Die Innungen gelten seit Jahrhunderten als wichtiges Sprachrohr des Handwerks. Doch der anhaltende Mitgliederschwund gefährdet ihren Status. Mit neuen Köpfen, frischen Ideen und einer zeitgemäßen Ansprache soll die Trendwende gelingen.

Mehr als 2.000 Innungen wurden in den vergangenen 25 Jahren aufgelöst oder sind in einer Fusion aufgegangen. Damit ist jede dritte dieser Interessenvertretungen des Handwerks heute nicht mehr da, wie eine Studie der Bergischen Universität Wuppertal zeigt.
Ein Trend, der auch Handwerkspräsident Jörg Dittrich bewegt, sowohl aus Sicht der Arbeitgeber als auch der Arbeitnehmer. "Leider sind viele Betriebe nicht organisiert. Missstände auszuräumen oder falschen Entwicklungen entgegenzuwirken, das kann man am besten in der Gemeinschaft. Daher ist es aus meiner Sicht so wichtig, dass sich wieder mehr Menschen aktiv einbringen und sich an der Gestaltung der Zukunft unserer Gesellschaft beteiligen", betont Dittrich.
Er ist davon überzeugt, dass neue Ansätze gefunden werden müssen. "Im Mittelpunkt steht die Frage: Wie schaffen wir es, dass es einen Mehrwert gibt, sich zu engagieren, also in einer Innung Mitglied zu sein, genauso in einer Gewerkschaft. Oder in einer Partei, in der Freiwilligen Feuerwehr, in der Kirche. Denn wir sehen ja überall, dass das Engagement zurückgeht."
DGB befürwortet neues Verfahren für Innungsmitglieder
Ein Vorschlag dazu kommt von Stefan Körzell, geschäftsführender Bundesvorstand im Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB). Der DGB möchte auf Basis des von der Regierung geplanten Bundestariftreuegesetzes ein Präqualifikationsverfahren einführen. Damit sollen diejenigen Unternehmen, die in der Innung sind und den Tarifvertrag anwenden, bei Ausschreibungsverfahren einen Vorteil erhalten.
Sie müssten laut Körzell künftig lediglich eine Bescheinigung beilegen, in der nicht nur die fachliche Befähigung steht, sondern auch, dass die Firma den Tarifvertrag anwendet. "Damit wäre die Vergabe-Bürokratie erledigt", meint der DGB-Vorstand. Hingegen müssten Betriebe, die nicht in der Innung sind, Einzelnachweise führen, was mit zusätzlichem Aufwand verbunden wäre. "Der Vorteil liegt bei denen, die innungsgebunden und präqualifiziert sind, weil sie weniger Bürokratie haben", so Körzell.
Markus Glasl, Geschäftsführer des Ludwig-Fröhler-Instituts, führt das sinkende Engagement in den Innungen darauf zurück, dass von den Kollektivleistungen der Interessenvertretungen auch Nichtmitglieder profitieren können. "In der Konsequenz sinken die Beitragseinnahmen und die Innungen verlieren kontinuierlich an Schlagkraft."
Innungsarbeit auf neue Generation ausrichten
Nach Ansicht von Glasl ist der Schlüssel zu einer Trendwende, dass sich die Innungen stärker auf die Bedürfnisse der nachkommenden Betriebsinhaber konzentrieren. "Dazu braucht es neue Ideen und moderne Konzepte, die insbesondere auf die Bedürfnisse der jungen Unternehmergeneration zugeschnitten sind. Sie gilt es zu begeistern und in die Innungsarbeit zu integrieren." Der Wandel kann aus seiner Sicht am besten mit personellen Veränderungen in den Innungen gelingen.
Viele Innungen in Deutschland haben die Zeichen der Zeit bereits erkannt und stellen sich mit frischen Gesichtern und neuen Formaten für die Zukunft auf. So etwa die Schuhmacher-Innung Landsberg am Lech, wo sich inzwischen eine junge Obermeisterin engagiert.
Luisa Bredschneijder, Obermeisterin, Schuhmacher-Innung Landsberg am Lech
Mit ihren 34 Jahren zählt Luisa Bredschneijder zu einer neuen Generation des Ehrenamtes im Handwerk. Sie war die Wunschkandidatin von Vorgänger Johann Fuchs, die als junge Obermeisterin neuen Schwung in die Arbeit der Schuhmacher-Innung Landsberg am Lech bringen sollte. Bredschneijder ist stolz auf die lange Tradition der Innung. Mit ihren 534 Jahren gehört sie zu den ältesten in der Region. Auf der Tradition ausruhen möchte sie sich jedoch nicht und erinnert daran, dass es eine Zeit gab, wo die Innung mit nur drei Mitgliedern ums Überleben kämpfte.
Nach Zusammenschlüssen mit anderen Innungen sind es inzwischen wieder elf Mitgliedsbetriebe. "Manche stellen sich die Frage, wo der Mehrwert einer Innungsmitgliedschaft liegt. Das höre ich auch aus Gesprächen mit anderen Obermeistern. Deshalb schätze ich unser kleines, aber motiviertes Team, wo miteinander und nicht gegeneinander gearbeitet wird", sagt Bredschneijder.
Essenziell für den Fortbestand der Innungen sind aus ihrer Sicht regelmäßige Begegnungen und der offene Austausch – ob in ihrem Geschäft in der Landsberger Innenstadt oder bei den Veranstaltungen der Innung. Es gibt Fachnachmittage in den Werkstätten der Mitgliedsbetriebe, gemeinsame Ausflüge, Weißwurstessen oder Gottesdienste.
Zudem spricht die Innung regelmäßig auf Messen junge Leute an, um sie für das Schuhmacherhandwerk zu begeistern. "Wenn wir uns zeigen, bekommen wir auch viel Aufmerksamkeit und an den Messeständen entstehen Menschentrauben", sagt die Schuhmacherin. Mit der eigenen Website, die vor zwei Jahren aufgebaut wurde, geht die Innung auch digital einen Schritt vorwärts. Als Obermeisterin möchte sie weitermachen, solange ihr die Kollegen das Vertrauen schenken. "Mir ist es ganz wichtig, dass die Innung am Leben bleibt."
Stefan Baier, Obermeister, Fliesenleger-Innung Freiburg
Ursprünglich interessierte sich Stefan Baier nicht groß für die Arbeit der Innungen. "Dann kam ein Urgestein der Innung auf mich zu. Er hat mich von der Bedeutung der Innungsarbeit überzeugt. Schon in der nächsten Sitzung wurde ich in den Vorstand gewählt", sagt der Fliesen-, Platten- und Mosaiklegermeister.
Er schätzt die flachen Hierarchien und die entspannte Atmosphäre im Team, die wesentlich dazu beitrage, dass die Fliesenleger-Innung Freiburg in den vergangenen zehn Jahren sämtliche strukturell bedingten Abgänge durch Neumitgliedschaften ausgleichen konnte. Baier ist es wichtig zu vermitteln, dass Innungsarbeit Spaß macht. So hat er zuletzt auf eine Innungsversammlung den Malermeister und Witze erzählenden YouTube-Star Oli Gimber eingeladen. Gute Lobbyarbeit, Nachwuchswerbung, kostenfreie Rechtsberatungen und zusätzliche Leistungen wie ein Fitnessangebot für Firmen seien sichtbare Mehrwerte einer Innungsmitgliedschaft.
Sandra Wolf, Obermeisterin, Mechaniker-Innung Rems-Murr
Sandra Wolf lernte die Innungsarbeit schon früh durch ihren Vater kennen, der selbst Mitglied war. Für die Obermeisterin der Mechaniker-Innung Rems-Murr ist es eine ganz wichtige Institution, um den eigenen Horizont zu erweitern, andere Leute kennenzulernen und sich fachlich auszutauschen. "Ich wüsste nicht, wo ich privat ein solches Netzwerk mit Mehrwerten für meinen Betrieb aufbauen könnte wie in der Innung", sagt Wolf.
Gemeinsam mit ihrer stellvertretenden Obermeisterin seien sie ein starkes Team und fühlten sich als Frauen in der männerdominierten Branche voll akzeptiert und anerkannt. Dennoch beobachtet auch sie den rückläufigen Organisationsgrad mit Sorge. Dabei stellt sie fest, dass viele Unternehmen sich heute gar nicht mehr mit dem Handwerk identifizieren wollen, sondern sich ihren Kunden als etwas anderes verkaufen möchten. Das sei auf ein Imageproblem des Handwerks zurückzuführen.
Fusionen seien deshalb eine natürliche Entwicklung, um dem Mitgliederschwund zu entgegnen und handlungsfähig bleiben zu können. Wolf plädiert an Handwerksunternehmer, über ihre Haltung zum Ehrenamt nachzudenken. "Man sollte sich nicht nur fragen, was die Innung für mich tut, sondern auch, wie ich mich selbst für den Erhalt meiner Interessenvertretung einbringen kann."
Laura Lammel, Obermeisterin, Bauinnung München-Ebersberg
Laura Lammel ist überzeugt, dass sich die Innungen verändern müssen, um neue Generationen überhaupt noch erreichen zu können. "Ich kann nicht an alten Dingen festhalten, wenn sich um mich herum alles bewegt", sagt die Obermeisterin der Bauinnung München-Ebersberg. Sie hegt große Zweifel daran, ob junge Menschen heute noch das große Bedürfnis nach Stammtischgesprächen haben und sich dafür in der Innung engagieren.
Deshalb sei es wichtig, weg von der Stammtischkultur zu kommen und neue, digitale Formate zu entwickeln. "Seit ein paar Jahren findet bei uns ein digitales Hoffest mit Kurzvorträgen zu digitalen Erneuerungen/Apps rund um das Baugewerbe statt."
Zudem biete die Innung umfangreiche Veranstaltungen zu denen Fortbildungen, Sachvorträge aber auch Öffentlichkeitsveranstaltungen gehören. Innerhalb der Innung brauche es zeitgemäße Ansprachen, die von flachen Hierarchien und einer teamorientierten Arbeitsweise geprägt seien. Ihre Innung sieht sie dabei auf einem guten Weg. "Ohne diese Gestaltungschancen würde ich meine Zeit nicht für die Innung opfern", so Lammel.


