Der 33. Bundesligaspieltag im Check von deutsche-handwerks-zeitung.de Schöner Tag für das Feier-Biest

Man weiß ja einiges über Louis van Gaal: Er ist ein Disziplinfanatiker, ein akribischer Fußballer-Taktiker und gnadenloser Gegner aller kritischer Journalisten. Nun outete er sich als "Feier-Biest". Bundesliga-Kolumne von Stefan Galler

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Schöner Tag für das Feier-Biest

Meisterbetrieb: Schöner Tag für das Feier-Biest

Man weiß ja einiges über Louis van Gaal: Er ist ein Disziplinfanatiker, ein akribischer Fußballer-Taktiker und gnadenloser Gegner aller kritischer Journalisten. Am Samstagnachmittag, im Moment seines ersten ganz großen Triumphes mit dem FC Bayern, hat der Holländer eine weitere seiner Eigenschaften öffentlich gemacht. "Ich bin ein Feier-Biest", sagte er und so mancher erinnerte sich in diesem Moment an sein Busserl für Martin Demichelis vor dessen Einwechslung zuletzt beim Champions-League-Triumph in Lyon. Da will man sich gar nicht vorstellen, zu was der Tulpen-General fähig ist, wenn bei ihm alle Hemmungen fallen.

Die Voraussetzungen für eine rauschende Feier hatte van Gaal schon im Vorfeld des 33. Spieltags geschaffen: Seine ganze Familie hatte er nach München geladen, so sicher war er sich, dass Schalke gegen Bremen Federn lassen würde. Und deshalb hatte sich der Coach auch genau kundig gemacht, was er mit diesem Titel für neue Rekorde aufstellen würde: Er ist der erste holländische Fußballlehrer, der eine Bundesligasaison als Champion abschließt, "nicht einmal mein Vorbild Rinus Michels hat das geschafft", so van Gaal. Außerdem seien "nicht so viele Trainer in drei Ländern Meister" geworden, wie der Niederländer wissen lässt, "ich bin stolz und brauche bald als Herausforderung ein viertes Land".

Nun sind sie also Meister, die Bayern, zumindest "virtuell", wie van Gaal sagte. Die Feier im Stadion und vor allem in der Kabine konnte sich dennoch sehen lassen. Karl-Heinz Rummenigges Designeranzug war jedenfalls arg in Mitleidenschaft gezogen, als er aus der Umkleide kam. "Schweinsteiger ist wieder tätlich geworden", sagte der Vorstandsvorsitzende, der sich mit Kleinkriminalität auszukennen scheint, schließlich hört er auf den Spitznamen "Killer-Kalle".

Die Partystimmung in der Arena steckte auch die Kleinsten an, so feierte sogar der zweijährige Luka Robben mit den Spielern in der Fankurve. So recht schien der Sohn des Dribbelkünstlers zwar nicht zu wissen, was abgeht, dafür verstand er sich mit Bayerns plüschigem Maskottchen "Bernie" gleich prächtig. Als sich jedoch Mark van Bommel näherte, fing Klein-Robben an zu weinen, womit es ihm nicht anders erging als den meisten gegnerischen Fußballprofis, die auf dem Feld mit dem Bayern-Kapitän zusammentreffen.

Gesellenstück: Verlierer mit Leib und Seele

Schalke ist also wieder einmal Vizemeister, außer die Münchner verlieren kommende Woche bei Absteiger Hertha BSC und S04 feiert beim Tabellenzehnten Mainz einen 16:0-Kantersieg. Wer darauf setzt, ist entweder Wettbetrüger oder wahnsinnig, womit wir bei Franz Beckenbauer wären, der angesichts der dreifachen Titelchance der Bayern einen wunderbaren Spruch absonderte: "Wer das im Herbst prophezeit hätte, den hätte man gleich nach Haar bringen können." Für all jene, die nicht wissen, wo oder was "Haar" ist: Eine Klinik für psychisch Kranke vor den Toren Münchens.

Auf Schalke suchten sie nach der Heimpleite gegen Bremen jedenfalls nicht nach dem Haar in der Suppe, sondern feierten, als ob sie all jene Pokale gewonnen hätten, die sie nur aus dem Fernsehen kennen. Das hat aber durchaus nachvollziehbare Gründe: Der Mensch ist ein Gewohnheitstier und mag es, wenn sich Dinge nicht ändern. Deshalb waren die Königsblauen wohl einfach nur erleichtert, nicht am Ende doch noch erstmals seit 1958 Deutscher Meister geworden zu sein. Lieber die gute alte Verliererrolle mit voller Identifikation annehmen, als in ein unpassendes Kostüm zu schlüpfen und sich unwohl zu fühlen. Aus Mister Bean wird schließlich auch kein James Bond mehr.

Erstes Lehrjahr: Anarchie im Biotop

Freiburg – dieses wunderbare Biotop im Breisgau, dieses alternative Universitätsstädtchen, das so viel Charme und Menschlichkeit ausstrahlt – dieses Freiburg also bleibt der Bundesliga erhalten. Der dort beheimatete Sportclub, noch vor ein paar Wochen als Abstiegskandidat Nummer zwei (natürlich nach der Berliner Hertha) gehandelt und als Aufsteiger in dieser Spielzeit gern gesehener Punktelieferant, sicherte die Klasse durch ein 2:2 in Köln, weshalb nach der Partie ausgelassen feiernde Badener in der fremden Arena die Raupe machten und ihr Glück kaum fassen konnten.

Es ist ja auch irgendwie überraschend, dass ein Team, das in jeweils zwei Spielen gegen Bremen zehn Gegentore, gegen Leverkusen acht und selbst gegen Hannover noch sieben kassiert hat, auch nächstes Jahr im Oberhaus mitkicken darf. Vielleicht liegt es ja am anti-autoritären Führungsstil von Trainer Robin Dutt, dass seine Mannschaft immer wieder das Unmögliche möglich macht. Im Vorjahr etwa waren es die Spieler, die das Ziel "Aufstieg" formulierten, ohne ihren Boss zu fragen. Prompt schafften sie es.

In Köln nun, mahnte Dutt seinen rotgefährdeten Stürmer Idrissou, doch ein bisschen vorsichtiger in die Zweikämpfe zu gehen. Der brüllte seinem Vorgesetzten ein beherztes "Halt die Schnauze" quer über den Platz zu und schnürte später einen Doppelpack. So etwas gibt’s nur bei Vereinen aus etwas anderen Städten – so wie eben Freiburg eine ist.

Zwei linke Hände: Die Greisin ist sportlich verschieden

Freiburgs Fans sind also dem Klassenerhalt entsprechend gut drauf. Ganz im Gegensatz zu anderen Anhängergruppen der Liga, die den sportlichen Misserfolg ihrer Lieblinge auf unterschiedliche Art und Weise verarbeiteten. Die HSV-Fans quittierten die bodenlose Rückrundenleistung der Profis und das Ausscheiden aus der Europa League am Donnerstag in Fulham mit dem Spruchband: "Vielen Dank – für nichts!" Dazu wurde gegen den Vorstandsvorsitzenden Bernd Hoffmann gepöbelt, was schließlich in einer wüsten Schlägerei unter den Fans gipfelte, weil einige die Schmährufe gegen den Boss für übertrieben hielten. Das 4:0 gegen Nürnberg beruhigte im HSV-Lager keinen mehr, dafür brachte es auch noch die Anhänger der Franken auf die Palme.

Nachdem die FCN-Kicker ausgerechnet am 1. Mai jegliche Laufarbeit verweigert haben, muss der "Club" mehr denn je um den Klassenerhalt bangen. Die Schlachtenbummler blockierten nach dem Spiel den Bus und legten sich mit Profis und Manager Bader an. Wie gut, wenn man diese Stadien der Diskrepanz schon hinter sich hat. Wie in Berlin, wo die alte Dame Hertha nun nach langer, schwerer Krise doch sportlich verschieden ist. Aber die Lieben hatten ja ein Dreivierteljahr Zeit, sich von der nicht mehr ganz rüstigen Greisin zu verabschieden. Mit Wut, Tränen, Resignation – all diese Gefühle hatte es in den letzten Monaten gegeben. Am Samstag um 17.20 Uhr hörte Herthas Erstligaherz auf zu schlagen. Geprügelt oder gepöbelt hat da schon keiner mehr. Und geweint nur noch ganz Wenige.