Eine harmonische Woche für den FC Bayern München geht zu Ende: In der Champions League haben die Münchner wieder alle Chancen, die Jahreshauptversammlung war ein frohes Fest und in Hannover holten sie drei Punkte. Nur das zerüttete Verhältnis zwischen Trainer van Gaal und Stürmer Toni stört und erinnert an die Protagonisten eines bekannten Kinderfilms, meint Stefan Galler in der DHZ-Bundesligakolumne.
Schweinegrippe beim Dorfverein
Meisterbetrieb: Klonlabor im Borussia-Park?
Genpolizei aufgepasst! Der Verdacht drängt sich auf, dass irgendwo in der Wellblech-Arena "Borussia-Park" ein illegales Klon-Labor versteckt ist. Anders lässt sich kaum erklären, dass die Gladbacher nur fünf Monate nach dem Verkauf ihres Zauberzwerges Marko Marin nach Bremen schon wieder einen rotblonden, wirr frisierten Wusler mit der Rückennummer 11 in ihren Reihen haben, der der Bundesliga-Konkurrenz das Fürchten lehrt. Marco – mit "C" – Reus heißt das Fleisch gewordene Experiment, Produktname "Marco V2.0" und in einigen Punkten im Vergleich zum Prototypen verbessert: gut zehn Zentimeter größer, athletischer, torgefährlicher.
Und seit Samstag der Alptraum aller Schalker: Schon in der fünften Minute gelang Reus der einzige Treffer des Spitzenspiels, das erste Tor der Fohlen-Elf im Borussia-Park nach 438 Minuten und der Grund dafür, dass die Gladbacher erstmals seit einem Vierteljahr wieder ein Heimspiel gewannen.
Während die Gastgeber mit elf Punkten aus fünf Spielen den Humba-Pogo tanzten, ließ Felix Magath seine Schalker nach dem Match Liegestützen machen. Verärgert war er natürlich, der Meistermacher, obwohl er nach außen so tat, als würde er die Niederlage billigend in Kauf nehmen – immerhin verpasste Schalke dadurch die Tabellenführung. Die sei nach dem 34. Spieltag wichtig, nicht nach dem 14., so Magath, der Trainerfuchs. Nur nicht zu viel Druck auf seine junge Truppe laden, so sein Credo. In Wolfsburg hat es schließlich im Vorjahr genau auf diese Weise auch zum großen Wurf gereicht.
Gesellenstück: Schweinegrippe beim Dorfverein
Es war die erwartet bewegte Woche für den FC Bayern: Auf das magere Remis gegen Leverkusen folgte eine noch magerere Leistung in der Champions League gegen Haifa, wo man schon das Gefühl hatte, bei den fußballerischen Unzulänglichkeiten der Münchner verhält es sich wie mit der Schweinegrippe: Zuerst haben es nur wenige, am Ende erwischt sie alle. Selbst Philipp Lahm bekam keinen Pass auf zwei Meter mehr gebacken. Doch der entscheidende Unterschied am Mittwoch war, dass die wackeren Israelis allenfalls Regionalliganiveau hatten, Bayern mit Hängen und Würgen und dank Comebacker Olic 1:0 gewann und sich zudem über unerwartete Schützenhilfe aus der Weinmetropole Bordeaux freuen durfte: Die Girondins schlugen Juventus und bescherten den Münchnern ein Endspiel ums Weiterkommen in Turin.
Diese Konstellation scheint den Rekordmeister für den Rest der Woche beflügelt zu haben: Die Jahreshauptversammlung verlief harmonisch und ohne Fanproteste – und das, obwohl Vorstandschef Rummenigge dem neuen Ehrenpräsidenten Beckenbauer ein an Peinlichkeit kaum zu überbietendes selbstgereimtes Gedicht widmete. Der Kaiser nahm’s gelassen – und haute ein paar Sprüche raus. Etwa den: "Früher waren wir ein Giesinger Dorfverein, heute sind wir eine Weltmarke wie Coca-Cola."
Beim Gastspiel in Hannover entsprach dann endlich die spielerische Qualität wenigstens ansatzweise wieder dem Image des großen FCB – richtig souverän und cool setzten sich die Münchner mit 3:0 durch. Womit nur noch der Dauerkonflikt zwischen Trainer van Gaal und dem früheren Torjäger Luca Toni die allgemeine Hochstimmung trübt. Hier der verbissene Fußballlehrer und dort der lebensfrohe Springinsfeld – der Kontrast erinnert an Fräulein Rottenmeier und Heidi – und die sind auch nie miteinander warm geworden.
Erstes Lehrjahr: Kirmes in Sinsheim
Konfliktreich ging es am Samstag auch im ansonsten so beschaulichen Sinsheim zu, wo sich Hoffenheimer und Dortmunder ein hitziges Duell lieferten, das am Ende mit 2:1 an die Borussia ging. Doch über den Ausgang diskutierte am Ende keiner mehr, vielmehr waren ein abgepfiffenes Tor von Dortmunds Zidan, der entscheidende Elfmeter für den BVB und vor allem der Platzverweis gegen Maicosuel und die folgende Rudelbildung in aller Munde. Wie auf der Kirmes gingen die Profis aufeinander los, nachdem der Hoffenheimer den Dortmunder Keeper Weidenfeller zu Fall gebracht hatte. Überraschenderweise reichte dazu schon ein entschlossener Schlag auf den Ball, den Weidenfeller in den Händen hielt, um Zeit zu schinden – dabei ist der Borussen-Tormann kein Hänfling, sondern ein 1,88-Hüne. Dass bei den anschließenden Tumulten Hoffenheims Ibisevic an Owomoyelas Rasta-Mähne zerrte, sollte man nicht zu hoch hängen: Der Bosnier wollte vermutlich nur testen, ob die Jamaika-Haarpracht tatsächlich echt ist.
Bleibt die Frage, wie so viel Hass in ein einfaches Fußballspiel gelangen konnte. Das muss sich BVB-Chef Hans-Joachim Watzke an die Backe kleben: Er hatte am Dienstag bei der Dortmunder Aktionärsversammlung gepflegt auf die Hoffenheimer eingeprügelt: "Wie heißt diese THG – oder TSG doch gleich? Wo wären die ohne den weißen Ritter?", sagte Watzke und goss noch mehr Öl ins Feuer: "Wir können eben nicht sagen, lieber Dietmar Hopp, lass es Geld regnen!" Fairerweise muss festgestellt werden, dass man in Dortmund früher zumindest eines ganz gut konnte: Geld mit vollen Händen zum Fenster rauswerfen, da muss Watzke nur seinen Vorgänger Gerd Niebaum fragen. Ein weißer Ritter war der übrigens definitiv nicht, vielmehr schrammte er 2005 haarscharf an einer Anklage wegen Kapitalanlagebetrugs vorbei.
Zwei linke Hände: Beim Letzten geht das Licht aus
Herthas Mittelfeldspieler Max Nicu hatte es vergangene Woche auf den Punkt gebracht: Nach vorne müsse seine Mannschaft nun schauen, denn: "Nach hinten geht ja sowieso nicht mehr." Messerscharf analysiert, denn hinter Hertha ist die Wand oder anders ausgedrückt: Schlechter geht’s nicht mehr. Gäbe es eine Casting-Show für die peinlichsten Bundesligisten, die Berliner hätten den Sieg sicher. Die neueste Motto-Show der Reihe "Deutschland sucht den Super-Absteiger" fand am Samstag im Olympiastadion statt: Im so wichtigen Heimspiel gegen Frankfurt enttäuschte der Tabellenletzte seine Fans so sehr, dass die ihre ehemaligen Lieblinge nicht mal mehr auspfiffen. Kaum überraschend, angesichts von nur fünf Punkten aus den bisherigen 14 Spielen. Erst fünf Mannschaften hatten in der Bundesliga-Geschichte bislang zu diesem Zeitpunkt so wenige Zähler wie der Hauptstadt-Klub – alle fünf sind am Saisonende abgestiegen.
Erschwerend kommt hinzu, dass das Team von Friedhelm Funkel bis Weihnachten vermutlich auch nicht mehr allzu üppig punkten wird, man spielt noch auf Schalke, gegen Leverkusen und bei den Bayern. Und so wird "Herthas Abfahrtsrennen" (Bild-Zeitung) wohl noch zusätzlich Speed aufnehmen. Wobei es schon kurios ist, dass nicht nur die Spieler derzeit total neben der Spur sind, sondern offenbar auch Coach Funkel nur bedingt über heilende Hände verfügt: Der Effekt seiner Inthronisierung verpuffte wirkungslos und nun hatte er selbst gegen seinen Ex-Klub nicht mal im Ansatz ein Rezept, obwohl er die Eintracht-Kicker vermutlich allesamt viel besser kennt als die Herthaner.
Also wunderten sich die Frankfurter, dass sie schalten und walten konnten, wie sie wollten. Funkel kündigte an, sich für die nächsten Spiele etwas Neues einfallen zu lassen. Angesichts der kollektiven Unfähigkeit beim Tabellenletzten könnte das recht unterhaltsam werden.