Seit 1927 baut der Familienbetrieb Schleicher in Poppenhausen Segelflugzeuge, heute in dritter Generation und für bis zu 400.000 Euro. Die Konkurrenz in Polen und Südafrika zahlt deutlich geringere Löhne, für neue Standbeine fehlen die Kapazitäten. Worauf Geschäftsführer Ulrich Kremer stattdessen setzt.

Ulrich Kremer betrachtet das Fliegen ganz unromantisch. Er selbst ist zwar Segelflieger, sein Blick darauf ist jedoch pragmatisch und richtet sich eher auf die Flugeigenschaften des Fluggeräts. Denn er ist Flugzeugbauer und Geschäftsführer des ältesten Segelflugzeugbauers der Welt. Umso romantischer ist der Ort, wo die Alexander-Schleicher-GmbH ihren Sitz hat: in Poppenhausen am Fuße der Wasserkuppe, dem höchsten Berg der Rhön und der höchsten Erhebung Hessens mit dem höchst gelegenen Landeplatz Deutschlands.
Doch damit nicht genug der Superlative: Die Wasserkuppe gilt als die Wiege des Segelflugs. Schon 1911 begannen Darmstädter Schüler mit ersten Flugversuchen. Die dortige Fliegerschule gilt als die älteste der Welt. Heute fliegt dort so ziemlich alles, was einen Schirm oder Flügel hat: Gleitschirme, Drachenflieger, Motorflieger, Modellflieger, Ballons – und eben immer noch die Segelflieger.
1927 gründete sein Großvater das Unternehmen
Obwohl Ulrich Kremer das Fliegen eher aus der Sicht der technischen Umsetzung betrachtet und nicht jeder Mitarbeiter bei Schleicher einen Flugschein haben muss, fordert er seine Auszubildenden dennoch auf, selbst das Fliegen zu lernen. "Sie sollen ein Gefühl dafür bekommen", wirbt Ulrich Kremer.
Er selbst führt den Betrieb zusammen mit seinem Bruder Peter in dritter Generation. Sein Großvater Alexander Schleicher hat das Unternehmen 1927 gegründet – an seinem Heimatort. Schleicher hatte Schreiner gelernt, kam nach der Walz und verschiedenen Anstellungen wieder zurück nach Poppenhausen und arbeitete ab 1923 als Flugzeugschreiner bei der Weltensegler GmbH auf der Wasserkuppe. Dort lernte er selbst das Segelfliegen. Nach diversen Tätigkeiten und verschiedenen Konstruktionsversuchen bezog er 1927 seine erste eigene Werkstatt in Poppenhausen. Die Entwicklung der Fluggeräte profitierte damals von der Pionierleistung der akademischen Fliegergruppen. Technisch waren die Studenten ihrer Zeit voraus.
Alexander Schleicher legte viel Wert auf die technische Umsetzung. Nach Gründung seines Unternehmens war er so schlau, erst einmal die besten Konstrukteure für sich zu gewinnen. Diese stellten ihm ihre Entwürfe zur Verfügung. Zusätzlich achtete Schleicher auf eine adäquate Umsetzung. Die Flugzeuge waren von sehr hoher handwerklicher Qualität. Pionier war er auch in Sachen Technik. Als Erster setzte er nach den ursprünglich verwendeten Werkstoffen Holz und Stahlrohr auf die neue Kunststoffbauweise in der Serienfertigung. Auf das Fliegen schaute er ähnlich pragmatisch wie der Enkel. "Eine Herzensangelegenheit war dem Großvater die Fliegerei wohl so richtig nicht", gibt Ulrich Kremer zu. Eher Mittel zum Zweck, um mehr über Flugeigenschaften und bestimmte Materialien zu erfahren und um daraus wiederum die besten Flugzeuge zu bauen.
Schon in den 50er-Jahren 100 Mitarbeiter
Der Absatz an Flugzeugen, die heute in alle Welt verkauft werden, wuchs recht schnell und das Unternehmen konnte die Zahl der Mitarbeiter schon vor dem Zweiten Weltkrieg auf 100 steigern. Mitte der 1950er-Jahre stellte Schleicher den ersten eigenen Konstrukteur ein. Seitdem machen die Poppenhausener alles an den Flugzeugen, was es zu machen gibt: von der Idee über die Konstruktion, die Herstellung und die Auslieferung.
Die Segelflugzeuge der vergangenen 50 Jahre mögen für den Laien sehr ähnlich wirken. Am Ende sind es viele Details, die immer wieder zu deutlichen Verbesserungen bei Flugleistung, Flugeigenschaften und Sicherheit beitragen. Es gibt Bestseller, wie Schulungsflugzeuge, die sich auf lange Sicht gut verkaufen. Gerade beim Segelfliegen zählt aber auch der Wettbewerbsgedanke. Gewinner sind die Flugzeuge, die am schnellsten einen vorgegebenen Weg zurücklegen. Die 121 Mitarbeiter bei Schleicher arbeiten deshalb auch immer an der ein oder anderen Verfeinerung der Form und der Verringerung des Gewichts. So werden die Flugzeuge auf lange Sicht immer schneller.
Neue Modelle verkaufen sich mit ähnlicher Dynamik wie ein Auto. Die neuesten Modelle sind die mit der höchsten Nachfrage. Die Kunden müssen ähnlich viel Geduld aufbringen. Die Herstellung dauert rund ein halbes Jahr. 1.500 bis 2.800 Mannstunden braucht die Produktion. Das heißt jedoch nicht, dass der Kunde nach sechs Monaten sein Flugzeug bekommt. Zwischen anderthalb und bis zu vier Jahren beträgt die Lieferzeit. Kremer setzt beim Verkauf auf die Loyalität der Kunden.
Expertise und handwerkliches Niveau haben ihren Preis
"Leute, die sich so ein Flugzeug leisten können, gibt es genug", weiß Kremer. Bis zu 400.000 Euro können die Flieger von Schleicher kosten. Leider müssen auch die hessischen Flugzeugbauer mit einem schrumpfenden Markt leben. Dieser wird auch von Firmen im Ausland bedient, die zum Teil billiger produzieren können. Neben einem Unternehmen in Baden-Württemberg, deren Herstellung ein ähnliches Niveau hat, gibt es in Südafrika und Polen zwei Unternehmen, die deutlich geringere Löhne zahlen müssen.
Wegen der fachlichen Expertise und des handwerklichen Niveaus bei einem Unternehmen wie Schleicher lassen sich die Flugzeuge in Deutschland kaum günstiger produzieren. Berechnet und entworfen wird zwar alles am Computer, aber die Lagen aus Kohlefaser werden immer noch händisch aufeinander gelegt. Ein paar Tausend Teile sind am Ende in einem Segelflugzeug verbaut.
Zusätzliche Konkurrenz machen andere Fluggeräte wie Gleitschirme oder Ultraleichtflugzeuge, die im Zweifel deutlich weniger kosten als ein Segelflugzeug. Was das auf lange Sicht für das Unternehmen bedeutet, weiß auch Ulrich Kremer nicht. Tochter Lena ist seit zehn Jahren mit im Unternehmen, aber eine detaillierte Perspektive, wie die Firma in zehn Jahren aussehen könnte, gibt es nicht. Wegbrechende Umsätze könnten durch den Einsatz des eigenen Know-hows aufgefangen werden. Der Bereich Wartung und Reparatur ließe sich zum Beispiel weiter auszubauen. Doch das Kerngeschäft, so Kremer, nehme so viel Zeit ein, dass für solche Weiterentwicklungen im Moment keine Kapazitäten frei sind.
Wer fliegt, nimmt beeindruckende Momente mit
Kremer setzt lieber auf die Schönheit des Sports. Der 58-Jährige möchte neue Kundenkreise erschließen und wieder mehr Menschen für die Fliegerei begeistern. "Das ist eine der maßgeblichen Aufgaben, die wir die nächsten Jahre haben werden", sagt er. Zu Hilfe kommt ihm dabei die technische Entwicklung. Dadurch, dass die Flugzeuge fast alle zusätzlich motorisiert sind, ist das Segelfliegen inzwischen sehr viel weniger aufwendig. Schleppflugzeuge oder Winden braucht es heute nicht mehr, um den Segelflieger in die Luft zu bekommen. Vielleicht kommen so auch Menschen, die vom Ultraleichtflugzeug umsteigen. Oder vom Gleitschirm. Damit sei man fliegerisch ja doch sehr begrenzt. "Wer mit einem Segelflieger mal über die Alpen geflogen ist, der nehme beeindruckende Momente mit", sagt Ulrich Kremer. Da scheint die Begeisterung dann doch mal durch.



