Politiker, Konzerne und Forscher warnen vor möglichen hohen Kosten eines beschleunigten Atomausstiegs. Die großen Energieversorger und Experten sagen vor allem für die Industrie deutlich höhere Stromkosten voraus. Umweltminister Norbert Röttgen mahnte, eine kostenlose Energiewende gebe es nicht.
Schneller Atomausstieg könnte für die Industrie teuer werden
Berlin (dapd). Politiker, Konzerne und Forscher warnen vor möglichen hohen Kosten eines beschleunigten Atomausstiegs. Die großen Energieversorger und Experten sagen vor allem für die Industrie deutlich höhere Stromkosten voraus. Umweltminister Norbert Röttgen mahnte, eine kostenlose Energiewende gebe es nicht.
Die Energiekonzerne haben laut "Spiegel" erstmals eigene Berechnungen zu den Kosten eines schnelleren Atomausstiegs vorgelegt. Danach würden sich die Stromkosten für die Verbraucher bis 2020 um ein bis eineinhalb Cent pro Kilowattstunde erhöhen. Stärker seien die Auswirkungen für die energieintensive Industrie: Sie hätte pro Jahr etwa 1,5 Milliarden Euro zusätzlich zu zahlen.
Im Fall eines vollständigen Atomausstiegs bis Ende 2017 müsste laut anderer Berechnungen ein typischer deutscher Haushalt mit 3.500 Kilowattstunden Stromverbrauch im Jahr 2018 rund 137 Euro mehr zahlen. Das ist laut "Welt am Sonntag" das Ergebnis einer Studie des Kölner Energieforschungsunternehmens r2b energy consulting GmbH im Auftrag des Bundesverbandes der Deutscher Industrie (BDI).
Deutlich stärker würde nach der Studie die Wirtschaft zur Kasse gebeten: Industrie und Gewerbe müssten zusätzlich 23,5 Milliarden Euro aufbringen.
Röttgen schreibt in einem Beitrag für den "Spiegel" zu den Kosten der Energiewende, jeder werde sich beteiligen müssen, "die Industrie ebenso wie die Haushalte". "Es gibt keinen goldenen Weg in die Energiezukunft, der nichts kostet und keinerlei Anstrengungen erfordert", urteilt der CDU-Politiker. Die Politik müsse dabei darauf achten, dass Energie nicht zum Luxusgut für wenige werde und die energieintensive Industrie in Deutschland wettbewerbsfähig bleibe.
Der sächsische FDP-Landesvorsitzende Holger Zastrow warnte vor möglichen Kosten eines schnellen Atomausstiegs. "Wenn Deutschland jetzt als einziges Land in Europa völlig übereilt aus der Atomenergie aussteigt, wird deutscher Strom ein teures Luxusgut für Verbraucher und Unternehmen, und am Ende wird billiger Atomstrom aus Kraftwerken im Ausland importiert" sagte Zastrow am Freitag.
CSU-Chef Horst Seehofer sagte dem "Spiegel", auch bei einem Atomausstieg bis 2020 werde es keine Steuererhöhungen geben. Damit widersprach Bayerns Ministerpräsident Überlegungen von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU), die Brennelementesteuer zu erhöhen.
Sachsen-Anhalts Regierungschef Reiner Haseloff nannte die Kostendebatte "Spiegelfechterei". Selbst wenn Atomkraftwerke länger am Netz blieben, müsse man sie sicherheitstechnisch nachrüsten, sagte der CDU-Politiker der "Super Illu". Dann wäre Atomstrom alles andere als billig. Lieber solle man das Geld in "nachhaltige Formen der Energiegewinnung" investieren.
Der Bundesverband der Verbraucherzentralen erwartet für den Netzausbau und die Umlage für erneuerbare Energien bis 2020 ein Anstieg des Strompreises um ein bis zwei Cent je Kilowattstunde zu erwarten. "Das liegt unterhalb der Inflationsrate", sagte Energieexperte Holger Krawinkel der Nachrichtenagentur dapd in Berlin. Im Vergleich zum Strompreisanstieg um 80 Prozent in den vergangenen zehn Jahren sei die Verteuerung "absolut lächerlich".
Der Deutsche Mieterbund sagte steigende Kosten für Mieter voraus. Er erwartet für das laufende Abrechnungsjahr bis zu zehn Prozent plus bei den Nebenkosten und danach weitere Lasten durch die Energiewende.
dapd
