Vom Kupferdraht der Motorenwicklerei zu Hightech-Sensoren für Industrie und Forschung: Schweitzer Messtechnik verschmelzt seit 125 Jahren Tradition mit Innovation. Das Spezialwissen des Handwerksbetriebs ist weltweit gefragt. Und es soll noch hoch hinausgehen – im wahrsten Sinne.

Versteckt in einem Münchner Hinterhof befindet sich ein unscheinbar wirkender Handwerksbetrieb. Seine Produkte wirken auf den ersten Blick ebenso unscheinbar. Doch der Eindruck täuscht. In dem kleinen, verwinkelten Gebäude sitzt ein Hidden Champion des Handwerks, der seine Hightech-Sensoren und -Messgeräte an Industriekonzerne, Forschungseinrichtungen und staatliche Organisationen auf der ganzen Welt verkauft. Eine Erfolgsgeschichte, die inzwischen weit über ein Jahrhundert andauert.
"Dass wir schon mehr als 125 Jahre bestehen, liegt nicht daran, dass wir alles richtig gemacht haben – sondern dass wir gelernt haben, uns immer wieder neu zu erfinden", sagt Florian Schweitzer. Der 44-jährige Geschäftsführer führt Schweitzer Messtechnik in dritter Generation und steht an der Spitze eines Unternehmens, das aus einer kleinen Motorenwicklerei hervorging und heute hochspezialisierte Temperatursensoren für unterschiedlichste Branchen fertigt.
Der Kern des Erfolgs: Beharrlichkeit, handwerkliche Exzellenz und der Wille, unabhängig zu bleiben. "Mein Vater hat mir früh gesagt: Mach dich nie von einem Kunden abhängig", erinnert sich Werner Schweitzer, der das Familienunternehmen jahrzehntelang geprägt hat. Der Satz wurde zur Unternehmensphilosophie – und zum Überlebensrezept über alle wirtschaftlichen Umbrüche hinweg.
Vom durchgebrannten Motor zur Temperaturmessung
Die Geschichte der Firma begann durch einen Zufall. Der junge Nürnberger Mechaniker Eugen Schweitzer stieß auf eine Anzeige in der Zeitung: Ein Betrieb in München suchte einen Nachfolger. Die Entscheidung, den Schritt in die Selbstständigkeit zu gehen, schien gewagt – aber sie legte den Grundstein für die lange Familientradition, die Werner Schweitzer fortsetzte. "Meine Mutter hat damals zu meinem Vater gesagt: Du gehst nicht zu Siemens, du machst dich selbstständig", erzählt der heutige Senior-Chef lachend.
Ursprünglich reparierte die Firma Elektromotoren und fertigte Last- und Vorschaltwiderstände. Ein erster Wendepunkt kam während des Zweiten Weltkriegs, als der Betrieb begann, für die weltbekannte Firma Linde zu produzieren. Für die Kühlung von flüssigem Sauerstoff – damals benötigt für U-Boote – war präzise Temperaturmessung gefragt. "Wir haben die Messfühler aus hauchdünnem Platindraht selbst gefertigt", erzählt der Senior. "Was man heute für ein paar Cent als Chip kauft, war damals Handarbeit."
Nach dem Krieg war die Nachfrage groß: Reparaturen, Ersatzteile, individuelle Lösungen. Und schon damals zeichnete sich ab, was die Firma bis heute ausmacht: die Fähigkeit, technische Probleme mit handwerklicher Raffinesse zu lösen – auch wenn das Umfeld unsicher war.

Pionierarbeit in der Medizin – Lehrgeld für Innovation
In den 1950er- und 1960er-Jahren wagte der Spezialist den Schritt in neue Felder. Sie entwickelten medizinische Geräte, etwa eine tragbare Infusionspumpe: "Sie hätten die erste Schwerkraft-unabhängige Infusionslösung sein können", erinnert sich Werner Schweitzer. Doch die großen Hersteller zeigten kein Interesse – "zu klein, zu unbekannt", sagt er. Auch ein Bildwechsler für die Neurochirurgie – ein bahnbrechendes System zur schnellen Abfolge von Röntgenaufnahmen – entstand im Münchner Betrieb.
Patentiert wurde es schließlich jedoch von der Fraunhofer-Gesellschaft und über Siemens vermarktet. Für das kleine Handwerksunternehmen blieb wenig übrig außer der Gewissheit, etwas Großes geschaffen zu haben. "Das war Lehrgeld", sagt Schweitzer senior. "Aber wir haben daraus gelernt, keine Alleingänge ohne Vertrag zu machen." Und so richtete sich der Fokus wieder stärker auf das, was den Namen "Messtechnik" tragen sollte: die präzise Kontrolle von Temperatur in Industrieprozessen.
Die Kunst, den Wandel zu messen
Die 1970er und 1980er-Jahre bringen Wachstum und neue Technologien. CNC-Maschinen halten Einzug, der Betrieb modernisiert sich. "Von der mechanischen Drehbank auf die gesteuerte Maschine – das war für viele ein Kulturschock", erinnert sich der Senior. Doch der Mut zur Investition zahlte sich aus. Die Fertigung wurde effizienter, präziser – und plötzlich konnte man auch technisch anspruchsvolle Kunden bedienen.
BMW wurde zu einem wichtigen Partner und ist es bis heute, ebenso die Pharma- und Lebensmittelindustrie.
Während andere noch von Globalisierung sprachen, war Schweitzer längst auf internationalen Prüfständen vertreten – getarnt in Erlkönigen, eingebaut in Versuchsanlagen, unsichtbar und präzise. "Unsere Sensoren sind oft dort, wo man sie nicht sieht – aber ohne sie geht nichts", beschreibt Florian Schweitzer.
Heute ist das Profil klar: keine Massenware, sondern Präzisionsarbeit. "Unsere Stärke ist, dass wir Lösungen entwickeln, die andere nicht haben“, sagt der Geschäftsführer. „Jeder Kunde kommt mit einer Herausforderung – und wir finden einen Weg." Das reicht von Pharmaunternehmen, die ihre Sterilisationsprozesse überwachen, bis zu Geothermieprojekten, die den Wärmestrom aus Münchens Tiefe kontrollieren.
Jedes handwerkliche Produkt ist einzigartig
Mit rund 20 Mitarbeitern ist das Unternehmen klein geblieben, doch seine Wirkung ist groß. Florian Schweitzer beschreibt das Prinzip so: "Wir machen das, was andere nicht können – oder nicht wollen, weil es ihnen zu aufwendig ist." Serienproduktion? Fehlanzeige. Jeder Sensor ist ein Unikat, das auf den Kunden zugeschnitten wird. Aus diesem Grund habe man auch keinen Online-Shop, erklärt er: "Bei uns ist alles Einzelanfertigung. Was wir zeigen, sind Beispiele – jede Lösung entsteht für sich."
Die Herstellung bleibt weitgehend Handarbeit. Künstliche Intelligenz bleibt für Florian Schweitzer ein Thema der Zukunft: "Wir nutzen sie im Moment punktuell, etwa bei Dokumentation oder Organisation. Aber unsere Produkte leben von Erfahrung. Die kann kein Algorithmus ersetzen. Vieles lässt sich kaum automatisieren", sagt Schweitzer. "Ein Sensor muss perfekt auf seine Umgebung abgestimmt sein." CNC-Maschinen fertigen die metallischen Schutzrohre, das Herzstück aber – die Konfektionierung, das Löten, Laserschweißen – liegt in den Händen erfahrener Fachkräfte.
Dass einige von ihnen schon viele Jahre im Unternehmen sind, liegt auch an der Atmosphäre. "Wir haben flache Hierarchien", sagt Schweitzer. "Mein Büro ist offen, die Wege sind kurz, jeder kann zu mir kommen." So entstehe gelebte Unternehmenskultur. Im Sommer wird im Hof gegrillt, und wenn jemand auch mal finanzielle Unterstützung braucht, hilft der Chef schnell und pragmatisch. "Wir haben großes Vertrauen in unsere Mitarbeiter", ergänzt seine Frau Gloria Schweitzer, die Buchhaltung und Personal betreut.

Generationenwechsel mit Kurs auf Zukunft
2010 übernahm Florian Schweitzer die Leitung von seinem Vater. Der BWLer und Ingenieur brachte neue Strukturen und frische Impulse: "Wir hatten lang keinen aktiven Vertrieb. Ohne neue Kunden geht’s aber nicht." Heute kümmern sich Vertriebsexperte und Geschäftsführer gemeinsam darum, neue Kunden aus verschiedensten Branchen zu gewinnen – und das mit Erfolg. Aktuelle Projekte reichen von Kryogensensoren für mobile Stickstofftransporte bis hin zur Bundeswehr.
"Einen Sensor zu bauen, der bei minus 196°C präzise misst und gleichzeitig die verschiedensten externen Umweltbedingungen auf 5 Kontinenten aushält – das ist keine Standardaufgabe", sagt Schweitzer. Doch genau darin liege der Reiz. "Solche Projekte sind herausfordernd, aber sie zeigen, was wir können." Trotz aller Technik bleibt das Denken handwerklich. "Uns fasziniert es, etwas Neues zu schaffen – jedes Projekt ist auch ein Stück Ingenieurskunst“, sagt der Junior. Sein Vater nickt: "So war’s immer schon."
Mitarbeiter und Ausbildung – das Rückgrat des Erfolgs
Eine wichtige Säule, um nachhaltig am Markt zu bestehen, ist für den Betrieb die eigene Ausbildung. "Über 100 Lehrlinge haben wir schon gehabt", erzählt Werner Schweitzer mit Stolz. Aktuell sind drei Auszubildende im Betrieb, dazu mehrere, die Fachkräfte, die nach der Lehre übernommen wurden. "Die meisten kommen, um zu bleiben", sagt der Chef. Ein ehemaliger Mitarbeiter feierte kürzlich sein 50-jähriges Jubiläum und arbeitet trotz Rente weiter – "weil’s einfach Spaß macht".
Dennoch spürt Florian Schweitzer den Zeitgeist. "Work-Life-Balance ist wichtig geworden“, sagt er. "Früher war das anders. Aber wir müssen die jungen Leute dort abholen, wo sie stehen." Trotzdem gelte, dass Qualität und Eigenverantwortung zählten: "Wir sind nicht die, wo man einfach stempelt und heimgeht. Hier muss man denken, mitarbeiten, Verantwortung übernehmen." Fachkräftemangel bleibt ein Thema, besonders in einer Stadt wie München. "Hier konkurrieren wir mit den großen Konzernen", erklärt Schweitzer.
Für die nächsten J"hre ist Wachstum geplant, aber mit Bedacht. Schweitzer Messtechnik will auf absehbare Zeit in neue Räumlichkeiten ziehen – das bisherige Firmengelände ist längst zu klein geworden. Zugleich soll das Unternehmen noch spezialisierter werden: "Unser Ziel ist es, in zertifizierte Bereiche zu kommen – Bahn, Kraftwerke, Luftfahrt. Da braucht man Sonderzulassungen, das können nur wenige." Damit bleibt Schweitzer Messtechnik, was es seit jeher ist: ein Hidden Champion.