59 Prozent der Arbeitsstunden in Deutschland sind mit künstlicher Intelligenz und Robotik bereits heute technisch automatisierbar. Für das Handwerk bedeutet das jedoch keinen Jobverlust, wie eine neue McKinsey-Studie zeigt.

Wer an KI und Automatisierung im Handwerk denkt, hat vielleicht Bilder von autonomen Maurerdrohnen oder humanoiden Robotern auf der Baustelle im Kopf. Dem widerspricht jedoch eine aktuelle Analyse des McKinsey Global Institute. Zwar verfügt Deutschland laut der Studie über das größte Automatisierungspotenzial Europas mit möglichen Produktivitätsgewinnen von bis zu 486 Milliarden US-Dollar bis 2030. Doch branchenübergreifend entfallen 82 Prozent dieses wirtschaftlichen Potenzials auf KI-Software-Agenten und nur magere 18 Prozent auf klassische Robotik.
Das Ende der Zettelwirtschaft
Für das Handwerk liegt der größte Hebel von KI und Digitalisierung demnach nicht auf dem Gerüst, sondern in den administrativen und organisatorischen Prozessen. McKinsey beziffert das Potenzial allein im Bereich Verwaltung und Support in Deutschland auf 57 Milliarden Dollar.
Auf den Handwerksalltag übersetzt bedeutet das: Angebots- und Rechnungswesen, Materialdisposition, Terminsteuerung und Dokumentation stehen vor einer massiven Beschleunigung. KI-Systeme setzen dort an, wo heute noch fehleranfällige Medienbrüche zwischen Baustelle, Lager und Büro wertvolle Arbeitszeit kosten.
Die Studie räumt gleichzeitig mit der Angst vor dem massenhaften Jobverlust durch KI auf. Es werden nicht komplette Berufe wegrationalisiert, sondern es verändern sich die Arbeitsinhalte und -abläufe. Gerade Gewerke wie Sanitär, Heizung und Klima (SHK) ordnet McKinsey den "People-Agent-Robot"-Berufen zu. Das bedeutet: Der Mensch bleibt im Zentrum des Geschehens, wird aber durch digitale Assistenzsysteme flankiert.
Da handwerkliche Arbeit stark von wechselnden Umgebungen, Zeitdruck und unvorhersehbaren Situationen geprägt ist, bleibt die physische Arbeit vor Ort dominant. Dennoch ziehen automatisierte Teilaufgaben ein.
Besonders aufschlussreich für Betriebsinhaber: 86 Prozent der heute relevanten menschlichen Fähigkeiten bleiben laut der Analyse weiterhin gefragt. Es ändert sich nur der Arbeitsmodus. Problemlösung, Projektkoordination und analytisches Denken werden zu sogenannten "Shared Skills" – Fähigkeiten, die Mensch und Maschine gemeinsam nutzen.
Software allein reicht nicht aus
Ein Monteur etwa tippt künftig nicht mehr mühsam jeden Arbeitsschritt ins Tablet, sondern überprüft und zeichnet ab, was die KI anhand von Fotos und Sprachnotizen bereits fehlerfrei als Protokoll vorformuliert hat. Ein Bauleiter brütet nicht stundenlang über Excel-Listen, sondern wählt aus automatisierten Planungsvorschlägen den besten aus.
Die Tätigkeit verschwindet nicht, aber sie wird drastisch effizienter und setzt Zeit für andere Aufgaben frei. Die Nachfrage nach der Fähigkeit von Mitarbeitern, KI im Arbeitsalltag praktisch einzusetzen ("AI Fluency"), hat sich in Deutschland seit 2023 versechsfacht. Das betrifft laut Analyse zunehmend auch handwerksnahe Profile in der Logistik oder Wartung.
Doch die Studie liefert abschließend eine deutliche Warnung: Fast 90 Prozent der Unternehmen nutzen mittlerweile KI, aber weniger als 40 Prozent erzielen damit messbare Ergebnisse. Der Grund? Wer bestehende, ineffiziente Prozesse einfach nur mit einer neuen Software überzieht, gewinnt nichts. Echte Produktivität entsteht erst, wenn Betriebe ihre Arbeitsabläufe zwischen Baustelle, Büro, Lager und Kundenkommunikation durchgängig digital neu organisieren.
Die vollständige Studie bietet McKinsey zum Download an.