Antivirenprogramme in der Kritik Windows Defender und Co.: Welche Antivirensoftware ist sinnvoll?

Um seine persönlichen und betrieblichen Daten bestmöglich vor Hackerangriffen zu schützen, ist der Kauf einer Antivirensoftware die Regel. Doch sind Antivirenprogramme wirklich sinnvoll? Das ist umstritten.

Steffen Guthardt

Täglich kommen neue Schadprogramme in Umlauf. Doch wie können sich Verbraucher und Betriebe schützen? Experten halten die meisten Antivirenprogramme für wenig sinnvoll. - © Trifonenko Ivan/Fotolia.com

Ist die Nutzung von Antiviren-Software überflüssig oder sogar schädlich? Das behauptet Robert O’Callahan, der 16 Jahre lang als Entwickler bei Mozilla Firefox, einem der weltweit meistgenutzten Internetbrowser, tätig war. "Anbieter von Antivirus-Software sind schrecklich. Kauft keine Antivirus-Software und deinstalliert sie, falls ihr schon eine habt", schrieb O’Callahan kürzlich in seinem Blog.

Der IT-Experte steht mit seiner Meinung nicht allein da. Ähnlich äußert sich zum Beispiel Justin Schuh, IT-Sicherheitsexperte vom Wettbewerber Google Chrome. Er findet die meisten Antivirus-Programme wenig sinnvoll und teilweise sogar schädlich. "Die Antiviren-Programme sind das größte Hindernis, das uns beim Ausliefern eines sicheren Browsers im Weg steht“, kommentierte er auf Twitter.

Beide begründen, dass die Antiviren-Programme wichtige System- und Software-Updates behindern können. Außerdem würden die Dienste teilweise Sicherheitslücken aufweisen, die Schadprogramme ausnutzen können. Ist der Virenschutz erst einmal geknackt, kann dessen gute Systemvernetzung Hackern sogar die Arbeit erleichtern .

Windows Defender als alleiniges Antivirenprogramm sinnvoll?

Ein Programm nehmen die beiden von ihrer Kritik allerdings aus: Der Windows Defender, Microsofts eigener Sicherheitsschutz, wird von den Fachleuten empfohlen – zumindest, dann, wenn das Betriebssystem auf dem aktuellen Stand ist. Es sei das einzige Programm, das standardisierte Sicherheitspraktiken einhalte und durchweg kompetente Sicherheitsentwickler einsetze.

Für private und betriebliche Computer-Nutzer bietet der Windows Defender zudem den Vorteil, dass er bereits im Kauf des Microsofts-Betriebssystems inbegriffen ist und damit keine Zusatzkosten für Antivirensoftware entstehen.

Ein Umstand, der das Geschäft für Antivirenhersteller wie Kaspersky und Symantec zunehmend schwieriger macht. Mehrere Hersteller haben nun Beschwerde bei der EU-Kommission gegen die Marktmacht von Microsoft eingelegt und streben ein Kartellverfahren an.

Doch sollten sich Handwerksunternehmer bei einem Cyberangriff wirklich allein auf die Bordmittel von Windows verlassen?

Antivirus-Software im Extrem-Test: Virenschutz allein reicht nicht

"Für die gängigen IT-Angriffe ist der Windows-Schutz ausreichend“, sagt Matthias Gärtner, Sprecher des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI). Gärtner stützt seine Aussage auf einen ­einjährigen Test des BSI. Über 365 Tage wurde das Betriebssystem Windows 7 mit simulierten Datenangriffen auf die Probe gestellt. Kein einziger Angriff mit Trojanern und anderer Schadprogrammen konnte den Windows Defender überwinden.

Gärtner schränkt allerdings ein, dass sich der Test nicht eins zu eins auf Rechner mit Windows 10 übertragen lässt, weil das Betriebssystem eine andere Vernetzung und Funktionsweise besitzt.

Bei den bekannten Antiviren-Programmen auf dem Markt kann Gärtner keine großen Qualitätsunterschiede ausmachen. Wichtig sei allerdings, im Betrieb nicht einfach eine kostenlose Antivirensoftware herunterzuladen. "In der Regel schließen die Hersteller in ihren allgemeinen Geschäftsbedingungen die gewerbliche Nutzung aus", sagt Gärtner.

Kontraproduktiv sei es zudem, mehrere Antivirenprogramme gleichzeitig zu installieren. "Hier besteht die Gefahr, dass sich die Programme gegenseitig behindern und die Systemgeschwindigkeit leidet", erklärt Gärtner. Der BSI-Experte weist zudem darauf hin, dass der Virenschutz allein Computer nicht sicher macht. Wichtig sei es, regelmäßig die Systemupdates auszuführen und am besten einen Internetbrowser zu wählen, der "Sandboxing" unterstützt. Dabei werden Anwendungen in einer isolierten virtuellen Umgebung gestartet, um das Betriebssystem vor dem Einfall von Malware zu schützen. Gärnter empfiehlt den Chrome-Browser von Google .

Antivirus-Software Test: Stiftung Warentest sieht Norton vorne

Weniger gute Noten stellt die Stiftung Warentest dem Windows Defender aus. In einer kürzlich durchgeführten Marktstudie schnitten alle getesteten Antiviren-Programme besser ab als Microsofts Standarddienst. Getestet wurden 13 kostenpflichtige und vier kostenlose Programme, die mit Tausenden von Viren, Würmern und Trojanern sowie Erpressersoftware, so genannter Ransomware, angegriffen wurden.

Testsieger war die Software Norton von Symantec mit der Note 1,9. Am Windows Defender (3,1) wurde neben der Schutzfunktion die Handhabung und schwache Unterstützung des Nutzers bemängelt.

Unabhängig von der Wahl der Antiviren-Software sind sich alle Experten in einem Punkt einig: Einen hundertprozentigen Schutz gegen Hackerangriffe gibt es nicht, weil immer wieder neue, unbekannte Schädlinge in die Systeme drängen.

Den kompletten Marktüberblick der Stiftung Warentest mit den Testberichten zu Antivirus-Programmen können Sie unter www.test.de kostenpflichtig herunterladen.