Viele Jugendliche bleiben im Bildungssystem abgehängt. Die Hilfssysteme fangen zwar einiges auf, doch von früherer Unterstützung würde auch das Handwerk profitieren.
Frank Muck

Das Handwerk hat derzeit noch 18.000 Lehrstellen zu besetzen. Demgegenüber stehen mehr als 20.000 unversorgte Bewerber. Laut Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) gibt es weitere 60.000 Lehrstellensuchende, die in berufsvorbereitenden Maßnahmen stecken. Viele potenzielle Lehrlinge.
Grund für so viele unversorgte junge Menschen sind unter anderem schlechte Schulnoten, fehlende Abschlüsse sowie ungünstige Voraussetzungen im Elternhaus. Klappt es trotzdem mit der Lehrstelle, bemühen sich Handwerksbetriebe nach Kräften, auch schwächere Schüler in ihre Betriebe zu integrieren. Trotzdem liegt die Abbrecherquote im Handwerk bei rund 33 Prozent.
Denn was im Betrieb noch einigermaßen klappt, findet in der Berufsschule schnell seine Grenzen. Reinhold Nickolaus, Professor am Institut für Erziehungswissenschaften an der Universität Stuttgart, kennt die Probleme. Beim Übergang in den Beruf, so Nickolaus, treffen die Lehrer vor allem auf Defizite in den Basiskompetenzen, die für die berufliche Entwicklung wichtig sind: physikalisch-technische Grundlagen, mathematische Kenntnisse und Deutschkenntnisse.
Förderung in Übergangssystemen wie dem Berufseinstiegsjahr ist aufwendig
Eine Förderung von Leistungsschwachen auch in den Übergangssystemen wie der Berufsfachschule oder dem Berufseinstiegsjahr zeitige durchaus Erfolge und das bei entsprechender Anlage der Förderung bei allen Leistungsgruppen. Nickolaus: "Das ist allerdings nicht trivial."
Doch das Problem nimmt schon an viel früherer Stelle im Bildungssystem seinen Anfang: und zwar, wenn es um die Frage geht, welche weiterführende Schule die Kinder nach der Grundschule besuchen. Die betroffenen Jugendlichen finden sich oft an Schulen und Klassen, wo viele Probleme zusammenkommen. Die Hauptschule sowie die integrierte Gesamtschule mit niedrigen Abschlüssen werden auch aufgrund des Trends zur Akademisierung und des immer noch ausschlaggebenden Bildungsstatus der Eltern vielfach zu Sammelplätzen für Problemfälle.
Frühe Selektion erzeugt Druck
Heidemarie Brosche kennt das Stigma der Restschule. Sie ist Lehrerin an einer Mittelschule (bayerische Hauptschule) in Augsburg. Mehr als 90 Prozent der Schüler haben Migrationshintergrund. Viele kommen aus Familien, in denen Probleme wie Arbeitslosigkeit, Geldnot, fehlende Integration oder einfach fehlender familiärer Rückhalt zusammenkommen.
Die 61-Jährige kämpft leidenschaftlich für ihre Schützlinge und beklagt unter anderem zwei grundsätzliche Entwicklungen, die es den Schülerinnen und Schülern schwer machen, ihren Weg zu finden. Mal abgesehen von der Vielzahl an Problemen, das die Kinder schon von zuhause mitbringen, leiden sie erstens unter einer medialen Überforderung im Smartphonezeitalter und zweitens unter der frühen Selektion beim Übertritt in die Sekundarstufe I. In der vierten Klasse, je nach Bundesland unterschiedlich stark, würden die Kinder bewusst oder unbewusst unter entsprechenden Druck gesetzt, wenigstens die Realschulempfehlung zu schaffen.
Die Schüler brauchen ein anderes Selbstbild
Dem Bewusstsein, diese erste Hürde gerissen zu haben, folge der Wunsch, wenigstens den mittleren Schulabschluss zu schaffen. Ansonsten gehöre man zu denjenigen, die am unteren Ende des Bildungssystems angekommen sind. Mehrfach abgehängt gewissermaßen. Um diesem Selbstbild zu entgehen und den Schülern heterogenere Klassen mit leistungsstärkeren und weniger problembeladenen Kindern zu ermöglichen, würde Brosche mit Freude, wie sie sagt, eine gute und bewusst gestaltete Gemeinschaftsschule ausprobieren.
Baden-Württemberg nimmt vom Konzept der Gemeinschaftsschule dagegen wieder Abstand. Aufgeschreckt durch die schlechten Ergebnisse des letzten Bildungsrankings hat nach Aussage von Bernd Stockburger Kultusministerin Susanne Eisenmann angekündigt, in den Gemeinschaftsschulen wieder homogenere Klassen einzuführen. Der Versuch, durch Heterogenität das Leistungsniveau zu steigern, sei gescheitert. Stockburger, Geschäftsführer berufliche Bildung an der Handwerkskammer Region Stuttgart, hält das für einen Schritt in die richtige Richtung. Man wolle zwar nicht zurück zur Hauptschule, aber der Abschluss als solcher sollte wieder aufgewertet werden.
Leistungsdifferenzierter Unterricht bleibt entscheidend für den Erfolg
Bildungsforscher Nickolaus ist in seiner Beurteilung der Datenlage über Vor- und Nachteile der Schulformen sehr vorsichtig. Eine Unterrichtung mit unterschiedlich leistungsstarken Kindern betrachtet er nicht als Allheilmittel. Dennoch sieht der Bildungsforscher Vorteile in heterogen besetzten Klassen. Das Lernklima verbessere sich, wenn es keine Ballung von Kindern mit problematisch familiärem Hintergrund gäbe. Lerngruppen ohne Leistungsträger hätten automatisch Nachteile.
Für Nickolaus hat aber nicht nur das soziale Umfeld Einfluss auf den Lernerfolg, sondern auch das Selbstbild, das sich auf die gesamte Lernatmosphäre durchschlage. Der Forscher gibt aber auch zu bedenken, dass gerade in ländlichen Regionen die Hauptschule gut funktionieren kann.
Was für Nickolaus jedoch entscheidend bleibt für den Erfolg in allen Schularten, ist die leistungsdifferenzierte Förderung: jedes Kind nach seinen Fähigkeiten.