Während die meisten Stoffe in Masse produziert werden, webt Sylvia Wiechmann noch von Hand individuelle Muster. So alt ihr Handwerk ist, so bunt, neu und einzigartig sind die Stoffe in ihrer kleinen, feinen Werkstatt. Zu Besuch in der Werkstatt der Handweberin in München.
Mitten in der Münchner Innenstadt mischt sich das Brummen der Autos mit den Gesprächen der Passanten zu einem monotonen Hintergrundrauschen. Die warme Nachmittagssonne fällt auf eine große Illustration an einer Hauswand. Darauf prangt der Schriftzug "Break Free" und ein großer Pusteblumensamen durchbricht die Kette, die sich über Industriegebäude spannt. Darüber hängen die gelben Buchstaben "MGH Gewerbehof Westend." Hier hat Sylvia Wiechmann ihre Nische gefunden, abseits der industriellen Stoffproduktion.
Der Innenhof ist von siebenstöckigen Gebäuden umrahmt, die lange Schatten auf die parkenden Autos werfen. Der dunkle Flur im zweiten Obergeschoss im Gebäudeblock C ist erfüllt vom Kreischen der Kreissägen. Seit 24 Jahren liegt hier ihre Handweberei-Werkstatt. Hinter der Tür hört man jedoch nur leise das Radio dudeln und die weiße Tür öffnet sich in eine farbenfrohe Welt.
In der Werkstatt der Handweberin herrscht Ruhe und Konzentration
Der hohe Raum wirkt gemütlich. Überall hängen bunte Stoffe. Die 50 Quadratmeter sind vollgestellt mit mehreren hölzernen Webstühlen unterschiedlichster Größe. Sylvia Wiechmann sitzt an einem kleinen Übungswebstuhl, an dem sie auch Webkurse gibt und fädelt die Kettfäden, die längs verlaufenden Fäden, ein.
Konzentriert arbeitet sie sich voran und kontrolliert ihre Arbeit direkt, um nicht später den Stoff wieder auflösen zu müssen. Als sie aufsieht, nimmt sie ihre orange-violette Brille ab und lächelt freundlich. Das Lächeln wird zu einem Strahlen als sie von ihrem Gewerk erzählt: "Einen Faden nach dem Anderen in Ruhe einzufädeln, immer wieder dieselben Handgriffe zu machen und am Ende direkt zu sehen, was ich gemacht habe, ist ein großes Glück."

Handweberin: Kein eigener Ausbildungsberuf mehr, jedoch immaterielles Kulturerbe
Der "Webvirus" infizierte sie im Detmolder Freilichtmuseum. Sie begeistern die Techniken hinter den Textilien, mit denen aus ein paar Schnüren und Latten tolle Muster und Stoffe entstehen. Mit dieser Begeisterung brach sie nicht nur aus industriellen Zwängen, sondern auch aus dem Schichtdienst aus.
Nach der Schule hatte sie als Krankenpflegerin gearbeitet und mit 29 Jahren ihre zweite Ausbildung als Handweberin in Tegernsee begonnen. 1994 machte sie ihren Meister in diesem seltenen Beruf, der seit 2011 kein eigener Ausbildungsberuf mehr ist. Er wurde durch den Beruf Textilgestalter/in im Handwerk mit der Fachrichtung Weben abgelöst. Gleichzeitig ist das Handweben 2023 immaterielles Kulturerbe in Deutschland geworden.
Ihre Nische sind exklusive Stoffe mit individuellen Mustern. Nur wenige Meter und eine geringe Stückzahl sind für die Industrie nicht rentabel. Neben Privatpersonen sind Kirchen und Museen ihre Kunden, für die sie Schals, Kissenbezüge, Altarschmuck, Stoffstreifen oder Stolas herstellt und historische Stoffe wie zum Beispiel Reliquienbeutel nachwebt. Rechts an der Wand, über einer kleinen Theke, hängen graue Stoffe mit stilisierten Gesichtern und blinzeln den Betrachter leicht schelmisch an. Das sind ihre textilen Bilder, die sie in Ausstellungen zeigt als Mitglied der GEDOK, einem Künstlerinnenverein.
Heute ist Sylvia Wiechmann alleine in der Werkstatt, bis die Tür aufgeht und ihre Praktikantin Katharina hereinkommt. Die beiden Frauen begrüßen sich und Handweberin Wiechmann meint: "Du weißt ja, wo alles ist." Dann setzt sich Katharina an einen der Webstühle für ein bereits eigenes Projekt.
Damastweben: Die Technik der Handweberin
Wenn sie von ihrem Handwerk erzählt und immer mehr Fachbegriffe einstreut, wirkt es, als blicke man durch ein Schlüsselloch in einen unbekannten Kosmos: Es gibt eine schier unendliche Vielfalt an Techniken, Mustern und Möglichkeiten ein paar Fäden miteinander zu verweben. Besonders historische Stücke, die sie nachwebt, werfen Rätsel auf, die sie mit Eifer entwirrt. Dafür muss sie viel ausprobieren und manchmal sogar ihre Webstühle umbauen.

Das war auch einer der Beweggründe, warum sie sich unter anderem fürs Damastweben entschieden hat. "Als ich angefangen habe, wusste ich noch nicht, was Damast ist, aber ausbaubare Webstühle, das klang gut." Der Damastwebstuhl hat 50 zusätzliche Musterschäfte, die ein frei gestaltetes Muster ermöglichen. Eigentlich braucht der Damast nur einen Kettbaum an dem die Kettfäden aufgehängt sind. Durch den Anbau eines Zweiten wurden noch weitere Techniken für hochgemusterte Stoffe möglich. "Das mache ich für Aufträge oder einfach, weil mich der Hafer sticht." Schmunzelnd gibt sie zu, sich oft zurückhalten zu müssen, um nicht jeder Idee von Webschülerinnen oder Webschülern nachzugehen, um diese nicht zu überfordern.
Arbeiten mit dem Jacquardwebstuhl
Neben Umbauten braucht sie auch mehrere Webstühle, um viel abdecken zu können. Der Werkstattumzug ins Westend im Jahre 2000 war für sie eine große Gelegenheit. Seit 2006 bildet sie eine Werkstattgemeinschaft mit Hermine Kraus und kann sich mit ihr die Miete teilen. So blieb genug übrig und die Decke war endlich hoch genug, um (sich) einen Jacquardwebstuhl aufzustellen.
Mittlerweile hat sie zwei und einen liebevoll "Jackie" getauft. Er ist etwa drei Meter hoch und benutzt Lochkarten, wie ganz alte Computertechnik, wodurch die Muster vorgegeben werden. Aus dieser Höhe hängen für die Kettfäden kanariengelbe Aufhänger herunter. Der große Webstuhl sei auch ein guter Kleiderständer, scherzt sie. Tatsächlich hängen an einem Balken ein paar Jacken. Sylvia Wiechmann stellt sich an den Jacquardwebstuhl und beginnt diesen zu bedienen.
Es wird plötzlich ziemlich laut, während die Lochkarten durchrattern und der Schütze, der einen Faden quer durchführt, von links nach rechts schießt. Sylvia Wiechmann zieht die Lade zu sich ran, was ein Klopfen von Holz auf Holz erzeugt und verdichtet so die Fäden: Aus vielen, einzelnen Fäden entsteht ein feiner Stoff mit braun-dunkelviolettem Rautenmuster.
Das repetitive Rattern und Klopfen, die konzentrierte Ruhe und die beständige Freude, die die Handweberin bei ihrer Arbeit ausstrahlt, sind fast hypnotisierend. Mitten im Gewusel der Großstadt, der Hektik des Alltags ist ihre Werkstatt ein Fleckchen bunte Ruhe. Kein Wunder, dass viele Menschen aus ihrem Webkurs Wiederholungstäter werden, wie sie sagt. "Achtung. Weben macht süchtig", warnt sie scherzend.
Dieser Beitrag ist im Rahmen eines Reportage-Projekts des Master-Studiengangs Fachjournalismus und Unternehmenskommunikation an der Technischen Hochschule Würzburg-Schweinfurt entstanden. Die Deutsche Handwerks Zeitung ist Kooperationspartner für dieses Seminar.
