20 Jahre Wiedervereinigung "Schwaben und Sachsen sind irgendwie artverwandt"

Handwerk und 20 Jahre Deutsche Einheit: Dipl.-Ing. Rolf Lippmann siedelte von Sachsen nach Baden-Württemberg über. Von Daniela Lorenz

Rolf Lippmann wird in wenigen Jahren den Betrieb an seine Söhne übergeben, im Hintergrund sein Sohn René. Foto: Lorenz

"Schwaben und Sachsen sind irgendwie artverwandt"

"Nein danke, nicht mit mir", dachte sich Diplom-Ingenieur Rolf Lippmann und suchte gleich nach der Wende im Jahr 1989 sein berufliches Glück im Westen. "Ich war damals in einer kleineren Firma in Oelsnitz im Erzgebirge Betriebsdirektor und hatte ursprünglich die Absicht, mich an dieser Firma zu beteiligen. Irgendwann wollten die Alteigentümer das dann aber alleine machen und ich sollte zu den ehemaligen Ostbedingungen weiterarbeiten“, erinnert er sich.

Keine Alternative

Zu seinem Glück bestand zu dieser Zeit bereits ein geschäftlicher Kontakt zu einer Firma im Raum Heilbronn. "Man bot mir an, ich könnte hier jederzeit eine Stelle bekommen." Als Rolf Lippmann nachfragte, wurde innerhalb weniger Tage ein Vertrag geschlossen und er verließ das Erzgebirge in Richtung des 400 Kilometer entfernten Güglingen. "Es gab keine Alternative. Die Beteiligung an meiner alten Firma wäre eine Alternative gewesen, aber wenn ich es mir heute so überlege, es war besser so. Die Firma gibt es heute nicht mehr.“

Rolf Lippmann machte in der ehemaligen DDR eine zweijährige Ausbildung zum Autoelektriker. Daneben machte er an der Abendschule sein Abitur. Später studierte er Physik und elektronischen Bauelemente. Das Zusatzstudium zum Schweißfachingenieur absolvierte er nach der Wende in Fellbach. "In der DDR war es damals schwierig, als Handwerksmeister irgendwo Fuß zu fassen. Mit meiner Qualifikation war es fast ausgeschlossen, mich selbstständig zu machen."

Mit seinem Umzug in den Westen ließ er aber erst einmal seine Familie zurück. Sechs Monate vergingen, in denen er sich jedes Wochenende ins Auto setzte und nach Hause fuhr. Zwischenzeitlich kam Lippmanns ältester Sohn schon zum Arbeiten nach Güglingen. Zum Jahreswechsel 1991 zog seine Frau mit dem jüngsten Sohn nach.

Für Rolf Lippmann gab es keine Alternative zu seinem Schritt, für so flexibel hält er aber nicht alle Menschen aus den neuen Bundesländern: "Ich denke, dass es schon noch Unterschiede gibt. Bei den jungen Menschen nicht mehr so. Aber meine Generation aus dem Osten übergibt die Verantwortung immer noch gerne anderen. Früher hat der Staat alles für seine Bürger geregelt und dieses Denken ist schon noch da.“

Fördermöglichkeiten genutzt

Nach zwei Jahren im Westen nutzt er Fördermöglichkeiten zur Gründung seines eigenen Unternehmens. 1992 beginnt Rolf Lippmann mit dem Aufbau eines Handwerksbetriebs für Metallverarbeitung und Werkzeugbau in Güglingen-Frauenzimmern.

"Wir haben angefangen mit einer leeren Halle, einem gemieteten Platz, ohne Kunden – nur mit ein paar Vorstellungen, was wir machen wollten. Nach massiven Auftragsverlusten bei Stanzteilen galt es 1999 neue Wege zu gehen. Hier in der Gegend hatte noch niemand einen Laser, also sind wir das Risiko eingegangen.“ Und das wurde belohnt. Das Geschäft mit der Lasertechnik entwickelte sich gut. Heute beschäftigt der 62-Jährige neun Mitarbeiter inklusive seiner Frau Ute und seinen Söhnen René und Lars. Im Jahr 2006 investierte Rolf Lippmann 1,1 Millionen Euro in eine zweite, leistungsfähigere Laseranlage und eine eigene Halle.

Der Sachse Lippmann hat es nie bereut, in den Westen gegangen zu sein. „Wir haben keine Probleme gehabt, uns im Zabergäu einzuleben. Man hat fast den Eindruck, Schwaben und Sachsen sind irgendwie ein bisschen artverwandt“, sagt er mit einem verschmitzten Lächeln. Heute erwirtschaftet er mit seinem Unternehmen rund 1,5 Millionen Euro Umsatz pro Jahr. Und die Nachfolge ist innerfamilär auch schon geregelt. In drei Jahren möchte Rolf Lippmann den Betrieb an seine Söhne übergeben.