Leitartikel Run auf ältere Arbeitskräfte

Die Zahl der Menschen zwischen 60 und 65 Jahren, die einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung nachgehen, hat einen neuen Rekordstand erreicht. Handwerksbetriebe nutzen und brauchen dieses Potenzial.

Lothar Semper

Dr. Lothar Semper, stellvertretender Chefredakteur der Deutschen Handwerks Zeitung. - © Kasia Sander
Dr. Lothar Semper

Die Bundesagentur für Arbeit hat kürzlich weniger mit den aktuellen Arbeitslosenzahlen Aufmerksamkeit erreicht. Vielmehr sorgte eine andere Nachricht aus Nürnberg für Schlagzeilen: Die Zahl der Menschen zwischen 60 und 65 Jahren, die einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung nachgehen, hat einen neuen Rekordstand erreicht.

Binnen Jahresfrist ergab sich zum September 2012 – aktuellere Zahlen liegen nicht vor – ein Anstieg um über zwölf Prozent auf knapp unter 1,5 Millionen. Noch bemerkenswerter ist die Entwicklung während der letzten fünf Jahre: Hier ergab sich ein satter Zuwachs um über 80 Prozent.

Wie so oft im Leben gehen allerdings die Interpretationen dieser Zahlen weit auseinander. Die Wirtschaft weist darauf hin, dass man auf die Erfahrung und den Beitrag der Älteren – nicht zuletzt vor dem Hintergrund des demographischen Wandels – nicht verzichten kann.

Andere hingegen sehen in der höheren Erwerbsbeteiligung schlichtweg eine Reaktion der Rentner darauf, dass die Rentenbezüge nicht mehr zum  Leben reichen. Der Alterssicherungsbericht 2012 der Bundesregierung bestätigt diese Sichtweise allerdings nicht.

Keine Frühverrentungsorgien im Handwerk

Fakt ist, dass sich durch die geringen Geburtenraten in Deutschland der Altersaufbau gewaltig verschiebt. Aktuelle Zahlen aus der 12. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung machen dies überdeutlich: Bereits in zehn Jahren wird das insgesamt rückläufige Erwerbspersonenpotenzial zu jeweils gleichem Anteil aus den 30- bis unter 50-Jährigen und aus den 50- bis unter 65-Jährigen bestehen.

Eine Erhöhung des Renteneintrittsalters auf 67 Jahre führt übrigens für das Jahr 2060 – so weit reichen die Prognosen – zu einer um ein bis zwei Millionen größeren Bevölkerung im Erwerbsalter.

Das Entscheidende wird allerdings sein, dass aus diesem Potenzial auch echte Erwerbstätige werden. Denn trotz aller Euphorie über die aktuelle Entwicklung darf man nicht übersehen, dass derzeit nur rund jeder Dritte der über 60-Jährigen einer Beschäftigung nachgeht. Allerdings gehört zu den Ursachen dafür auch die von Politik und Gewerkschaften gemeinsam mit Großbetrieben mehr als zwei Jahrzehnte propagierte Frühverrentung.

Das Handwerk kann für sich in Anspruch nehmen, sich an diesen Frühverrentungsorgien nie beteiligt zu haben. Die SPD weist nun schon wieder darauf hin, dass für sie die Rente mit 67 erst dann in Frage kommt, wenn die Hälfte der über 60-Jährigen eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung hat. Falls die Entwicklung allerdings weiter so dynamisch verläuft wie zuletzt, dann dürfte das Erreichen dieser Quote bis 2029, wenn die Rente mit 67 voll greift, kein Problem sein.

Wissen und Erfahrung zählen

Deshalb sollte man keinerlei Energien mehr mit dem Infragestellen der Anhebung der Altersgrenze verschwenden. Alles muss vielmehr darauf konzentriert werden, wie ein deutlich höherer Anteil der Älteren wieder in das Arbeitsleben integriert werden kann. Und da gibt es in der Tat einiges zu tun. Wissen, Erfahrung und jahrelange Übung älterer Arbeitnehmer zählen gerade im Handwerk.

Diese Eigenschaften müssen erhalten und weiterentwickelt werden. Dazu wird es in den Betrieben allerdings notwendig werden, Arbeitsorganisation und Arbeitsprozesse entsprechend anzupassen. Ganz entscheidend aber wird auch die ständige Qualifizierung der älteren Mitarbeiter sein.

Die Klage der Bundesagentur für Arbeit, dass gerade in kleinen und mittleren Unternehmen die Beteiligung an Weiterbildung oftmals gering ist, muss dazu eindeutig widerlegt werden. Und sie kann es auch. Vielleicht sind auch schlicht die Programme der Bundesagentur für kleine Betriebe nicht optimal zugeschnitten. Zur Sicherstellung ihrer Qualifikation sind aber auch die Älteren selbst mit gefordert.