Wer über mehrere Tage hinweg zu wenig schläft, wird risikobereiter, ohne es zu merken. Das haben Forscher der Universität Zürich herausgefunden. Neben Schläfrigkeit und verminderter Konzentrations- und Leistungsfähigkeit hat chronischer Schlafmangel also eine weitere, gefährliche Folge. Auch im Handwerk sind viele betroffen.

Risikobereitschaft ist keine reine Charakterfrage. Forscher der Universität Zürich haben jetzt herausgefunden, dass die Risikobereitschaft wächst, wenn der Mensch über mehrere Tage hinweg zu wenig schläft.
Die Wissenschaftler hatten 14 gesunde männliche Studenten im Alter von 18 bis 28 Jahren untersucht. Schliefen die Studenten eine Woche lang nur 5 Stunden pro Nacht, zeigten sie ein klar risikoreicheres Verhalten im Vergleich zu einer normalen Schlafdauer von etwa acht Stunden. Eine schlechte Nacht allein bewirkte noch keine Veränderung.
Übermüdete treffen riskantere Entscheidungen
Besonders kritisch an den Ergebnissen: Die übermüdeten Studenten waren sich ihres veränderten Verhaltens nicht bewusst. Chronischer Schlafmangel führt also nicht nur zu Schläfrigkeit und verminderter Konzentrations- und Leistungsfähigkeit, Eigenschaften, die der Betroffene selber spürt. Er birgt auch die Gefahr von falschen Entscheidungen, ohne dass der Betroffene sich darüber klar ist.
Im Schnitt brauchen junge Erwachsene durchschnittlich rund 9 Stunden Schlaf pro Tag. Bei älteren Erwachsenen sind es um die 7,5 Stunden. Doch rund ein Drittel der Menschen in westlichen Industrieländern kommt lange nicht auf diese Zeiten.
Oft genug liegt das auch an der Arbeit. Im Handwerk sind vor allem Bäcker und Konditoren betroffen, die überwiegend nachts und in Schichten arbeiten. Mit durchschnittlich 6,41 Stunden zählen sie zu den Berufsgruppen in Deutschland, die im Vergleich zu anderen eher wenig schlafen. Das hat eine Auswertung des sozioökonomischen Panels vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und der Frankfurter Allgemeinen (F.A.Z.) gezeigt.
Kranführer schlafen wenig
Neben den Bäckern sind auch weitere Handwerksberufe vom Schlafmangel betroffen: So zum Beispiel die Maler und Lackierer. Sie schlafen mit durchschnittlich 6,63 Stunden nur wenig mehr als ihre Kollegen aus dem Backgewerbe. Genauso "lange" verweilen übrigens Stapelfahrer und Kranführer in ihren Federn. Noch weniger schlafen jedoch Postboten und Paketlieferanten: Mit lediglich 6,35 Stunden kommt die Nachtruhe bei ihnen eindeutig zu kurz.
Platz eins der Schlaflosen belegen allerdings die Personenschützer – mit mageren 6,27 Stunden bilden sie diejenige Berufsgruppe Deutschlands, die sich durchschnittlich die wenigste Schlummerzeit gestattet. Wie die Bäcker arbeiten auch sie häufig zu unterschiedlichen Tages- und Nachtzeiten. Regelmäßig genügend Ruhe zu bekommen, gestaltet sich also als eher schwierig.
Schuhverkäufer sind Schlafmützen
Bei vielen Berufen liegt der Fall anders: Hochschullehrer und –forscher schlafen mit 7,21 Stunden relativ ausgiebig, auch Journalisten (7,16 Stunden), zahnmedizinische Fachangestellte (7,16) und Grundschullehrer (7,1) zählen zu den Schlafmützen. Das könnte damit zusammenhängen, dass sie in der Regel am Tag und zu festgelegten Zeiten arbeiten. Am längsten schlummern übrigens Kleidungs- und Schuhverkäufer: Mit 7,24 Stunden bilden sie die schläfrigste Berufsgruppe in ganz Deutschland.
Warum übermüdete Menschen sich riskanter verhalten, erklären die Wissenschaftler mit der fehlenden Erholung für wichtige Hirnregionen. Denn auch bei niedriger Schlaftiefe zeigen die Probanden vermehrtes Risikoverhalten. "Wir nehmen an, dass Verhaltensänderungen gewissermassen anatomisch-funktionell begründet auftreten, indem sich der rechte präfrontale Kortex bei chronischem Schlafmangel ungenügend erholen kann", folgert Christian Baumann, Professor für Neurologie und Leiter des Klinischen Forschungsschwerpunkts an der Universität Zürich. ew/bst