Bochumer Anti-Ästheten, Prinz Peng mit Ladehemmung und ein Feuerwehrmann ohne Wasser. Die Bundesligakolumne von Stefan Galler
Schuld sind die Journalisten
Meisterbetrieb: Hilfe für bedrohte Franken
Wir hatten ja erst vor kurzem die merkwürdige Psychologie der Fußballtrainer unter die Lupe genommen. Einer der antizyklischen Motivatoren ist bekanntlich Louis van Gaal: Nach Siegen wird die Keule gegen die eigene Mannschaft rausgeholt, bei Misserfolgen dagegen sind allenfalls die Journalisten schuld. So praktiziert auch am Samstag in Nürnberg, als sein Team gefühlte 85 Prozent Ballbesitz hatte und dennoch nur wenige sehenswerte Aktionen zustande brachte. Man mochte fast an eine Hilfsaktion für bedrohte Franken glauben, so billig ließen sich die Münchner den Ausgleich einschenken. Es folgte die Reaktion von "Louis van Gallig“ (Bild-Zeitung): Er blaffte einen Fernsehreporter an, der es gewagt hatte, den Auftritt der Bayern zu kritisieren. Man habe nämlich – hört, hört – viel besser gespielt als beim 2:1-Duselsieg mit Schiri-Hilfe gegen Florenz.
In der Pressekonferenz legte der Coach gleich noch nach: Auf die Frage, ob er glaube, dass kein Journalist Ahnung vom Fußball habe, antwortete der Holländer staubtrocken: "Die meisten nicht.“ Vermutlich hat sich das van Gaal’sche Gemüt dann tags darauf wieder beruhigt, als Tabellenführer Leverkusen in Bremen durch ein spätes Ausgleichstor die Chance vergab, wieder zwei Punkte zwischen sich und den Rekordmeister zu legen. Da erscheint die Ansage von Jupp Heynckes vor dem Wochenende eher wie das Pfeifen im Walde: Der Trainerfuchs hatte geflachst, im letzten Jahr seien die Bayern über Rang zwei froh gewesen, damit könnten sie doch bestimmt auch dieses Jahr leben. Da hat er wohl kurzzeitig vergessen, dass es sich bei seinem Arbeitgeber um den einzig wahren und ewigen Zweiten handelt.
Gesellenstück: Dreckig ist toll
Was haben sich die Beobachter über Arjen Robbens beigefarbene Unterhose aufgeregt. "Liebestöter“ war da zu vernehmen, vor allem, als sich die ersten irreparablen Schmutzflecken zeigten, wendeten sich Sportästheten mit Grausen ab. Doch hat sich eigentlich schon mal einer die Heimtrikots des VfL Bochum angeschaut? Dass der Ruhrpott-Klub schon seit Jahren im übelsten Look aller Erstligisten aufläuft, ist eigentlich kaum zu übersehen. Mit dem aktuellen Entwurf haben sich die Designer der Fußball-Hemden nun endgültig für ein Berufsverbot empfohlen: Wilde blaue Kreuz- und Querstreifen auf verwaschenem weißen Grund, dazu der grell-gelbe Aufdruck eines Billig-Supermarktes.
Nun aber kommt der Clou: Die Bochumer stehen drauf, grindig und schmutzig rüberzukommen, das zeigte sich am Samstagnachmittag beim 0:0 in Mainz. Der VfL rackerte und ackerte, nahm den ansonsten so spielfreudigen 05-ern damit total die Lust am Spiel. Fast gerührt berichtete Bochums Keeper Philipp Heerwagen nach der Partie von einem Dialog mit dem Mainzer Heller: "Er sagte zu mir, ihr seid so unangenehm, so dreckig.“ Und der baumlange Torwart strahlte dabei wie ein Kind unterm Weihnachtsbaum.
Er selbst entspricht derzeit übrigens auch dem etwas sonderbaren VfL-Schönheitsideal: Der fesche Oberbayer entstellt sich durch einen nicht wirklich gepflegt aussehenden Halb-Vollbart. Aber eines steht nach der Serie von sieben Spielen ohne Niederlage so gut wie fest: Trainer Heiko Herrlich und seine Anti-Ästheten werden wohl erstklassig bleiben.
Erstes Lehrjahr: Mäßige Rendite
Jeder dachte, das sei der größte Kölner Coup seit dem Bau des Domes und der Erfindung des Rosenmontagsumzugs: Als der FC im Frühjahr 2009 ankündigte, den verlorenen Sohn aus dem Münchner Exil zurück zu holen, war die Ekstase am Rhein kollektiv. So mancher träumte sogar von einer glorreichen Rückkehr auf die europäische Bühne. Doch nach 23 Spieltagen in der Bundesliga entspricht die Podolski-Rendite voll der weltweiten Wirtschaftskrise: Zehn Millionen investiert, ein Törchen als Gegenleistung.
Aktuell wartet der Ex-Prinz seit 1300 Minuten oder fast 24 Spielstunden auf ein Erfolgserlebnis. Es läuft wieder mal gar nicht rund für die Kölner – und mittlerweile liegen bei einigen auch die Nerven schon blank. Der Portugiese Maniche, ohnehin ein Profi mit zweifelhaftem Ruf, legte sich während der Woche mit Trainer Soldo an: Zuerst verweigerte er ihm bei seiner Auswechslung gegen Schalke den Handschlag, dann zeigte er sich im Training so spritzig wie eine alte Urinprobe. Soldo blaffte ihn an, er solle doch in die Kabine gehen, wenn er keine Lust hätte. Das brauchte er Maniche nicht zweimal anbieten.
Prompt landete der bocklose Geißbock gegen Stuttgart auf der Tribüne. Zumindest blieb ihm erspart bei dem schlimmen Debakel mitzuwirken. 5:1 stand es am Ende für den VfB, ausgerechnet Poldis Nationalteam-Konkurrent Cacau erschoss die Jecken drei Tage nach Aschermittwoch mit vier Toren fast im Alleingang. Der kam übrigens 2003 ablösefrei aus Nürnberg ins Schwabenland und hat seither in 209 Spielen 69 Mal getroffen. Eine Rendite wie in der New Economy.
Zwei linke Hände: Nur ein paar Tröpfchen
Wenn’s brennt, ruft man – das weiß jedes Kind – die Feuerwehr. Und wenn eine Fußballmannschaft in Schieflage gerät, dann holt sie einen Trainer, der des Löschens mächtig ist – einen Feuerwehrmann eben. Jörg Berger etwa hatte früher den Ruf, dass er sogar die Titanic gerettet hätte, zumindest mit Eintracht Frankfurt ist ihm das 1999 in mindestens ebenso aussichtsloser Situation gelungen. Bei Hannover 96 dachte man, es sei in der schlimmen Krise am sinnvollsten, einen besonnenen und sympathischen Mann wie Mirko Slomka an Bord zu holen.
Nun hat der verhinderte Brandmeister nach fünf Spielen genau null Punkte eingefahren – um im Bild zu bleiben: Aus Slomkas Schlauch kommen allenfalls ein paar Tröpfchen, das reicht noch nicht mal, um ein Streichholz zu löschen. Und so taumeln die Niedersachsen immer planloser der Zweiten Liga entgegen. In Dortmund wurde 96 gnadenlos vorgeführt, 5:28 Torschüsse, das fünfte Eigentor der Saison, am Ende stand es 1:4 – und Slomka kritisierte seine desolaten Balltreter hinterher schonungslos wie nie.
"Nicht bundesligatauglich“, nannte er die Vorstellung in Westfalen und kündigte schon mal an, personelle Konsequenzen zu ziehen. Der Coach packte also zumindest das Hackebeil aus, ein Utensil, das ja auch zur Ausrüstung eines Feuerwehrmannes gehört. Wenigstens kommt man damit schon mal in die brennende Wohnung. Jetzt muss nur noch das Wasser sprudeln.