Mineralienfreunde finden in Freiberg eine wahre Fundgrube. Für die einzigartige Ausstellung "terra mineralia" haben zwei Goldschmiedemeister seltene Edelsteine verarbeitet.
Ulrich Steudel
Schmuckstücke in der Glitzerwelt
Staunen! Immer wieder staunen! Wer die "terra mineralia" – die weltgrößte Mineralienschau im sächsischen Freiberg – besucht, kommt aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Mit einer überwältigenden Vielfalt an Formen und Farben sorgen die ausgestellten Gesteine für immer neue Reize während des Rundgangs.
"Im Vergleich zur Natur sind wir doch nur Stümper", dachte Andrea Gerlach demütig, als sie zum ersten Mal die Ausstellung betrat. Das ist freilich tiefgestapelt. Denn neben den beeindruckenden Kristallen, wie Mutter Erde sie tief in ihrem Inneren in Jahrmillionen geformt hat, kann sich der Schmuck der Goldschmiedemeisterin sehr wohl sehen lassen. Unter dem Renaissancegewölbe der Schatzkammer, dem abschließenden Höhepunkt der gigantischen Mineralienschau im Schloss Freudenstein, sollen Arbeiten der Goldschmiede Gerlach demonstrieren, was der Mensch mit handwerklichem Geschick aus den Schätzen der Natur zu gestalten versteht.
Sieben edle Kostbarkeiten
Für Andrea Gerlach und ihren Mann Bertram Berger war der Auftrag eine willkommene Gelegenheit, einmal ohne das Diktat des Kunden ihrer Kreativität freien Lauf zu lassen. Lediglich eine Auflage galt es zu erfüllen: Für sieben der ausgestellten Mineralien jeweils ein dazugehöriges Schmuckstück zu fertigen. Und so entstanden im vergangenen Jahr Kostbarkeiten aus Silber, Gold und Platin mit Kunzit, Opal, Silber, Aquamarin, Turmalin, Lapislazuli und Topas.
Dennoch haben die beiden Goldschmiedemeister wirtschaftliche Aspekte bedacht, als sie sich an die Arbeit machten. Die sieben Exponate stehen alle zum Verkauf. "Die Schau soll nicht statisch sein. Wir wollen den Schmuck immer wieder erneuern", erklärt Bertram Berger. Ein Anhänger mit Boulderopal sowie Silberschmuck haben bereits einen Abnehmer gefunden und wurden durch neue Stücke ersetzt.
Mehr als 60.000 Besucher haben die Ausstellung "terra mineralia", die Ende Oktober im Herzen Freibergs eröffnete, bis Ende 2008 schon gesehen. Wer die mineralogische Weltreise antritt, wird bezaubert von wahren Kunstwerken aus der Alchimistenküche im Erdinneren. Wie Pilze recken grüne Malachit-Stalagmiten ihre Köpfe ins Licht. Säulen aus schwarzem Turmalin erheben sich aus gelb schimmerndem Rauchquarz. Glasklare Bergkristalle von schier unfassbarer Größe bringen Sammleraugen zum Strahlen. Calcite und Fluorite lassen riesige Gesteinsstufen in einem breiten Spektrum an Farben schimmern. Und selbst unscheinbare Steine fluoreszieren unter kurzwelligem UV-Licht in einer nicht für möglich gehaltenen Farbenpracht.
Zusammengetragen hat die umfangreiche Sammlung die Schweizerin Erika Pohl-Ströher. Die bald 90-jährige Enkelin des Friseurmeisters Franz Ströher, der im Jahr 1880 im vogtländischen Rothenkirchen den Grundstein für den späteren Wella-Konzern legte, hat über Jahrzehnte hinweg außergewöhnliche Exponate von Fundstellen in der ganzen Welt gesammelt und inzwischen in die "Pohl-Ströher Mineralienstiftung" eingebracht. Dass die leidenschaftliche Sammlerin ihre weltweit einzigartige Kollektion ausgerechnet der Bergakademie Freiberg und nicht etwa der ebenfalls interessierten Harvard University als Dauerleihgabe überließ, hat sicher weniger mit ihren sächsischen Wurzeln zu tun. Freiberg gilt seit Jahrhunderten als montanwissenschaftliche Hochburg, deren Universität selbst über eine bedeutende geowissenschaftliche Mineraliensammlung verfügt.
An die mannshohe Amethyst-Druse aus dieser Sammlung konnte sich Andrea Gerlach noch gut erinnern. Doch ihre wahre Pracht entfaltet sie erst jetzt unter der modernen Lichttechnik der Schatzkammer, unweit der Vitrinen, in denen die Goldschmiedekunst aus dem Hause Gerlach zu sehen ist. Wie etwa der Platin-Reif mit einem 18,05 Karat schweren Kunzit – ein reiner Liebhaberstein, wie ihn Bertram Berger in dieser Größe noch nie zuvor in den Händen gehalten hatte. Dabei sind schon viele Edelsteine durch seine Hände gewandert, haben seinem prüfenden Blick standhalten müssen. Als Mitglied des Sachverständigenrates im Zentralverband der Goldschmiede, Silberschmiede und Juweliere hat er ein Auge dafür, ob ein Edelstein echt oder falsch ist oder ob etwa durch Erhitzen versucht wurde, einem minderwertigen Stein mehr Leuchtkraft zu verleihen. "Das ist ja nicht verboten, nur muss es kenntlich gemacht werden", warnt der Experte.
Die Edelsteine, die für die "terra mineralia" verarbeitet wurden, sind natürlich alle echt und sogar die Farbe stimmt mit dem parallel präsentierten Mineral überein, obwohl Andrea Gerlach und Bertram Berger die meisten Exponate nur aus Beschreibungen kannten, als sie die dazugehörigen geschliffenen Edelsteine beschaffen mussten. Ausgerechnet beim Turmalin, dem einzigen Mineral, das sie im Original in ihrer Werkstatt begutachten konnten, stimmt die Farbe nicht hundertprozentig überein. Aber das fällt nur geschulten Augen wie denen der Meister aus der Goldschmiede Gerlach auf.
Eigentlich wollte Andrea Gerlach ja lieber Lehrerin werden. Aber nach dem Abitur ist sie dann doch dem Wunsch ihres Vaters nachgekommen, hat ihren Gesellenbrief erworben und ist in das elterliche Geschäft eingestiegen, das Horst Gerlach damals gemeinsam mit Firmengründer Siegfried Meyer führte. Die Goldschmiede Gerlach gehörte in der DDR mit bis zu acht Mitarbeitern zu den größeren Werkstätten ihrer Zunft. Und obwohl dem Privatbetrieb in Zeiten der Mangelwirtschaft vom Staat nur ein Materialkontingent von 60 Gramm Feingold pro Jahr zugestanden wurde, räumten die Freiberger Kunsthandwerker bei den landesoffenen Schmuckwettbewerben viele Preise ab, was ihren Bekanntheitsgrad steigerte.
Geglückte Nachfolge
"Schon damals kamen Kunden aus Berlin und Leipzig in unser Geschäft, um sich individuellen Schmuck anfertigen zu lassen", erinnert sich Andrea Gerlach, die 1984 ihre Meisterausbildung abschloss und nun seit zehn Jahren den väterlichen Betrieb ganz in dessem Sinne weiterführt, auch wenn er sich unter marktwirtschaftlichen Bedingungen wandeln musste.
60 Gramm Feingold können die Goldschmiedemeister bei Bedarf heute an einem Tag verarbeiten. Auch der Umzug von der Bahnhofstraße in die Innenstadt war notwendig. Inzwischen arbeiten Andrea Gerlach und Bertram Berger nur einen Steinwurf vom Renaissanceschloss entfernt, in dem einige ihrer wichtigsten Arbeiten ein riesiges Publikum finden. Und das wird sicher bescheinigen: Hier waren keineswegs Stümper am Werk.