Nach den ersten 100 Tagen der schwarz-roten Bundesregierung ziehen Handwerk und Bau eine gemischte Bilanz. Während erste Reformen und Investitionsprogramme anerkannt werden, wächst zugleich die Kritik an fehlender Umsetzung, ausbleibenden Anreizen und verpassten Chancen.

100 Tage nach dem Amtsantritt von Bundeskanzler Friedrich Merz zeigt sich in der Bau- und Handwerksbranche ein widersprüchliches Bild. Tim Oliver Müller, Präsident des Hauptverbands der Deutschen Bauindustrie (HDB), warnt vor einem drohenden "Anti-Bau-Turbo". Zwar sei der politische Wille erkennbar, doch ohne klare Prioritäten, gesicherte Budgets und verbindliche Zeitpläne bleibe der Effekt aus. Die anfängliche Aufbruchsstimmung drohe zu verpuffen, wenn Ankündigungen nicht in konkrete Projekte übersetzt werden, erklärte Müller der WirtschaftsWoche in einem Interview.
Handwerk sieht Vertrauen enttäuscht
Auch im Handwerk ist die anfängliche Euphorie verflogen. Jörg Dittrich, Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH), spricht von einem "echten Vertrauensvorschuss", der bislang nicht zurückgezahlt worden sei. Wichtige Koalitionsversprechen wie die Senkung der Stromsteuer seien nicht erfüllt, während Rentenbeschlüsse jede generationengerechte Reform vermissen ließen. Zwar lobt Dittrich das Investitionssofortprogramm, verbesserte Abschreibungsmöglichkeiten und Fortschritte bei Planungs- und Vergabeverfahren, doch vermisst er eine klare Handschrift zugunsten des Mittelstands. Entscheidungen seien zu sehr auf große Industrieunternehmen zugeschnitten, während entlastende Maßnahmen wie Arbeitszeitflexibilisierung oder der Abbau bürokratischer Pflichten noch auf sich warten lassen.
Baugewerbe fordert den "zweiten Turbo"
Felix Pakleppa, Hauptgeschäftsführer des Zentralverbands Deutsches Baugewerbe (ZDB), erkennt in den ersten 100 Tagen "spürbaren frischen Wind". Die Novelle des Baugesetzbuchs, die Planungen beschleunigt und Kommunen mehr Handlungsspielraum gibt, sei ein klarer Fortschritt. Ebenso begrüßt er die Erhöhung der Infrastrukturmittel auf rund 34 Milliarden Euro ab 2025 und den Kabinettsbeschluss zum Vergabebeschleunigungsgesetz als fairen Kompromiss. Doch Pakleppa mahnt: Ohne gezielte Investitionsanreize, wie das geplante Förderprogramm für energieeffizientes Bauen im EH55-Standard, werde selbst ein Bau-Turbo nicht zu deutlich mehr Bauleistung führen.
Kfz-Gewerbe sieht Mittelstand außen vor
Auch das Kfz-Gewerbe zieht nach 100 Tagen Merz eine gemischte Bilanz. ZDK-Präsident Thomas Peckruhn lobt zwar angekündigte Reformen wie Bürokratieabbau, Sonderabschreibungen und die Senkung von Energiekosten als wichtige Signale, mahnt jedoch deren schnelle und praxisnahe Umsetzung an. Besonders kritisch bewertet der Verband die Steuerpolitik: Die geplante Körperschaftsteuersenkung ab 2028 greife nicht für die überwiegend als Personengesellschaften geführten Familienbetriebe, und eine versprochene Stromsteuersenkung für alle Unternehmen sei ausgeblieben – ein spürbarer Nachteil für energieintensive Werkstätten und Autohäuser. Auch in der Elektromobilität sieht Peckruhn Lücken: Kaufanreize konzentrierten sich zu stark auf gewerbliche Flotten, während private Käufer und das Leasinggeschäft kaum berücksichtigt würden. Ohne bezahlbaren Ladestrom und eine verbesserte Ladeinfrastruktur drohe die Mobilitätswende ins Stocken zu geraten.
Dringender Handlungsbedarf
Trotz einzelner Fortschritte eint die Branchenvertreter eine zentrale Forderung: Die Bundesregierung müsse jetzt entschlossen nachlegen. Das heißt, Bürokratie spürbar abbauen, steuerliche und finanzielle Rahmenbedingungen verbessern, die Sozialsysteme zukunftsfest gestalten und Investitionshemmnisse abbauen. "Steuern runter, Abgaben runter, Energiepreise runter, Bürokratie abbauen – und zwar spürbar und sofort,“ so Pakleppa. avs