindersitz. Und manchmal reagiert sogar die Politik. Nachdem die Stiftung Warentest 2006 vor krebserregenden Weichmachern in Werkzeuggriffen gewarnt hatte, wurden Jahre später in der EU Grenz­werte für polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe, kurz PAK, eingeführt. Ein Erfolg für den Verbraucherschutz, der ohne Organisationen wie die Stiftung Warentest kaum möglich wäre.