Die Gesundheitshandwerke stehen für eine gesicherte Versorgung von Patienten. Aber wie lange können sie das unter den aktuellen Bedingungen noch leisten? Ein erster gemeinsamer Branchenreport zeigt, womit die Betriebe kämpfen und stellt klare politische Forderungen.

Fachkräftemangel, wirtschaftlicher Druck und lähmende Bürokratie: So sehr sich die fünf Gesundheitshandwerke der Augenoptik, Hörakustik, Orthopädieschuhtechnik, Orthopädietechnik und Zahntechnik unterscheiden, so sehr kämpfen sie doch alle fünf mit denselben Problemen. Das zeigt der "Branchenreport der Gesundheitshandwerke 2025".
Erstmals hat die Arbeitsgemeinschaft der fünf Gewerke mit diesem Bericht eine gemeinsame Bestandsaufnahme zur aktuellen Lage erstellt. "Mit unserem Bericht vollziehen wir einen Perspektivwechsel: Wir schauen nicht durch die Brille der Krankenkassen auf die Versorgung, sondern wir nehmen die Position unserer Kollegen, unserer Betriebe ein", beschreibt Christian Müller, Präsident des Zentralverbandes der Augenoptiker und Optometristen.
Gesundheitshandwerke vor administrativem Kollaps
Diese Perspektive hat es in sich. Jens Schulte, Präsident des Spitzenverbandes Orthopädie-Schuhtechnik, warnt: "So kann es nicht weitergehen, denn das System beginnt auf der administrativen Ebene zu kollabieren. Wir müssen dafür sorgen, dass immer knapper werdende Ressourcen nicht für bürokratischen Aufwand, sondern wieder für die Versorgung der Menschen genutzt werden." Dafür brauche es ein Mindestmaß an Vertrauen gegenüber den Leistungserbringern.
Der Bericht soll helfen, dieses Vertrauen mittels solider Datenbasis zu stärken. Zahlen und Fakten zu jeder einzelnen Branche – Aufgaben, Ausbildung, Personalsituation – werden ergänzt durch branchenübergreifende Statistiken. Die zeigen, unter welchem Druck die Betriebe stehen.
Die Gewerke schließen Verträge mit den gesetzlichen Krankenkassen (GKV), um Patienten versorgen zu dürfen. Dies und weitere formale Anforderungen bedeuten viel bürokratischen Aufwand. Gleichzeitig ist die Vergütung durch die GKV immer wieder unzureichend, vor allem in Krisensituationen wie durch Pandemie oder Inflation. Dann steigen zwar die Betriebskosten, nicht aber die Bezahlung. Denn die bestehenden Verträge lassen sich nicht oder nur mit sehr großer Zeitverzögerung anpassen. Die Leistungserbringer können also Preissteigerungen nicht an die Patienten weitergeben.
Löhne in Gesundheitshandwerken nicht wettbewerbsfähig
Im Bericht heißt es dazu: "Es bedarf der Möglichkeit von kurzfristigen Preisanpassungen und insbesondere Vertragsverhandlungen auf Augenhöhe, die die Gesundheitshandwerke als Leistungserbringer vermissen. Denn damit ist zweierlei zu verbinden: Erstens wirkt sich die Vergütung der GKV in Verbindung mit Material-, Personal- und Betriebskosten auf die maximale Höhe der Gehaltsvergütung in den Betrieben aus. Das macht wettbewerbsfähige Löhne unmöglich, was den Fachkräftemangel verschärft." Zudem führe der wirtschaftliche Druck dazu, dass immer mehr Leistungserbringer aufgeben. Die Zahl der Betriebe im Querschnitt der fünf Gewerke sinkt, gleichzeitig steigt der Bedarf an ihren Leistungen, wie die Grafik zu den GKV-Leistungsausgaben zeigt.
Verschärfend auf den Fachkräftemangel wirkt die Bürokratie. Die Beschäftigten würden an einer effektiven und effizienten Arbeitsweise gehindert, weist der Bericht speziell auf das Präqualifizierungsverfahren (s. Kasten) und seine Auswüchse hin. "So muss insbesondere die alle 20 Monate stattfindende Betriebsbegehung endlich überarbeitet und die Präqualifizierung als Zulassungsbeschränkung für die Teilnahme an der Hilfsmittelversorgung evaluiert werden", fordern die Branchen. Denn andere Leistungserbringer wie Apotheken sind von der Präqualifizierung befreit, obwohl sie Hilfsmittel abgeben dürfen.
Eine weitere Hürde sehen die Branchen in den europäischen Vorgaben der Medizinprodukterichtlinie (MDR) für Sonderanfertiger. Betroffen sind hiervon vor allem Orthopädietechniker und Zahntechniker.
"Wir stehen für Fachkompetenz, für Innovationskraft und für eine nachhaltige Stärkung des Gesundheitssystems. Doch wie lange wir in Deutschland noch für Gesundheit, Lebensqualität und Teilhabe einstehen können, ist angesichts der wachsenden Bürokratielast fraglich", unterstreicht Alf Reuter, Präsident des Bundesverbands für Orthopädie-Technik, die politischen Forderungen der Verbände.
Fakten zu den Gesundheitshandwerken
- In Deutschland gibt es etwa 30.000 Betriebe in den fünf Gesundheitshandwerken. Sie beschäftigen rund 192.000 Menschen, davon rund 17.000 Auszubildende.
- Die Betriebe bestehen überwiegend aus kleinen und mittleren Unternehmen.
- Mehr als drei Viertel der rund 32 Millionen Hilfsmittelversorgungen im Jahr 2023 haben die Branchen für Versicherte der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) durchgeführt.
- Die "Hilfsmittelleistungserbringer" - so werden die Gesundheitshandwerke genannt - müssen in einem Präqualifizierungsverfahren nachweisen, dass sie grundsätzlich die Eignung für die Hilfsmittelversorgung nach § 126 SGB V haben.
- Erst nach dieser Präqualifizierung können sie Verträge mit den Krankenkassen oder deren Landesverbänden schließen, so der § 127 SGB V.
- Im so genannten Hilfsmittelverzeichnis sind die Qualitäts- und Leistungsanforderungen an die Leistungserbringer festgeschrieben, ebenso im Pflegehilfsmittelverzeichnis (§ 139 SGB V und § 78 SGB XI). Beide Verzeichnisse zusammen umfassen derzeit mehr als 44.000 Produkte.
- Zwischen der Zahntechnik und dem GKV-Spitzenverband wird ein bundeseinheitliches Verzeichnis der abrechnungsfähigen zahntechnischen Leistungen vereinbart, die im Rahmen der vertragszahnärztlichen Versorgung erbracht werden können (§ 88 SGB V).
Forderungen der Gesundheitshandwerke
Um auch in Zukunft die Versorgung der gesetzlich Versicherten gewährleisten zu können, streben die Gesundheitshandwerke folgende Ziele an:
- Die Würdigung der Gesundheitshandwerke als unerlässlicher Teil des Hilfsmittel- und Zahnersatzversorgung von gesetzlich Versicherten sowie als wesentliches Element einer mittelständischen Wirtschaftsstruktur.
- Faire und auskömmliche Leistungsvergütung und Vertragsverhandlungen mit gesetzlichen Krankenkassen auf Augenhöhe.
- Abbau von unnötiger Bürokratie auf nationaler und europäischer Ebene, um die Zeit der Beschäftigten sinnvoll für die Herstellung und Anpassung von Produkten sowie die Versorgung der Patienten zu gewährleisten. Allen voran die Überarbeitung des Präqualifizierungsverfahrens.
- Attraktivitätssteigerung des Berufsbildes Gesundheitshandwerk durch faire und auskömmliche Leistungsvergütung, Abbau von Bürokratie und Kompetenzerweiterung der Gesundheitshandwerke.