Gefährdungsbeurteilung Seelisch belastete Azubis: Wo Handwerksbetriebe ansetzen können

Wo psychische Probleme auftreten, sind Ausbildungserfolg und Arbeitsfähigkeit in Gefahr. Gute Arbeitsbedingungen können die Psyche stützen, ungünstige sie zusätzlich belasten. Wie Betriebe Belastungen im Team aufspüren und angehen, wovon nicht nur Azubis profitieren.

Junge Frau sitzt mit traurigem Gesicht vor Nähmaschine in einem Schneideratelier
Immer mehr junge Leute fühlen sich in ihrer Ausbildung psychisch belastet. Betriebe können die Situation entschärfen. - © JackF - stock.adobe.com

Der Jugend geht es psychisch nicht gut. Jeder zweite Auszubildende fühlt sich belastet, zeigt der Ausbildungsreport des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB). Laut Daten des Statistischen Bundesamtes sind psychische Erkrankungen die häufigste Ursache für stationäre Krankenhausbehandlungen aller 10- bis 19-Jährigen, Tendenz steigend. Der renommierte Jugendforscher Klaus Hurrelmann spricht von einer "Generation Dauerkrise". Pandemie, Klimawandel und Kriege prägen die Erfahrungswelt junger Leute, Sorgen um die eigene Finanz- und Wohnsituation sowie kritischer Medienkonsum verschärfen die Lage.

Handwerker psychisch stabiler

Handwerkern scheint es etwas besser zu gehen. Laut einer Sonderauswertung der IKK Classic von Ende 2025 zeigen im Handwerk 10,7 Prozent aller Auszubildenden psychische Erkrankungen, in der Industrie sind es mit rund 20,2 Prozent fast doppelt so viele. "Mögliche Gründe hierfür könnten sein, dass körperliche Bewegung, feste Tagesstrukturen und ein starkes Wir-Gefühl in den Handwerksbetrieben einen positiven Einfluss auf die mentale Gesundheit haben", vermutet Frank Hippler, Vorstandsvorsitzender der IKK Classic.

Ausbildungserfolg in Gefahr

Wo Störungen auftreten, sind Ausbildungserfolg und Arbeitsfähigkeit der Betroffenen in Gefahr. Über 40 Prozent aller Frühinvaliden in Deutschland leiden an psychischen oder psychosomatischen Erkrankungen, so der Fehlzeitenreport 2026 des AOK-Bundesverbands und des Wissenschaftlichen Instituts der AOK.

Dass solche Störungen bereits während der Ausbildungszeit auftreten, ist nicht unwahrscheinlich. Gut ein Drittel der psychischen Erkrankungen setzen vor dem 14. Geburtstag ein, fast die Hälfte vor dem 18., zeigen Analysen weltweiter Daten aus dem Jahr 2021.

Gute Arbeit kann Psyche stützen

Je früher ein psychisches Problem erkannt und darauf reagiert wird, desto günstiger die Behandlungschancen. Arbeit beziehungsweise Ausbildung kommt eine besondere Rolle zu, denn sie bietet einen psychologischen Schutzfaktor. Özlem Tokyay hat das vom Bundesbildungsministerium geförderte Projekt "Mental Health Coaches" an Schulen aufgebaut und sich mit der mentalen Gesundheit junger Menschen im Übergang zu Ausbildung und Beruf beschäftigt. "Wenn Ausbildung gelingt, bietet sie soziale Zugehörigkeit, verspricht wirtschaftliche Stabilität, gibt eine Zukunftsperspektive und befähigt den jungen Menschen zu Selbstwirksamkeit", zählt sie auf. Diese Faktoren können helfen, die Psyche zu regulieren.

Bei ungünstigen Rahmenbedingungen kann Arbeit aber auch psychische Probleme verstärken, betont Prof. Steffi Riedel-Heller vom Institut für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health an der Universität Leipzig. "Hohe Anforderungen, geringe Handlungsspielräume, mangelnde Anerkennung, fehlende soziale Unterstützung, Unfairness und Wertekonflikte können die psychische Gesundheit belasten." Anlässlich der Veröffentlichung des Fehlzeitenreports betonte sie, dass Arbeitgeber über gesunde Arbeitsbedingungen einen Hebel hätten, um psychisch bedingte Fehlzeiten zu reduzieren.

Psychologische Sicherheit im Betrieb

Handwerker müssen keine Sozialarbeiter sein, um die seelische Gesundheit ihrer Azubis und Beschäftigten zu stärken. Viel lässt sich schon durch gute Führung erreichen. Davon profitieren nicht nur Auszubildende, sondern das ganze Team:

  • eine gut zu bewältigende Arbeitslast
  • ausreichend Handlungsspielraum
  • Anerkennung für geleistete Arbeit
  • ein unterstützendes Team
  • Fairness und ein respektvoller Umgang
  • klare Werte und sinnvolle Aufgaben

Wie Betriebe psychologische Sicherheit in der Ausbildung fördern können, zeigt ein Leitfaden des Kompetenzzentrums Fachkräftesicherung (KOFA).

Unterstützung bietet auch das Programm "Meister von Morgen" der Stiftung "Achtung!Kinderseele". Es sensibilisiert Menschen im Umfeld von Auszubildenden für seelische Gesundheit und zeigt auf, welche Hilfsangebote Azubis bei psychischen Schwierigkeiten nutzen können.

Psychische Belastung in der Gefährdungsbeurteilung

Die Gemeinsame Deutsche Arbeitsschutzstrategie GDA hat ein Papier frisch überarbeitet, das Betrieben zeigt, wie sie in der Praxis psychische Belastungen in ihrer Gefährdungsbeurteilung erfassen können. Es geht nicht um die Beurteilung einzelner Personen oder ihrer psychischen Gesundheit, sondern um die Frage, welche Bedingungen der Arbeit Beschäftigte dauerhaft überfordern oder ihre Gesundheit beeinträchtigen können. Hier gelten für alle Beschäftigten dieselben Punkte, egal, ob Auszubildender, Geselle oder Meister.

1. Rechtlicher und fachlicher Rahmen

Arbeitgeber müssen Gefährdungen für die körperliche und psychische Gesundheit ermitteln, geeignete Maßnahmen festlegen, umsetzen und deren Wirksamkeit überprüfen. Psychische Belastung muss nicht in einer separaten Beurteilung behandelt werden – sie kann und sollte in die normale Gefährdungsbeurteilung der jeweiligen Tätigkeiten integriert werden.

2. Psychische Belastung ist nicht automatisch negativ

Psychische Belastung umfasst alle Einflüsse der Arbeit auf den Menschen, etwa Zeitdruck, Verantwortung, Kundenkontakt oder Lärm. Sie kann motivierend sein und Lernen fördern. Problematisch wird sie, wenn Art, Intensität oder Dauer zu Stress, Ermüdung, Konzentrationsproblemen, Konflikten oder langfristigen gesundheitlichen Folgen führen können.

3. Arbeitsinhalte und Arbeitsaufgaben

Wichtige Fragen sind: Sind Aufgaben abwechslungsreich und nachvollziehbar? Gibt es ausreichenden Handlungsspielraum? Sind Informationen, Einweisung und Qualifikation passend? Belastend können unter anderem monotone oder kleinteilige Arbeiten, Multitasking, unklare Anweisungen, fehlende Einarbeitung, schwierige Kundengespräche, Konflikte, Aggression oder traumatische Ereignisse sein.

4. Arbeitsorganisation

Hier geht es vor allem um Arbeitsmenge, Zeitdruck, Unterbrechungen und klare Zuständigkeiten. Gefährdungen entstehen beispielsweise, wenn Aufträge und Termine nicht mit der verfügbaren Zeit oder Personalstärke zusammenpassen, ständig Störungen auftreten oder unklar ist, wer entscheiden darf beziehungsweise verantwortlich ist.

5. Arbeitszeit und Erholung

Arbeitszeiten müssen begrenzt, planbar und mit ausreichenden Pausen und Ruhezeiten verbunden sein. Belastend sind insbesondere dauerhaft lange Arbeitstage, häufige Überstunden, kurzfristige Terminänderungen, ausfallende Pausen, schlechte Erreichbarkeitsregeln sowie Nacht-, Wochenend- oder Schichtarbeit.

6. Soziale Beziehungen und Führung

Ein wertschätzender Umgang, gegenseitige Unterstützung, regelmäßige Rückmeldung und ein konstruktiver Umgang mit Fehlern und Konflikten schützen die Gesundheit. Risiken entstehen bei Beschimpfungen, Bloßstellen, Ausgrenzung, fehlender Anerkennung, ungelösten Konflikten oder aggressivem Verhalten – auch durch Kundinnen und Kunden.

7. Arbeitsmittel und Digitalisierung

Werkzeuge, Maschinen, Software, Schutzeinrichtungen und persönliche Schutzausrüstung sollen verständlich, bedienbar und für die Aufgabe geeignet sein. Belastend sind fehlende oder unzuverlässige Arbeitsmittel, komplizierte Bedienung, unklare Warnhinweise oder PSA, die die Arbeit unnötig erschwert.

8. Arbeitsumgebung

Lärm, Hitze, Kälte, schlechte Beleuchtung, schlechte Luft, enge Arbeitsbereiche, Gerüche oder Gefahrstoffe belasten nicht nur körperlich, sondern auch psychisch – etwa durch erhöhte Konzentrationsanforderungen, Reizbarkeit oder Stress.

9. So können Handwerker bei der Gefährdungsbeurteilung vorgehen
  1. Tätigkeiten und Arbeitsbereiche festlegen,
  2. mögliche Gefährdungen ermitteln,
  3. Risiken beurteilen,
  4. Maßnahmen festlegen,
  5. Maßnahmen umsetzen,
  6. Wirksamkeit prüfen,
  7. Beurteilung bei Veränderungen aktualisieren und dokumentieren.

Wichtig ist, die Beschäftigten einzubeziehen. Geeignete Methoden sind je nach Betriebsgröße beispielsweise kurze Gespräche oder Workshops, Beobachtungen oder Befragungen.

10. Maßnahmen: Ursachen statt nur individuelles Verhalten angehen

Vorrang haben Verbesserungen der Arbeitsbedingungen und Organisation: realistische Planung, klare Abläufe, ausreichende Ressourcen, passende Arbeitsmittel und gute Kommunikation. Reine Appelle wie „besser mit Stress umgehen“ oder einzelne Entspannungsangebote reichen allein nicht aus.

Praxis-Checkliste für Handwerker

Handwerker brauchen keine aufwendigen Prozesse für die Gefährdungsbeurteilung aufzusetzen. Entscheidend ist ein kurzer, ehrlicher und dokumentierter Praxis-Check. Denn der umfangreichste Prozess nützt nichts, wenn er im Alltag nicht genutzt wird. Regelmäßige kurze, offene Gespräche, die zu zwei konkreten Verbesserungen führen und die nachvollziehbar notiert werden, sind dann zielführender. So können Unternehmer vorgehen:

1. Termin festlegen

  • 30 bis 45 Minuten für ein Teamgespräch einplanen – möglichst in ruhiger Zeit, nicht zwischen zwei Baustellenterminen.
  • Klar sagen: Es geht nicht um Schuld oder persönliche Diagnosen, sondern um bessere Arbeitsbedingungen und sichere Arbeit.
  • Die typischen Tätigkeiten notieren, z. B. Baustelle, Werkstatt, Kundendienst, Büro/Angebote, Fahrten.

2. Die sechs Belastungsbereiche gemeinsam durchgehen

Für jede Tätigkeit kurz besprechen: Was läuft gut? Was belastet regelmäßig?

  • Arbeitsaufgabe: Sind Aufträge, Pläne, Informationen und Zuständigkeiten klar? Sind alle ausreichend eingewiesen?
  • Arbeitsorganisation: Gibt es unrealistischen Zeitdruck, zu viele parallele Aufträge, ständige Anrufe oder unnötige Unterbrechungen?
  • Arbeitszeit: Werden Pausen tatsächlich gemacht? Gibt es häufige Überstunden, Abendtermine oder ständige Erreichbarkeit?
  • Zusammenarbeit: Wird respektvoll miteinander gesprochen? Werden Probleme früh angesprochen? Gibt es Unterstützung bei Engpässen?
  • Arbeitsmittel: Fehlen Werkzeuge, Material, funktionierende Maschinen oder verständliche digitale Anwendungen?
  • Arbeitsumgebung: Gibt es störenden Lärm, Hitze/Kälte, schlechte Beleuchtung, Enge, schlechte Ordnung oder belastende Kundenkontakte?

3. Konkrete Belastungen notieren

  • Keine allgemeinen Aussagen wie „Stress auf Baustellen“ festhalten, sondern konkrete Auslöser.
  • Beispiel: „Montagmorgen fehlen häufig Material und aktuelle Pläne; dadurch entstehen Wartezeiten, Ärger und Zeitdruck.“
  • Beispiel: „Kunden rufen während der Montage direkt die Fachkraft an und unterbrechen die Arbeit mehrfach.“

4. Zwei bis drei realistische Maßnahmen auswählen

Nicht alles auf einmal lösen. Erst die wichtigsten und schnell umsetzbaren Punkte angehen.

  • Tages- oder Wochenplanung: Aufträge mit Zeitpuffer planen; bei Verzögerungen frühzeitig Kunden informieren.
  • Klare Zuständigkeiten: Festlegen, wer Material bestellt, wer Kundenrückfragen beantwortet und wer auf der Baustelle entscheidet.
  • Störungen reduzieren: Für bestimmte Zeiten Anrufe bündeln; eine Person übernimmt Kundenkommunikation, wenn andere konzentriert arbeiten müssen.
  • Kurzer Morgen-Check: Fünf bis zehn Minuten: Auftrag, Material, Besonderheiten, Sicherheitsrisiken und Zuständigkeiten klären.
  • Pausen schützen: Pausen verbindlich einplanen und nicht als „verzichtbar“ behandeln.
  • Erreichbarkeit begrenzen: Klären, wann Feierabend ist und welche echten Notfälle eine Ausnahme rechtfertigen.
  • Konflikte direkt und sachlich klären: Regel: Kritik unter vier Augen, keine Beschimpfungen oder Bloßstellungen.
  • Werkzeuge und Informationen bereitstellen: Check vor Abfahrt: Material, Pläne, Ansprechpartner, Zugang, besondere Kundenwünsche.
  • Umgang mit schwierigen Kunden regeln: Beschäftigte dürfen bei Bedrohung oder Beschimpfung das Gespräch beenden und Rückendeckung holen.
  • Neue Mitarbeitende oder Aushilfen einarbeiten: Nicht einfach mitlaufen lassen, sondern Arbeitsabläufe, Maschinen und Ansprechpartner erklären.

5. Verantwortliche und Termine festhalten

  • Zu jeder Maßnahme notieren: Was wird gemacht? Wer macht es? Bis wann?
  • Beispiel: "Material- und Werkzeugcheckliste erstellen – verantwortlich: Inhaber – bis 15. September."
  • Beispiel: "Kundenanrufe während Montage bündeln – verantwortlich: Büro/Meister – ab sofort."

6. Nach vier bis acht Wochen prüfen

  • Im nächsten Teamgespräch fragen: Hat sich die Situation verbessert?
  • Wurden die Maßnahmen wirklich umgesetzt?
  • Gibt es neue Probleme oder muss nachgesteuert werden?
  • Ergebnis kurz dokumentieren.

7. Dokumentation schlank halten

Eine einfache Tabelle genügt, zum Beispiel so:

Tätigkeit/BereichFestgestellte BelastungMaßnahmeVerantwortlichTerminKontrolle/Ergebnis
BaustelleZeitdruck durch fehlendes MaterialMaterialcheck vor AbfahrtVorarbeiterab sofortNach 6 Wochen prüfen
KundendienstStändige Unterbrechungen durch AnrufeAnrufe über Büro bündelnInhaberab sofortRückmeldung im Team
WerkstattLärm und schlechte VerständigungGehörschutz, Kommunikationsregel, lärmintensive Arbeiten bündelnInhaberxx.xx.xxxxBegehung/Teamgespräch

8. Bei Veränderungen erneut prüfen

  • Neue Maschine, neue Software, neue Arbeitszeiten oder neue Auftragsstruktur?
  • Neue Beschäftigte, Konflikte, auffällige Überstunden, häufige Fehler, Unfälle oder Beschwerden?
  • Dann die Gefährdungsbeurteilung gezielt aktualisieren – nicht erst bei einer Kontrolle.

Hier geht es zum ausführlichen Papier der GDA zur psychischen Gefährdungsbeurteilung.