Finanzen + Geld -

TV-Kritik: ARD - "Der rote Riese zockt ab" über heikle Geschäftspraktiken der Sparkassen So können überhöhte Dispozinsen in den Ruin führen

Wer spart, hofft auf die Segnungen des Zinseszins-Effekts. Dass umgekehrt auch Banken und Sparkassen davon profitieren können, ist weniger bekannt. Doch gerade manche Sparkassen machen durch überhöhte Zinsen auf Dispositionskredite kräftig Kasse auf Kosten vieler Mittelständler, was mitunter sogar Insolvenzen beschleunigen kann. Das war die Kernaussagen einer umsichtigen, solide recherchierten und ausgewogenen Reportage in der ARD.

Man kennt die alte Leier. Wer frühzeitig mit dem Sparen anfängt und regelmäßig etwas zurücklegt, kann bei entsprechend langer Laufzeit auch mit anfangs kleinen Beträgen eine ordentliche Gesamtrendite herausholen. So zumindest die Theorie, denn seit es auf sichere Anlagen so gut wie keine Zinsen mehr gibt, ist auch der für die Vermehrung des Geldes so zentrale Zinseszinseffekt nicht mehr das, was er mal war. Umgekehrt sind derzeit auch die Zinsen, die Banken für das Überlassen von Geld verlangen, historisch niedrig. Doch in einem Bereich haben sich hohe Zinsen gehalten: beim Dispokredit. Und hier langen manche deutschen Sparkassen offenbar kräftig zu.

Ein Lied davon kann Gerhard Stelter singen, Ex-Geschäftsführer des im Jahr 2008 insolvent gegangenen Fenster- und Türenwerkes "Polar" aus der Nähe von Verden in Niedersachsen. Rund 90 Arbeitsplätze gingen damals verloren, und noch heute kämpft der damalige Chef um viel Geld. Denn die örtliche Sparkasse, davon ist Stelter überzeugt, hat ihn mit überhöhten Dispozinsen auf dem Geschäftskonto über den Tisch gezogen und dadurch die Insolvenz mit verursacht. Und auch die Volksbank habe ihn mit demselben Trick reingelegt. Für ihn geht es dabei auch um nichts weniger als seine Reputation als Geschäftsmann: Im Laufe der Jahre hat Stelter durch die Klagen gegen die Sparkasse raumhohe Schränke mit Akten gefüllt.

Kleiner Trick, große Wirkung

Den Trick beim Dispozins rechnete die ARD-Redaktion anschaulich vor: Senkungen des Leitzinses, zu dem die Banken sich bei der Zentralbank Geld leihen können, werden einfach nicht immer in vollem Umfang in Form eines niedrigeren Dispozinses an die Kunden weitergegeben, wie es eigentlich ab einer gewissen Veränderung Pflicht wäre - und die Differenz zwischen den beiden Zinssätzen erhöht sich und damit die Gewinnspanne der Bank. Den Dispositionskredit, wurde erklärt, bräuchten Unternehmer immer wieder, etwa wenn Kunden in Zahlungsverzug seien.

Und auch wenn durch die überhöhten Zinsen zunächst nur kleine Summen zusammenkommen, die zu viel berechnet werden - etwa 100 Euro im Jahr - so würden dadurch doch durch den Zinseszinseffekt viel mehr, wie Hans-Peter Eibler, Kreditsachverständiger und in dieser Eigenschaft praktisch Kronzeuge in der Reportage, erläutert. Das sei, so Eibler, "eine Verschiebung von Kapital zulasten der Kunden", die auch nicht durch Softwarefehler, sondern durch menschliches Eingreifen zustande kämen. Im Falle von Gerhard Stelter hat Eibler nachgerechnet: Im Juli 2005 etwa seien anstatt von der Bank angegebener 9,5 Prozent Dispozinsen sage und schreibe 17,45 Prozent berechnet worden, das waren 1000 Euro zu viel. Für Stelter ist klar: Über die Jahre sei so eine Million Euro an ihm vorbeigegangen, und hätte er die gehabt, wäre alles ganz anders gelaufen.

Letztere Aussage, die so nicht nachprüfbar ist, ließ die Reportage allerdings nicht für sich stehen, sondern ordnete sachlich ein, dass für eine Insolvenz in der Regel nicht nur eine isolierte Problemlage verantwortlich ist und blieb so immer in kritischer Distanz zu ihren Protagonisten.

Auch die beschuldigten Sparkassen und Genossenschaftsbanken wurden in allen Fällen mit den Vorwürfen konfrontiert. Deren Antworten schwankten allerdings meist zwischen der Verweigerung einer Äußerung aufgrund laufender Verfahren oder der Geheimhaltung von Details zu Kundenbeziehungen. Interviews gab es keine. Lediglich die Volksbank Aller-Weser ließ sich in Stelters Fall ein wenig inhaltlich ein und bezweifelte, dass Zinsbelastungen in der geschilderten Größenordnung bei einem Unternehmen in der Größe des von Stelter geleiteten für eine Insolvenz mitverantwortlich sein könnten. Auch hier arbeitete die ARD sehr sauber, und die Zahlen sprachen ja auch so für sich. Genau wie bei einer Kfz-Werkstatt in der Nähe von Lüneburg.

Mehr als 200.000 Euro Schaden bei einem Kfz-Betrieb

Thomas und Reinhard Kühl reparieren und verkaufen Autos in Tetenhusen, früher wurden hier Kutschen gebaut. Von Insolvenz kann nicht die Rede sein, doch als der Sachverständige Hans-Peter Eibler mit den Zahlen ums Eck kommt, die er für den Betrieb der Kühls errechnet hat, staunen die nicht schlecht. 82.000 Euro seien durch überhöhte Zinsen verloren gegangen, und wenn man noch rechne, was in der ganzen Zeit mit dem Geld hätte erwirtschaftet werden können, sei ein Schaden von mehr als 200.000 Euro entstanden. Auch die Kühls haben nach langem Überlegen ihre Bank verklagt, die seit Jahrzehnten bei verschiedenen Anlässen immer finanziell zur Seite gestanden war. Ein schwerer Schritt für die Handwerker, die gerade Sparkassen eben als Partner sehen, die sich laut ihrer Satzungen gerade vor Ort um den Mittelstand kümmern sollen - im Gegensatz zu Privatbanken.

In ruhiger Tonlage, ohne Schaum vor dem Mund und unter Verzicht auf Überdramatisierung stellte die Reportage noch weitere Unternehmer dar, die sich von ihren Sparkassen um Geld geprellt fühlen und teils auf drastische Weise ihrem Unmut Luft machen. So wie der "schwarze Mann von Verden", Rüdiger Meyer, der vor der örtlichen Sparkasse immer wieder mit Transparenten als Ein-Mann-Demonstration erschien, schwarz gekleidet und mit einem Galgen, den sich Unternehmer nehmen könnten, wenn sie mit der Sparkasse zusammenarbeiteten. Auch Meyer hat bereits eine Insolvenz hinter sich und macht das Kreditinstitut dafür verantwortlich. Doch wie schon zuvor verweigerten sich die ARD-Journalisten einer einseitigen Parteinahme. Dass Meyer nie für das Zeigen seiner Schilder belangt worden sei, wie er sagte, bedeute noch nicht, dass er Recht hat, stellte die Stimme aus dem Off fest - und an anderer Stelle hieß es: "Ruin hat viele Gründe."

Überzeugende Experten, saubere Recherche

In der Tat: Die vorgestellten Landwirte, Altenpfleger und Handwerker sowie viele andere Betroffene dürften nicht alle ausschließlich wegen des Geschäftsgebarens der Sparkassen in die Insolvenz gegangen sein. Doch die Berechnungen des Sachverständigen Eibl und die Statements des immer wieder eingeblendeten Juristen und Bankenexperten Hans-Peter Schwintowski wussten durchaus zu überzeugen. Schwintowski zufolge kämen im Mittelstand immer wieder Betriebe in die Insolvenz, ohne dass ein Sachgrund vorliege, sondern weil ein "Kaputtmachen der gewerblichen Wirtschaft" durch Banken vorliege. Die Vorschläge zur Verbesserung nahmen in der Reportage indes nur wenig Raum ein: Der Einsatz einer Software zur Überprüfung und Zertifizierung der Dispozinsen und die Forderung nach einer Beweislastumkehr zulasten der Banken kamen zur Sprache.

Abgerundet wurde die sauber recherchierte Sendung durch den Blick auf die Sparer. Diese seien durch zu geringe Anpassungen von Sparzinsen an Erhöhungen des Leitzinses ebenfalls jahrelang über den Tisch gezogen worden, so die These. Dabei dürfte es vor allem um ältere, gut verzinste Verträge wie das berühmt-berüchtigten Prämiensparen mancher Sparkassen gehen, das schon länger in den Medien ist, da Kunden aus diesen Verträgen gedrängt werden sollten. Am Ende war dieser Aspekt in der Sendung jedoch eher zweitrangig. Nicht zu Unrecht - denn im Vergleich zu den sehr präsenten überhöhten Dispozinsen klang die Rede vom hohen Sparzins auch ziemlich prähistorisch.

>>Link zur Sendung<<

© deutsche-handwerks-zeitung.de 2019 - Alle Rechte vorbehalten