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Raus aus dem Lockdown So stellt sich das Handwerk die Exit-Strategie vor

Betroffene Betriebe sollen nach dem Willen des Handwerks stufenweise wieder öffnen dürfen. Nun legen die baden-württembergischen Kammern konkrete Vorschläge vor, wie auch Friseure und Kosmetiker wieder ihrer Arbeit nachgehen könnten.

Der Impfstoff wird wegen der Lieferengpässe aller Voraussicht nach bis ins Frühjahr 2021 hinein knapp bleiben. Umso mehr fordert das Handwerk jetzt eine Strategie von der Politik, wie in den kommenden Wochen die Einschränkungen für die Bevölkerung allgemein und speziell für die Wirtschaft gestalten werden sollen. Die baden-württembergischen Handwerkskammern haben einen Vorschlag für eine Exitstrategie erarbeitet. Vergleichbare Forderungen hatten auch das sächsische und bayerische Handwerk erhoben.

Abgestuft nach regionalen Inzidenzen unter Einhaltung eines strengen Hygienekonzepts soll so eine behutsame Öffnung für Handwerksbetriebe und Bildungseinrichtungen ab dem 15. Februar möglich sein.

Lage spitzt sich zu

"Die Lage für die 45.000 von den Schließungen direkt oder mittelbar betroffenen Handwerksbetriebe im Land verschärft sich von Tag zu Tag mehr", sagte Landeshandwerkspräsident Rainer Reichhold. Weil die zugesagten Hilfen viel zu spät und nur teilweise ausgezahlt werden, sei die Situation zunehmend existenzgefährdend. "Die Situation für Betriebe, die schließen mussten oder anderweitig von den Einschränkungen betroffen sind, spitzt sich zu - zumal die staatlichen Hilfen auf sich warten lassen“, bestätigte Werner Rottler, Präsident der Handwerkskammer Konstanz.

Reichhold forderte: "Die Betriebe benötigen jetzt eine klare Perspektive, wann und in welcher Form sie wieder öffnen dürfen. Ohne eine Perspektive droht auch die Stimmung in der Bevölkerung zunehmend zu kippen.“ Das Handwerk schlägt ein schrittweises Vorgehen für Öffnungen vor – in Kombination mit effektiven Hygienekonzepten. Bei einer Inzidenz unter 100 sollen alle Gewerke im Handwerk, also auch körpernahe Dienstleistungen wie Friseure und Kosmetiker, ihrer Tätigkeit uneingeschränkt nachgehen dürfen.

Kosmetiker und Friseure sind die Leidtragenden

Wie stark das Handwerk betroffen ist, zeigt eine Zahl aus dem Gebiet der Handwerkskammer Ulm. Allein im Gebiet dieser Kammer sind mehr als 3.000 der insgesamt 19.500 Betriebe von den Schließungen direkt betroffen. In diesen Betrieben – hauptsächlich Friseure- und Kosmetikstudios – arbeiten knapp 10.000 Beschäftigte. "Es kann nicht einfach immer weiter und weiter so gehen. Es ist für sehr viele Betriebe jetzt zwölf", sagte Tobias Mehlich, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Ulm. In der Stadt Ulm und den sechs Landkreisen im Gebiet der Handwerkskammer Ulm gibt es insgesamt 1.381 Kosmetikbetriebe und 1.699 Friseurbetriebe.

Auch für die Aus- und Weiterbildung, insbesondere die überbetrieblichen Bildungsstätten des Handwerks, müsse es ein strategisches Vorgehen geben, so Reichhold: "Wir beobachten mit großer Sorge, dass sich bei Beibehaltung des jetzigen Status Quo die Ausbildungs- und damit die Fachkräftesituation für das Handwerk massiv verschlechtert.“ Mit minus 2,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr ist das Handwerk in Baden-Württemberg bei den neuen Lehrverträgen 2020 noch glimpflich davongekommen.

Nicht nur Abiturprüfungen stehen an

Aber Vorzeichen deuten darauf hin, dass sich die Ausbildungsplatzzahlen für 2021 verschlechtern werden und die jungen Menschen im gerade begonnenen ersten Lehrjahr zunehmend frustriert sind. "Nicht nur Abiturprüfungen stehen an, auch viele Gesellen- und Meisterprüfungen. Sie gilt es ernst zu nehmen und den Kandidaten keine Steine in den Weg ihrer beruflichen Entwicklung zu legen“, sagte der Ulmer Hauptgeschäftsführer Mehlich.

Daher soll beispielsweise bei einer Inzidenz unter 50 das gesamte außerbetriebliche Aus-, Fort- und Weiterbildungsangebot in Präsenz bei reduziertem Regelbetrieb zulässig sein. Die Bildungsstätten zeigen sich offen für die Durchführung täglicher Schnelltests, um die Sicherheit vor Ort zu erhöhen. Hierfür bedarf es allerdings die schnelle Genehmigung des Bundesgesundheitsministeriums, dass die Tests auch von außermedizinischem, aber dafür geschultem Fachpersonal durchgeführt werden dürfen. str

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