Börsengehandelte Wertpapiere können eine gute Altersvorsorge sein. Darin sind sich alle Experten einig – wenn man die Sache richtig angeht. Welche Investments sich lohnen – sieben Aktientipps für Einsteiger.
Sabine Hildebrandt-Woeckel

Keine Zinsen auf dem Sparkonto, Lebensversicherungen werden immer unattraktiver und auch von Immobilien als Altersvorsorge raten viele Experten ab. Da wundert es kaum, dass das Interesse an Aktien steigt. Im Jahresdurchschnitt 2015, so zeigt eine Erhebung des Deutschen Aktieninstituts (DAI), lag die Zahl der Aktionäre und Aktienfondsbesitzer in Deutschland bei gut neun Millionen und damit auf dem höchsten Stand der letzten drei Jahre. Gegenüber 2014 gab es ein Plus von fast sieben Prozent.
Franz-Josef Leven, stellvertretender Geschäftsführer des DAI, hofft, dass sich im kommenden Jahr noch mehr Menschen für die derzeit eindeutig renditestärkste Anlagemöglichkeit entscheiden. Allerdings, auch das stellt der Experte klar: Aktien eignen sich nicht für jedermann und nicht für jede Lebenssituation. Sieben Grundregeln, stimmen auch andere Experten zu, sollten niemals missachtet werden:
1. Psyche und Risikobereitschaft hinterfragen
Die erste Frage, die sich alle Aktieninteressenten stellen sollten, ist nicht, welche Aktie man kauft, sondern ob man selbst wirklich der Richtige für den Aktienhandel ist. Hinterfragen Sie ehrlich Ihre Risikobereitschaft. Wer beim ersten Kursverlust Panik bekommt, sollte lieber die Finger von Wertpapieren lassen. Und auch die Frage des Wie ist eng verbunden mit der Psyche der handelnden Person. Wer Zeit hat und schon länger mit dem Online-Banking vertraut ist, spart beim Online-Broker Geld. Wer Wert auf Beratung legt, startet besser mit einem Depot bei der Hausbank.
2. Nie Geldin Aktien anlegen, das kurzfristig gebraucht wird
Für kurz- oder mittelfristige Investitionen sind Aktien vollkommen ungeeignet. Der Anlagehorizont sollte mindestens acht bis zehn Jahre betragen. Zum Aufbau einer langfristigen Altersvorsorge eignen sie sich dagegen gut. Wichtig ist hier aber, frühzeitig eine feste Zeitspanne zu definieren,in der man sich von den Aktien wieder trennen will – und diese dann zu nutzen, um gute Kurse abzupassen.
3. Nie das gesamte Vermögen investieren
Wie groß der Vermögensanteil sein darf, der sich für Aktien eignet, hängt natürlich immer vom Einzelfall und von der Größe des Gesamtvermögens ab. Als grobe Faustregel aber gilt: 100 minus Lebensalter. "Gerade für junge Unternehmer", so Leven, "sind Aktien daher eine gute Option."
4. Nie allesin eine Aktie
Einsteiger sollten niemals nur auf wenige oder gar nur ein Unternehmen setzen. Rolf Ehlhardt, Vermögensverwalterin Mannheim, erläutert dies am Beispiel Volkswagen. Vor einem Jahr hätten sicher viele Profis zum Kauf von VW-Aktien geraten – und dies aus gutem Grund. Dennoch wäre dies für Einsteiger, die nur auf diese Aktie gesetzt hätten, eine Katastrophe. "Das Wohl und Weh der Abhängigkeit von einzelnen Aktien muss von vornherein ausgeschlossen werden." Grundsätzlich empfehlen Experten acht bis zehn verschiedene Werte, gestreut über verschiedene Branchen. Wem das zu kompliziert ist, dem rät Uwe Eilers, Vorstand der Geneon Vermögensmanagement AGin Königstein, besserin börsennotierte Fonds zu investieren, die einen bestimmten Index abbilden, beispielsweise den DAX. "So wird eine gute Streuung erreicht."
5. Nicht kaufen, was man nicht versteht
Grundlage von Aktienkäufen sollten immer rationale Entscheidungen und nie Emotionen sein. Ganz wichtig ist es daher, sich nicht von hohen Renditeversprechen locken zu lassen, weder bei Direkt-Investments noch im Fondsmantel. Klug agiert, wer nur Werte von Unternehmen kauft, die er selbst kennt und bewerten kann, erläutert Thomas Hünicke, Geschäftsführe WBS Hünicke Vermögensverwaltung Düsseldorf. Neulinge setzen am besten auf sogenannte "Value-Aktien", also Papiere von namhaften Unternehmen, diein etablierten Märkten agieren. In der Regel gibt es hier auch höhere Dividenden, also Beteiligungen am Unternehmensgewinn. Wer sich über interessante Unternehmen und deren Geschäftsmodelle informieren will, sollte alle Quellen nutzen: angefangen bei der Unternehmenshomepage über Geschäftsberichte bis hin zu professionellen Beratern.
6. Ruhe bewahren/nicht hin und her handeln
Um von Aktien profitieren zu können, ist es wichtig zu verstehen, wie Kursbewegungen zustande kommen, und nicht vorschnell zu handeln. Neben echten Unternehmensdaten, so noch einmal Experte Eilers, steuert die Psychologie das Handeln am Aktienmarkt. Herrscht euphorische Stimmung, möchte jeder auf den Zug aufspringen. Gerade Einsteiger lassen sich dann leicht anstecken und steigen zu überteuerten Kursen ein. Oder anlog werden bei mieser Stimmung Aktien verkauft, ohne dass es dafür wirtschaftliche Gründe gibt. Oberstes Gebot ist daher: Ruhe bewahren. Hinzu kommt, dass jedes hin und her handeln auch Gebühren kostet – und möglicher Gewinn so aufgefressen wird. Eine alte Börsenregel lautet: Hin und her macht Taschen leer. "Und die stimmt fast immer", meint auch DAI-Mann Leven.
7. Keine Aktien auf Kredit kaufen
Geradein Zeiten niedriger Zinsen kann man mitunter auch den Rat lesen, Aktien auf Kredit zu erwerben. Seriöse Berater aber würden einen solchen Rat gerade niemals geben – und erst recht nicht Einsteigern.
Fünf Kaufempfehlungen von Profis
Was Experten Aktieneinsteigern empfehlen:
Thomas Hünicke, Geschäftsführer WBS Hünicke Vermögensverwaltung Düsseldorf: "Eine gute Aktie ist aus meiner Sicht die des Lebensmittelkonzerns Nestlé. Das Unternehmen hat über 20 Jahre hinweg seinen Aktionären jährlich eine Dividende von rund drei Prozent ausgeschüttet."
Rolf Ehlhardt, Vermögensverwalter Mannheim: "Ich empfehle Einsteigern einen Europäischen Aktienfonds mit Schwerpunkt Value oder Dividende."
Uwe Zimmer, Vorstand Meridio Vermögensverwaltung AG, Köln: "Einfach und sicher sindin Index-Zertifikate oder Investmentfonds, die den gesamten DAX abbilden, zum Beispiel den ETF iShares Core DAX (WKN:593393)."
Reiner Beckmann, Geschäfstführer focon Börsebius Invest GmbH, Düsseldorf: "Zu Beginn ist es wichtig, keinen spekulativen Titel auszuwählen, sondern mit Papieren aus der Liga ,Witwen und Waisenpapiere‘ zu starten. Aus meiner Sicht zählt hierzu beispielsweise die Aktie von BASF SE – und das bereits mehr als 40 Jahre. Derzeit hat sie gleich drei Pluspunke: Substanz, Dividende und Einstiegszeitpunkt. Werin einen Produzent von Agrarprodukten sowie Öl- und Gasförderer investiert, legtin Substanz an. Die Dividende beträgt derzeit 4,3 Prozent und nach dem Höchstkurs von über 97 Euro kann man derzeit rund 30 Prozent niedriger einsteigen."
Uwe Eilers, Vorstand Geneon Vermögensmanagement AG, Königstein: "Wer anfängt, sollte zunächst auf ETR (Exchance Trades Funds) auf Aktienindizes, z.B. DAX oder Eurostoxx, setzen. Damit verteilt sich das Gesamtrisiko und Kursschwankungen werden reduziert. Alternativ kann man auch auf gemanagte Fonds setzen und damit das Know-how von Profis für die eigene Anlage nutzen."