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Betäubungslose Ferkelkastration ab 2019 verboten Schweinefleisch: Bald nur noch von großen Mastbetrieben erhältlich?

Ab 2019 gilt ein Verbot der betäubungslosen Ferkelkastration. Noch immer gibt es nach Ansicht des Deutschen Fleischerverbands keine sinnvollen Alternativen. Es besteht die Gefahr, dass bald viele kleine Mastbetriebe aufgeben. Metzger bekommen dann kaum noch regionale Waren.

Männliche Mastschweine haben eine unangenehme Veranlagung, wenn sie nicht kastriert sind. Bei etwa fünf Prozent von ihnen kann es sein, dass das Fleisch nach dem Schlachten und Erhitzen stinkt – "Ebergeruch" genannt – und einen unguten Geschmack entwickelt. Um das zu verhindern, werden die meisten der männlichen Ferkel in Deutschland heute noch bevor sie ihren siebten Lebenstag erreicht haben, kastriert. So werden aus Ebern sogenannte "Börge" und das Risiko schwindet, dass das Schweinefleisch unverzehrbar wird.

Diese frühe Kastration findet jedes Jahr in Deutschland bei rund zwanzig Millionen männlichen Ferkeln statt – und zwar ohne Betäubung. Doch damit ist spätestens im Jahr 2019 Schluss, denn dann greift eine Änderung im Tierschutzgesetz und das Verbot der betäubungslosen Ferkelkastration tritt in Kraft. Der Gesetzgeber will damit den Tierschützern entgegenkommen, die die Praxis in der Schweinemast schon lange kritisieren. Ginge es nach den Tierschützern, wie etwa dem deutschen Tierschutzbund, so sollte das Verbot sofort greifen.

Gefahr, dass viele kleine Mastbetriebe aufgeben

Probleme gibt es allerdings mit den Alternativen zur derzeitigen Praxis, die diese ab 2019 ersetzen sollen. Diese sind so unausgereift, dass sich der Deutsche Fleischer-Verband (DFV) Sorgen macht, dass die derzeitigen Versorgungsstrukturen wegbrechen könnten. Alle bisherigen Lösungsansätze werden nach Auffassung des DFV dazu führen, dass verstärkt kleine und mittlere Zucht- und Mastbetriebe aufgeben, weil sie entweder die Kosten für die Umstellung nicht aufbringen oder die dann zwangsläufig notwendigen Preissteigerungen am hart umkämpften Markt nicht durchsetzen können.

"Wir erachten aber gerade die Existenz einer regionalen Landwirtschaft mit kleinen und mittelgroßen Betrieben als Vorstufe für das Fleischerhandwerk als unverzichtbar", sagt dazu Gero Jentzsch, der Sprecher des Verbands. Und das sei es ja auch, was von der Politik – zumindest in Sonntagsreden – immer gefordert werde. Jentzsch erhofft sich, dass das Thema mehr Aufmerksamkeit von der Öffentlichkeit und den Medien erhält und dass dann auch die Politik reagiert.

Drei Alternativen zur betäubungslosen Ferkelkastration stehen derzeit in der Diskussion: die chirurgische Kastration unter Vollnarkose oder örtliche Betäubung durch einen Tierarzt, die sogenannte Immunokastration mit dem Tierarzneimittel Improvac – quasi eine Impfung des Tiers gegen den Ebergeruch, indem die Hormonproduktion beeinflusst wird – und die Jungebermast. Alle drei Lösungen bedeuten aber einen Mehraufwand für die Mastbetriebe.

Fleischerverband sieht bisherige Lösungen kritisch

Der DFV bewertet alle drei Ansätze kritisch. So sei die Kastration unter Betäubung verhältnismäßig aufwändig und auch nicht ohne Risiko für das junge Ferkel. Zudem erfordert die Einführung der Kastration unter Betäubung hohe Anfangsinvestitionen. "Auf der sicheren Seite sind die Zuchtbetriebe dann immer noch nicht, denn auf der Tierschützerseite wird bereits jetzt mit postoperativen Schmerzen gegen die Kastration im Allgemeinen argumentiert und die Unversehrtheit des Tieres gefordert", sagt der DFV-Sprecher. Dennoch ist die Kastration unter Betäubung laut Jentzsch noch der Vorschlag, der am meisten Akzeptanz findet.

Zwar würden die Hersteller von Improvac die Immunokastration als sicher propagieren. "Die Frage ist aber, ob der Verbraucher Schweinefleisch von Tieren akzeptiert, denen per Medikamentengabe die Hoden zurückgebildet wurden",  gibt Jentzsch zu bedenken. Unabhängig davon ist auch die Einführung der Immunokastration mit nicht unerheblichen Kosten verbunden.

Als dritte Alternative bleibt die Ebermast – wohl die Lösung, die am natürlichsten und so auch am nähesten am Tierwohl orientiert ist. Allerdings erfordert sie grundlegende Umstellungen vom Mastbetrieb. "Junge Eber sind komplizierter zu halten, sie sind aggressiver als kastrierte Tiere, es kommt oft zu Kämpfen, die Verletzungen zur Folge haben", erklärt Gero Jentzsch. Die Gefahr der Bildung von unerwünschten Geruchs- und Geschmacksbeeinträchtigung im Fleisch sei dabei auch nicht völlig ausgeschlossen.

Fleischmarkt: international und hart umkämpft

Der DFV befürchtet, dass das Verbot dazu führt, dass mehr Tiere im Ausland eingekauft werden: "Der Fleischmarkt ist längst international, wenn in Deutschland auf Grund von zu hohen Auflagen und Kosten keine Tiere mehr gezüchtet und gemästet werden können, bzw. nur noch eine Handvoll Großbetriebe existieren, dann decken sich Handel und Industrie – wie zum Teil heute schon – zu niedrigen Preisen im Ausland ein." Der Verband plädiert daher dafür, dass auch kleine und mittlere bäuerliche Betriebe wirtschaftlich lebensfähig bleiben müssen, denn sie seien diejenigen, mit denen das Handwerk in der Region zusammenarbeitet.

Vom Tierschutz ganz abgesehen scheint für die Qualität des Schweinefleisches die Jungebermast die beste Lösung zu sein. Denn selbst das Bundesernährungsministerium erklärt auf seiner Internetseite tierwohl-staerken.de, dass sich die Mühe der Umstellung des Betriebs lohnt: Jungeber haben eine günstigere Futterverwertung als Börge. Außerdem bilden sie höhere Fleischanteile bei weniger Speckauflage.

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