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Interessenvertretung des Handwerks So steht es um die Innungen in Deutschland

Die Innungen sind wichtige Interessenvertretungen für die Handwerksunternehmen. Doch es braucht andere Strategien und frische Konzepte, um dem rückläufigen Engagement entgegenwirken zu können.

Das Innungswesen in Deutschland steht vor großen Herausforderungen. Wie das gesamte Ehrenamt, leiden auch die Innungen unter rückläufigem gesellschaftlichem Engagement in der Bevölkerung. Insbesondere die nachkommenden Generationen an Handwerkern hinterfragen kritisch, welchen Mehrwert die Mitgliedschaft ihrem Betrieb bietet. "Auf diese Verschiebungen im Gesamtgefüge müssen die Innungen Antworten finden, um attraktiv für ihre Mitglieder zu bleiben und Neumitglieder einzuwerben", heißt es vom Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH). Ziel müsse es auf allen Ebenen sein, wieder mehr Betriebe für eine Mitgliedschaft zu gewinnen.

Die Innungen gehören zu den wichtigsten Interessenvertretungen des Handwerks. Es sind freiwillige Zusammenschlüsse von selbstständigen Handwerkern und Körperschaften des öffentlichen Rechts. Einst aus den im Mittelalter entstandenen Zünften hervorgegangen, haben sich die Innungen über Jahrzehnte hinweg zu einem wichtigen politischen Sprachrohr der Betriebe entwickelt.

Innungen unter Zugzwang

Viele Innungen in Deutschland haben den Handlungsdruck erkannt und setzen sich dafür ein, ihren Mitgliedsbetrieben ein attraktives Angebot zu unterbreiten. Strukturschwache Innungen schließen sich derweil immer häufiger mit anderen Innungen in ihrem Bundesland zusammen, um ihre wirtschaftliche Schlagkraft zu erhöhen. Vereinzelt gibt es inzwischen auch länderübergreifende Innungen oder in einzelnen Handwerksberufen wie den Hörakustikern oder Gerüstbauern sogar Bundesinnungen für alle Betriebe.

Wichtige Partner der Innungen sind neben den Kreishandwerkerschaften, die bei kleinen Innungen oft die Geschäftsführung übernehmen, die Handwerkskammern. Sie haben die Rechtsaufsicht und tragen dafür Sorge, dass die Innungen ihre Aufgaben gemäß der Handwerksordnung erfüllen. "Die Innungslandschaft ist Teil der DNA unseres Wirtschaftssektors", sagt Bernd Ehinger, Präsident der Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-Main. Gemeinsam mit den Innungen, Fachverbänden und Kreishandwerkerschaften erarbeite die Handwerkskammer Konzepte für die Zukunft. Dazu zählten etwa die Ausrichtung der beruflichen Bildung und Unterstützung bei wichtigen Themen der Digitalisierung.

Kommentar: "Engagement zahlt sich aus"

Das Innungswesen hat mit starkem Mitgliederschwund zu kämpfen – verantwortlich dafür sind in erster Linie nicht die Innungen selbst, sondern ein allgemeiner Wandel der Gesellschaft. Das Wertesystem hat sich fundamental verschoben. Die Bedürfnisse des Einzelnen und das persönliche Glück stehen heute an erster Stelle. Dies äußert sich in einer starken Fokussierung auf den eigenen beruflichen und privaten Erfolg. Der umgreifende Egoismus hat zur Folge, dass das Ehrenamt an Zulauf verliert. War es früher selbstverständlich sich in Parteien, Gewerkschaften oder Vereinen für das Gemeinwohl einzusetzen, bedarf es heute eines Kraftaktes, um neue Mitglieder zu gewinnen. Das trifft auch auf die freiwillige Innungsmitgliedschaft zu. Dabei lohnt sich das Engagement mehr denn je. Nur über die Interessenvertretungen des Handwerks finden die Unternehmen in diesen unruhigen und herausfordernden Zeiten, eine starke Stimme für ihre Interessen.

steffen.guthardt@holzmann-medien.de

Steffen Guthardt

Thomas Hoefling, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Region Stuttgart, betont, dass die Situation der Innungen "differenziert betrachtet werden muss, auch in Abhängigkeit zu einzelnen Gewerken." So gebe es neben den Innungen mit rückläufigen Mitgliederzahlen auch weiterhin die mitgliedsstarken Innungen mit eigenen Geschäftsstellen. Die Handwerkskammer Region Stuttgart lege einen s tarken Fokus auf Beratung und gemeinsame Projekte. "Im Bereich der Berufsorientierung und den Ausbildungsmessen wird gemeinsam Flagge gezeigt, aber auch der Tag des Handwerks wird in der gesamten Region organisationsübergreifend gelebt", sagt Hoefling. Wichtig sei, dass die Innung lebt, aktiv und dynamisch ist, finanziell solide agiert und vor allem attraktiv auftritt. "Dann ziehen die Mitglieder mit und neue treten ein", ist Hoefling überzeugt.

Auch die Handwerkskammer Dresden unterstützt die Innungen in ihrem Kammerbezirk bei Aktionen zur Nachwuchsgewinnung und Fachkräftesicherung. "Tradition und Moderne zu vereinen und die Gemeinschaft zur Lösung aktueller Herausforderungen zu nutzen", sieht Hauptgeschäftsführer Andreas Brzezinski als Erfolgsrezept der Innungen an. Er ist überzeugt, dass "Innungen auch in Zukunft das Fundament des regionalen Handwerks bilden werden, wenn sie einen modernen und digitalen Wandel vollziehen".

So reagieren die Innungen

Wenn Johann Fuchs über das Innungswesen spricht, schwingen dort viele Gefühle mit. Einerseits ist der Obermeister besorgt über die rückläufigen Betriebszahlen im Schuhmacherhandwerk, die die Innungsarbeit so herausfordernd machen. Andererseits ist Fuchs eine Kämpfernatur. Er lässt keinen Zweifel daran aufkommen, dass es auch in Zukunft schlagkräftige Innungen braucht, um den Interessen seines Berufsstandes Gewicht zu verleihen. Damit steht Fuchs nicht allein da. Ob klein oder groß, Beispiele aus vier Bundesländern zeigen, dass die Innungen mit einer klugen Strategie und einem attraktiven Angebot auch künftig ein wichtige Rolle im Handwerk einnehmen können.

"Wir sind wie ein gallisches Dorf. Klein, zäh und widerstandsfähig", sagt Johann Fuchs. Vor sechs Jahren zählte die Schuhmacher-Innung Landsberg am Lech, der der 71-Jährige seit 2006 vorsteht, nur noch drei Mitglieder. Gemäß der Handwerksordnung stand eine Auflösung im Raum, weil ihre Handlungsfähigkeit kaum noch gegeben war. Doch die Innung hat es geschafft, in kurzer Zeit mehrere neue Mitglieder zu gewinnen. Ihr Fortbestehen verdankt die Innung auch dem starken Engagement des Obermeisters selbst. ­Regelmäßig werden Fachveranstaltungen für die Betriebe organisiert und auf Ausbildungsmessen wird um Nachwuchs geworben. Für Fuchs bleibt es ein harter Kampf. "Das Schuhmacherhandwerk gehört auf eine Rote Liste für zu schützende Handwerksberufe", sagt der Obermeister.

Stärker durch Fusion

Ein möglicher Ausweg für mitgliederschwache Innungen kann die Fusion mit einer anderen Innung sein. Mit mehr Mitgliedern steigen die Einnahmen und damit die wirtschaftliche Handlungsfähigkeit der Innung. Zudem hat eine größere Organisation mehr Chancen ihren Interessen Gehör zu verleihen – sei es bei der Modernisierung des Ausbildungswesens oder beim Abschluss von Tarifverträgen. Ein gutes Beispiel dafür ist die Innung des Kachelofen-, Luftheizungsbauer- und Fliesenlegerhandwerks Ostsachsen. Bis zum Jahr 2012 hatte die Innung mit Sitz in Bautzen nur zwölf Mitglieder. Dank einer Fusion und dem Ausbau des Beratungsangebots zählt die Innung heute 28 Mitgliedsbetriebe.

Für Obermeister Hendrik Schütze hat der Zusammenschluss viele Vorteile mit sich gebracht: "Wir werden heute stärker wahrgenommen als früher und haben mehr Möglichkeiten uns weiterzuentwickeln." Schütze lobt das starke Engagement der Kachelofen- und Luftheizungsbauer. Der Organisationsgrad sei mit 47 Prozent der ansässigen Betriebe überdurchschnittlich hoch. Für die Mitglieder richtet die Innung neben der Jahreshauptversammlung mit Fachvorträgen alle zwei Jahre auch Branchentage aus, bei denen aktuelle Themen wie die Klimadebatte und strengere Umweltauflagen auf der Tagesordnung stehen. Zudem gibt es regelmäßige Freizeitaktivitäten bei denen die Partner der Betriebsinhaber eingebunden werden. "Für unser Gewerk sind wir inzwischen eine starke Innung", sagt Schütze stolz.

In Frankfurt am Main leitet Felix Diemerling als stellvertretender Obermeister und Geschäftsführer die Geschicke der Maler- und Lackierer-Innung Rhein-Main. Nach einer Fusion von drei Innungen besteht sie seit 1996 in ihrer heutigen Form. Mit aktuell knapp 200 Mitgliedern zählt die Innung in der hessischen Metropole zu den größeren Organisationen ihrer Art. "Wir haben uns in den letzten Jahren enorm weiterentwickelt was unser Angebot und unsere Aktivitäten betrifft", so der Geschäftsführer. Damals hatten sich die jüngeren Mitglieder der Innung zusammengesetzt und eine "Strategiekommission" gegründet, wie Diemerling es nennt. Ohne Denkverbot hätten sie darüber diskutiert, wie die Innung für die Betriebe wieder attraktiver werden kann.

Herausgekommen sind dabei drei zentrale Schwerpunkte: Ausbildung, Weiterbildung und fairer Wettbewerb. Ergänzend zur Präsenz auf 20 bis 30 Ausbildungsveranstaltungen im Jahr, hat die Innung eigene Formate geschaffen, wie etwa die "Bewerberwochen", die Betriebe mit Ausbildungsinteressierten zusammenbringen. "2019 konnten 25 Ausbildungsverträge durch die Vermittlung der Innung abgeschlossen werden" sagt Diemerling. Seit 2017 verfügt die Innung über ein eigenes Weiterbildungszentrum und bietet eine Begabtenförderung an. Den dritten Schwerpunkt bildet das Thema fairer Wettbewerb, das vielen Handwerker der Branche großen Ärger bereite. "Innungen sollten sich radikal an den Interessen der Betriebe ausrichten und nicht mit sich selbst beschäftigten", sagt Diemerling.

Politisches Gewicht

Zu den bundesweit größten Organisationen ihrer Branche gehört die Innung des Kraftfahrzeuggewerbes Region Stuttgart. Sie spricht für rund 900 Autohäuser und Kfz-Werkstätten mit über 12.000 Beschäftigten. "Wir haben auf allen politischen Feldern als Sprachrohr und Interessenvertretung unserer Betriebe eine starke Position", sagt Geschäftsführer Christian Reher. Als Beispiel führt Reher die Fahrverbotsdiskussionen in der Landeshauptstadt an. So wurde mit dem Engagement der Innung in der Luftreinhalteplanung des Landes erreicht, dass Softwareupdates zu einer zweijährigen Befreiung bei den geplanten Euro-5-Fahrverboten führen. Aus Sicht von Reher kann neben Fusionen auch die partnerschaftliche Zusammenarbeit verschiedener Innungen Mehrwerte für die Mitgliedsbetriebe schaffen. "Die Region Stuttgart ist ein Beispiel dafür, dass es auch in einer anderen Struktur geht, sagt Reher und verweist auf die enge Zusammenarbeit seiner Innung mit den Innungen Nürtingen-Kirchheim unter Teck und Göppingen.

Warum braucht es Innungen auch in Zukunft?

Johann Fuchs, Obermeister Schuhmacher-Innung, Landsberg am Lech

Wo könnte mehr für gut organisierte Ausbildung getan werden als in einer fachlich und personell gut aufgestellten Innung? Wer könnte das Berufsbild der einzelnen Gewerke besser darstellen? Die Innung braucht es, um den einzelnen Meister, Unternehmer, Gesellen und Auszubildenden bei der stets wachsenden Bürokratie zu unterstützen und fachliche, rechtliche und soziale Unterstützung zu bieten.

Hendrik Schütze, Obermeister Innung des Kachelofen-, Luftheizungsbauer- und Fliesenlegerhandwerks Ostsachsen

Die Innungen braucht es für den Erhalt eigenständiger Handwerksberufe, die nicht mit ähnlichen Berufen zusammengelegt werden. Nur über das gemeinschaftliche Miteinander und das Engagement der Handwerksbetriebe kann die Zukunft des Berufsstandes gesichert werden.

Jürgen Jobmann, Obermeister Maler- und Lackierer­innung Rhein-Main

Die Innung ist eine großartige Gemeinschaft, man kann fast schon von einer Familie sprechen. Ein Verbund, den wir gründen müssten, wenn es ihn nicht gebe. Wir sind davon überzeugt, dass die Innung für Unternehmer ein wichtiger Baustein für ihren wirtschaftlichen Erfolg ist.

Olaf Linck, Obermeister Innung Sanitär-, Heizungs-, Klimatechnik Dresden

Aus meiner Sicht sind Innungen dafür da, Leistungen für ihre Mitgliedsbetriebe zu erbringen, die der einzelne Betrieb nicht bieten kann. Dazu gehören Kontakte zur Handwerkskammer und anderen dem Handwerk zugehörige Organisationen, Lobbyarbeit in der örtlichen Politik zur Wahrung der Interessen unserer Mitglieder, Lehrgänge zur Weiterbildung sowie Öffentlichkeitsarbeit zur Gewinnung von Nachwuchs.

Dina Marschall, Obermeisterin Gold- und Silber­schmiede-Innung Stuttgart-Heilbronn-Reutlingen

Ohne diese Organisationen hätten wir keine Chancen auf unser Handwerk Einfluss zu nehmen und kein Mitspracherecht. Innungen ermöglichen den Austausch mit Kollegen, stärken die Gemeinschaft und beschäftigen sich mit wichtigen aktuellen Themen.

Torsten Treiber, Obermeister Innung des Kraftfahrzeuggewerbes Region Stuttgart

Innungen garantieren, dass die Stimmen und die Lage der Betriebe in der politischen Diskussion eine gewichtige Rolle spielen. Eine starke Innung ist eine starke Stimme und stoppt den Prozess der Vereinzelung, der überall zu beobachten ist. Und ein Blick über den Gartenzaun in Länder, die keine Innungen haben, zeigt, dass alles viel schlechter sein kann.

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