Studienabbrecherin Luisa Bredschneijder Schuhmacherin statt Journalistin: Glück im Handwerk gefunden

Luisa Bredschneijder wollte ursprünglich in die Medien. Erst spät entscheidet sie sich, das Studium abzubrechen und ihrem Interesse an der ­Arbeit mit den Händen zu folgen. Den Ausschlag gab ein Paar Schuhe aus Neuseeland.

"Ich repariere jeden Schuh, bei dem es machbar ist und der dem Kunden den Aufwand wert ist", sagt Schuhmachermeisterin Luisa Bredschneijder.

Mit einem sympathischen Lachen öffnet Luisa Bredschneijder die Tür zu ihrem Geschäft in der Landsberger Fußgängerzone. Schnell wandert ihr musternder Blick an Oberkörper und Beinen entlang nach unten zu den Füßen und verweilt dort für eine Sekunde. "Die Schuhe eines Menschen, können so manches über eine Person verraten. Und ich erkenne schnell, ob jemand auf sich achtet und Wert auf sein Erscheinungsbild legt", sagt die Schuhmachermeisterin.

Erst vor wenigen Monaten hat sie den neuen Laden mit geschmackvoll gestaltetem Verkaufsraum, der offen einsehbaren Werkstatt und großzügiger Lagerfläche im Herzen der Stadt am Lech eröffnet. Direkt über dem Geschäft wohnt sie mit ihrem Mann Felix, dem dritten Bürgermeister, und dem gemeinsamen Hund. "Vorher lagen mein kleiner Betrieb und unsere Wohnung auf der anderen Straßenseite. Aber die 25 Quadratmeter sind mit der Zeit einfach zu klein geworden." Da nutzte sie die Chance, als die neuen Räume frei wurden.

Schuhe sind Erinnerungen

Mit einem Blick auf die Regale neben den alten Schustermaschinen, die die Meisterin ihres Fachs gerne noch manuell mit dem Pedal bedient, ist das verständlich. Dort türmen sich die aktuellen Aufträge von Luisa Bredschneijder. Das Sortiment der zu reparierenden Schuhe ist bunt gemischt. Von feinen Businessschuhen über Stiefel mit hohen Absätzen bis hin zu sportlichen Sneakern ist alles vertreten. Seit der Corona-­Pandemie gehe der Trend aber klar in Richtung sportlicherer Schuhe, die inzwischen auch in Büros und Banken salonfähig seien.

"Ich repariere jeden Schuh, bei dem es machbar ist und der dem Kunden den Aufwand wert ist." Ob es sich lohne, ein altes Modell zu erhalten, sei oftmals keine rationale, sondern eine emotionale Entscheidung, sagt sie und zeigt auf eines der Modelle im Regal. Sie nimmt einen ziemlich abgenutzten Freizeitschuh in die Hand, der schon fast auseinander zu fallen scheint. 220 Euro kostet die aufwendige Reparatur, was deutlich über dem Neupreis liegt.

"Der Kunde hat das Modell von einer Reise aus den USA mitgebracht. Er hängt sehr daran, doch der Schuh wird nicht mehr hergestellt", erklärt Luisa Bredschneijder. Es komme nicht selten vor, dass die zu reparierenden Schuhe mit einem persönlichen Erlebnis oder einer Erinnerung verbunden seien. Dann spiele der Preis ihrer Arbeit eine untergeordnete Rolle.

Generation Z beim Schuhmacher

Das Klischee, das vor allem ältere Leute aus der Gewohnheit heraus ihre Schuhe reparieren lassen, weil es früher noch in jedem Dorf einen Schuhmacher gab, kann die 34-jährige Handwerkerin nicht bestätigen. "Ich habe auch sehr viele jüngere Kunden. Gerade die nachkommenden Generationen interessieren sich für Nachhaltigkeit und Umweltschutz. Einen Schuh zu reparieren, anstatt ihn wegzuschmeißen und neu zu kaufen kann dazu einen wichtigen Beitrag leisten."

Ein hochwertig verarbeitetes Modell könne seinem Träger bei guter Pflege und regelmäßiger Reparatur locker 20 bis 30 Jahre erhalten bleiben, weiß die Expertin. Wer robuste, schöne und nachhaltige Schuhe kaufen möchte, dürfe auch guten Gewissens zu echtem Rindsleder greifen. "Leder ist ein Abfallprodukt des geschlachteten Tieres. Ein Lederschuh ist damit ein Naturprodukt und kann nach seiner Tragezeit zu einem großen Teil in den natürlichen Kreislauf zurückgeführt werden. Das ist nachhaltig."

Wenig hält die Schuhmacherin hingegen vom Trend zu "veganen Schuhen". Diese Modelle bestehen häufig aus Kunststoff und sind damit nicht natürlich abbaubar. Es gäbe jedoch auch interessante Ansätze für Lederersatz. Materialien wie Kork, Apfelreste oder Kokosschalen hätten Potenzial für die Zukunft.

Keine Erfüllung im Studium

Auch wenn Luisa Bredschneijder den Plastiktretern nicht viel abgewinnen kann, war es doch genau ein solcher Schuh, der sie zu ihrem heutigen Beruf brachte. Aufgewachsen in Usingen im Taunus, weiß sie nach dem Abitur nicht so wirklich, was sie machen soll. Deshalb reist sie zunächst mit einer Freundin sieben Monate mit dem Rucksack quer durch Neuseeland und arbeitet hier als Zimmermädchen und dort in einer Bar. In einem Laden entdeckt sie einen besonderen Schuh. Eine Mischung aus Römersandale und Stiefelette, dem sie nicht widerstehen kann. Welche Bedeutung der Kauf für ihr weiteres Leben haben würde, zeigt sich erst Jahre später.

Zurück in Deutschland spürt Luisa Bredschneijder, dass es Zeit ist, eine Entscheidung zu treffen, auch wenn ihre Eltern keinen Druck ausüben. Sie grübelt. Vielleicht etwas mit Medien, denkt sie, und entscheidet sich für die Fächerkombination Germanistik und vergleichende Kulturwissenschaft, um in den Journalismus zu kommen. Die Ernüchterung folgt schnell, als sie in der ersten Vorlesung bemerkt, dass fast alle ihre Kommilitonen diesen Beruf anstreben. Die Chancen auf dem Arbeitsmarkt stellt sie sich schwierig vor, außerdem sehnt sie sich nach einer individuelleren Tätigkeit. Doch einen guten Einfall hat sie nicht, sodass sie weiter studiert. "Glücklich war ich dabei nicht. Ich hatte schon leicht depressive Zustände und immer das Gefühl, meine Berufung noch nicht gefunden zu haben", erinnert sie sich. Kurz vor dem Ende des Studiums wächst ihr alles über den Kopf.

Schließlich bricht sie im Gespräch mit ihrer Mutter in Tränen aus. Nichts geht mehr. Eines weiß sie: Sie kann so nicht mehr weitermachen. Kurzerhand schreibt sie einen Brief an ihren Professor, in dem sie sich bedankt und zugleich mitteilt, dass sie nicht mehr wiederkommen werde. "In dem Moment, als ich den Brief in die Post warf, viel von mir eine große Last ab. Es war wie eine Befreiung."

Neustart im Handwerk

Sie erinnert sich bald an einen Persönlichkeitstest, den sie vor vielen Jahren zusammen mit ihrem Vater gemacht hatte. "Damals kam heraus, dass ich sehr gerne Dinge mit den Händen mache. Das hatte ich aber ignoriert. Nun wurde mir schnell bewusst, dass ich einen Handwerksberuf erlernen wollte." Doch welcher sollte es sein? Ihr Blick fällt auf die alten Schuhe aus Neuseeland, die sie schon lange reparieren lassen wollte. "Es wäre cool, wenn ich das selbst machen könnte, dachte ich."

Im Internet sucht sie nach einem Betrieb für ein Praktikum und fährt wenige Tage später mit ihrem Vater zu einem Theaterschuhmacher nach Ravensburg. Schnell merkt sie, dass die Arbeit genau das ist, wonach sie gesucht hat. "Doch der Betrieb nahm mich als junges blondes Mädchen mit meinem weißen Blüschen, das gerade aus dem Studium kam, leider nicht für voll."

Ihren Ausbildungsbetrieb findet sie wenig später unweit von ihrer Heimat entfernt in Frankfurt am Main. "Dort hat die Chemie sofort gestimmt. Sie haben mich gesehen, sie haben mich ernst genommen und sie haben mich vom ersten Tag bis heute gefördert und unterstützt. Sie waren wie eine zweite Familie", betont Luisa Bredschneijder.

Dennoch habe ihr die Ausbildung viel abverlangt. Blasen an den ­Fingern von der Arbeit mit der Schere am dicken Leder gehörten zum Arbeitsalltag dazu. Zudem solle man sich bewusst sein, weite Wege zu den Berufsschulen in Kauf nehmen zu müssen, da es leider nur noch wenige Azubis gäbe. Auch wem ein hohes Einkommen wichtig sei, wäre in dem Beruf falsch. "Du musst es aus Leidenschaft machen, weil es dich glücklich macht. Sonst funktioniert es nicht", sagt Luisa Bredschneijder.

Bei ihrem Betrieb im Frankfurter Bankenviertel fühlt sie sich pudelwohl. Doch dann hört ihr damaliger Freund, den sie auf einem Filmfestival in Landsberg kennengelernt hatte und mit dem sie damals eine Fernbeziehung führt, von einem frei stehenden Laden in der Innenstadt. Noch dazu ausgestattet mit alten Schustermaschinen. Sie entschließt sich, den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen. "In der heutigen Zeit mit unserer Wegwerfkultur einen neuen Schuhmacherbetrieb zu eröffnen, erfordert schon ein bisschen Mut. Aber wir machten eine Standortanalyse und kamen zu dem Schluss, dass es in Landsberg mit seiner hohen Kaufkraft und dem großen Einzugsgebiet funktionieren könnte."

Beschwerliche Gründerjahre

Die ersten Jahre werden für Luisa Bredschneijder dennoch beschwerlich. Parallel zum Betrieb absolviert sie in Wochenendkursen die Meisterausbildung in Frankfurt. Sie muss sich erst etablieren. Und wenig später folgt die Corona-Pandemie. Luisa Bredschneijder kommt an ihre ­körperliche und finanzielle Belastungsgrenze.

"Ohne die Unterstützung von meinem Mann und der Familie, hätte ich es nicht durchgehalten", gibt sie zu. Inzwischen hat sich Luisa Bredschneijder jedoch einen Namen gemacht und die Auftragsbücher sind immer gut gefüllt. „Ich habe mich auf Reparaturen spezialisiert und das ist sehr abwechslungsreich, weil jeder Schuh anders ist“, sagt sie. Für die Fertigung eigener Maßschuhe bleibt hingegen wenig Zeit. "Da benötige ich 40 bis 80 Arbeitsstunden für ein Paar Schuhe. Und das muss auch jemand bezahlen."

Eine Ausnahme macht sie aber doch. Für ihren Mann. "Felix bekommt regelmäßig ein neues Paar von mir. Dann muss er sich über kritische Blicke keine ­Sorgen machen", sagt sie lachend.