Baden-Württemberg will Wirtschaft an allgemeinen weiterführenden Schulen ab 2016/2017 als Pflichtfach einführen. Für das Handwerk hat das enormes Potential. Doch eine flächendeckende Regelung scheint in weiter Ferne.
Melanie Höhn

Wirtschaftsunterricht ist an allgemeinbildenenden Schulen bis jetzt noch ein Wahlfach. Das könnte sich bald ändern. Vorreiter ist Baden-Württemberg: Das Bundesland will das Fach an allgemeinen weiterführenden Schulen von 2016/2017 an als Pflichtfach einführen.
Das Handwerk begrüßt es, wenn Jugendliche sich schon in der Schule mit dem Thema Wirtschaft beschäftigen. "Es ist es wichtig und richtig, dass sich Jugendliche schon in der Schule mit dem Thema Wirtschaft befassen. Allerdings sollten in diesem Zusammenhang auch Aspekte wie Selbstständigkeit und Unternehmertum thematisiert werden", sagte ein Sprecher der Handwerkskammer München/Oberbayern.
BIBB fordert mehr Wirtschaftsunterricht
Auch das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) fordert mehr Wirtschaftsunterricht an Schulen. "Ökonomische Bildung an Schulen ist wichtig für Persönlichkeitsentwicklung. Leider hat diese an Schulen immer noch nicht den Stellenwert, der ihr aufgrund der Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft eigentlich zukommen sollte", sagte der Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB), Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser. Die Bedeutung eines ökonomischen Grundverständnisses in Beruf und Lebensalltag sei heute unzweifelhaft groß. "Schulen leisten einen wichtigen Beitrag dazu, dass junge Menschen zur gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Teilhabe befähigt werden", fügte Esser hinzu. Der Wirtschaftsunterricht solle den jungen Menschen ermöglichen, in unterschiedlichen Rollen – beispielsweise als Verbraucher, Arbeitnehmer oder Unternehmer – die für den Alltag typischen Handlungssituationen kennenzulernen und dabei ökonomisches Handeln zu üben.
Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) spricht sich gegen Wirtschaft als eigenständiges Fach aus. "Wir sind für einen Fächerverbund", sagt Joachim Ruth, vom DGB in Baden-Württemberg. Damit werde Wirtschaft in einen sozio-ökonomischen Kontext eingebettet und auch Verbraucherbildung könne einbezogen werden.
Bislang ein Wahlfach an Gymnasien
Bislang ist Wirtschaft in Baden-Württemberg an Gymnasien ein Wahlfach. Das soll sich ändern. Von 2016/2017 an wird im Südwesten "Wirtschaft Berufs- und Studienorientierung" als Pflichtfach flächendeckend an allgemeinbildenden weiterführenden Schulen unterrichtet. An 14 Schulen startet schon in diesem Herbst ein Testlauf. Bundesweit ist das Vorhaben einzigartig. In den anderen Bundesländern ist Wirtschaft an allgemeinbildenden weiterführenden Schulen noch immer ein Wahlfach.
"Baden-Württembergs Ansatz hat durchaus Vorbildcharakter für die Bundesrepublik", sagt Dirk Loerwald, Professor für Ökonomische Bildung an der Uni Oldenburg. Auf Ebene der Kultusministerkonferenz gibt es bislang keine Initiative, das Fach flächendeckend einzuführen. Während Niedersachsen beispielsweise ein Pflichtfach Wirtschaft für die Realschule hat und es in Gymnasien Wirtschaft und Politik nennt, gibt es in Nordrhein-Westfalen seit Jahren das Fach Sozialwissenschaften, für Realschulen wird über ein Pflichtfach Wirtschaft diskutiert. "Von einer flächendeckenden Situation sind wir in Deutschland weit entfernt", sagt Loerwald.
Arbeitgeber wollen Wirtschaft als eigenständiges Fach
Arbeitgeber sprechen sich klar für ein eigenständige Fach aus. "In einem Sammelfach droht das Thema unterzugehen", sagt Donate Kluxen-Pyta, stellvertretende Leiterin der Abteilung Bildung bei der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA).
In Baden-Württemberg, wo aktuell der neue Bildungsplan erarbeitet wird, beobachtet man das mit Argusaugen. "Schule darf keine Werbeveranstaltung werden. Im Gegenteil: Schule muss einer der letzten Bereiche im Heranwachsen unserer Kinder bleiben, der nicht auf Teufel komm raus marktkonform gestaltet wird", sagt Verdi-Landesbezirksleiterin Leni Breymaier. dpa/meh