Die Zahl der Unternehmenspleiten steigt im Juli so stark wie seit Monaten nicht mehr. Besonders hart trifft es kleine Betriebe und das Baugewerbe. Ein Ende ist nicht in Sicht – laut Experten liegt es nicht nur an den äußeren Umständen.

Die Zahl der Firmenpleiten in Deutschland steigt im Juli stark an. Nach vorläufigen Angaben des Statistischen Bundesamtes melden die Amtsgerichte 19,2 Prozent mehr neue Insolvenzen als im Vorjahresmonat. Dies ist der stärkste Anstieg seit vergangenem Oktober. Damit zerschlagen sich aufkeimende Hoffnungen auf eine Trendwende.
Diese wurden im Mai befeuert durch den ersten Rückgang der Pleitezahlen seit März 2023. Doch schon im Juni legten die Zahlen wieder zu. Ob alle Fälle von den Insolvenzgerichten so weit prozessiert werden, dass sie in die amtliche Statistik eingehen, ist noch offen. Der Zeitpunkt des Insolvenzantrags liegt nach Angaben des Bundesamtes oft circa drei Monate vor der Aufnahme in die amtliche Statistik.
Uneinigkeit über die Ursachen
Wirtschaftsverbände bewerten die Gründe für den Anstieg unterschiedlich. Jupp Zenzen, Konjunkturexperte bei der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK), kommentiert: "Die Wirtschaftskrise dauert an – und deshalb wächst die Welle der Unternehmensinsolvenzen weiter." Nach zwei Jahren Rezession sei die Liquidität vieler Betriebe angeschlagen. Zudem belasteten hohe Energiepreise und viel Bürokratie. Die Wirtschaft brauche "Entlastung auf breiter Front", mahnt Zenzen. Die Politik müsse "die dringend benötigten Reformen sehr rasch" umsetzen.
Christoph Niering, Vorsitzender des Verbandes der Insolvenzverwalter und Sachwalter Deutschlands (VID), sieht hingegen auch hausgemachte Probleme. "Zu schnell wird die Ursache der unternehmerischen Fehlentwicklung bei steigenden Zöllen oder hohen Energiekosten gesucht", sagt Niering. "Eine gefährliche Fehleinschätzung, da hierdurch Sanierungsmaßnahmen zu spät oder nicht umfassend genug angegangen werden."
Baugewerbe und kleinere Betriebe im Fokus
Daten des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) bestätigen den negativen Trend. Das Institut zählt für Juli 1.588 Insolvenzen von Personen- und Kapitalgesellschaften. Das sind 13 Prozent mehr als im Juli 2024 und 64 Prozent mehr als im Durchschnitt der Jahre vor der Corona-Pandemie (2016-2019). Laut IWH sind aktuell vor allem kleinere Betriebe betroffen, weshalb die Zahl der gefährdeten Arbeitsplätze vergleichsweise gering sei.
Endgültige Zahlen des Statistischen Bundesamtes für den Monat Mai zeigen, welche Branchen besonders betroffen sind. Mit 9,4 Insolvenzen je 10.000 Unternehmen gehört das Baugewerbe zu den am stärksten betroffenen Sektoren. Davor liegen nur Verkehr und Lagerei (10,9 Fälle), dahinter folgt das Gastgewerbe (9,0 Fälle). Insgesamt zählt das Statistische Bundesamt für Mai 2.036 beantragte Unternehmensinsolvenzen und damit 5,3 Prozent mehr als ein Jahr zuvor.
Ausblick bleibt trüb
Diverse Wirtschaftsauskunfteien rechnen für das Gesamtjahr mit mehr Firmenpleiten als 2024. Bereits im vergangenen Jahr war laut amtlichen Zahlen mit 21.812 Fällen ein Höchststand seit 2015 registriert worden. Der Anstieg wurde damals erwartet, da die staatlichen Hilfen aus der Corona-Pandemie ausgelaufen waren. ewö/dpa