Praxisbeispiel einer Restrukturierung Sanierung in der Insolvenz: So läuft eine Restrukturierung ab

Der Rohr-Reiniger und -Sanierer Haas ist ein gut am Markt etabliertes Unternehmen. Für eine wirtschaftliche Schieflage waren diverse ­kleinere Gründe ­verantwortlich. Schnelles, planvolles Handeln ermöglichte schließlich eine Restrukturierung.

Lexikon Restrukturierung
Wenn sich der Geschäftsbetrieb trägt, ist eine Restrukturierung möglich. - © SBH - stock.adobe.com

Am Ende waren es zwei rechtlich voneinander getrennte Unternehmen, in die die Haas-Gruppe aufgespalten wurde. Durch eine übertragende Sanierung konnte der Spezialist für die Reinigung und Sanierung von Rohren und Kanälen gerettet werden und kann seine Kunden weiterhin an den Standorten Stuttgart-Remseck und Chemnitz versorgen, wo er schon vorher zu Hause war. Insolvenzverwalter Markus Schuster vom Stuttgarter Standort der Kanzlei Schultze & Braun berichtet, wie das Unternehmen erhalten werden konnte.

Eigentlich ging es dem Kanal- und Rohr-Reiniger Haas nicht wirklich schlecht. Aufträge waren ausreichend vorhanden, das Unternehmen ist als Spezialist etabliert, sowohl in Remseck als auch in Chemnitz. Dass das Unternehmen trotzdem Insolvenz beantragen musste, lag am Ende an einer Gemengelage aus verschiedenen kleineren Gründen: zu viele Mitarbeiter für das bestehende Auftragsvolumen, fehlende Preisanhebungen in den vergangenen Jahren oder auch Effizienzprobleme zwischen den beiden Standorten.

Mitarbeiter und Maschinen mussten hin- und herbewegt werden, was immer wieder zu Verzögerungen bei der Auftragsbearbeitung und dazu führte, dass Aufträge nicht angenommen werden konnten. Dass Haas außerdem viele Außenstände hatte und das Forderungsmanagement lahmte, verschärfte das Liquiditätsproblem.

Einem Weiterbetrieb stand nichts im Weg

"Bei einem laufenden Unternehmen müssen wir uns immer möglichst schnell anschauen, was die Gründe sind", erläutert Markus Schuster, wie ein beginnendes Insolvenzverfahren startet. Der Faktor Zeit spielt bei der Weiterführung des Unternehmens eine maßgebliche Rolle. Denn am Ende des Tages muss der Geschäftsbetrieb sich wieder tragen. Da die Gründe nach einem Eigenantrag auf Insolvenz in diesem Fall aber relativ gut dokumentiert waren, stand dem Weiterbetrieb nichts im Weg und laufende Aufträge konnten ausgeführt werden. Schuster lobt deswegen explizit die Vorbereitung des Insolvenzantrags durch die rechtlichen Berater und deren Geschäftsführer.

Geld gibt es in dieser Zeit maximal von den Auftraggebern. Mit staatlicher Hilfe kann ein insolventer Betrieb in der Regel nicht rechnen. Immerhin bekommen die Beschäftigten Insolvenzgeld, was bedeutet, dass das Unternehmen die Löhne und Gehälter drei Monate lang nicht aus dem laufenden Geschäftsbetrieb bezahlen muss. Das ist vor allem dann eine Erleichterung, wenn ein Betrieb personalintensive Dienstleistungen anbietet. Ohne Löhne und Gehälter lasse sich, so Schuster, in der Regel ein Plus erwirtschaften, das für die Sanierung genutzt werden sollte und den Gläubigern zugutekommt. Schaffe man es selbst damit nicht, sei bei der Kalkulation in der Vergangenheit etwas grundsätzlich schiefgelaufen. Rohstoffe, Betriebs- und Produktionsmittel müssen natürlich weiterhin finanziert werden.

Es gibt dann weitere Möglichkeiten, für Liquidität zu sorgen. Außenstände zum Beispiel sollten möglichst schnell erfasst und eingefordert werden. Bei Haas arbeitete Schuster mit einer Factoring-Bank zusammen, die die gesamten Forderungen aufgekauft hat und die entsprechenden Debitorenforderung unmittelbar unter Abzug einer Provision an das Unternehmen weitergegeben hatte, ohne dass Haas aufgrund der langen Zahlungsziele mit Kunden lange (bis zum Teil 90 Tage) auf den Geldeingang warten musste.

"Da muss man wirklich sehen, wie kriege ich am schnellsten Geld rein."

Insolvenzverwalter Markus Schuster

Zusätzlich gibt es das Mittel der Verlustübernahmeerklärung. Kunden, beispielsweise aus der Automotive-Industrie, übernehmen dann auflaufende Verluste, weil sie unbedingt ein bestimmtes Teil brauchen, das das gefährdete Unternehmen herstellt. Eine weitere Option ist die Vereinbarung von sogenannten Massebeiträgen mit den Banken oder Lieferanten. Ein beispielsweise sicherungsübereignetes Warenlager darf vom Unternehmen dann weiter veräußert werden und die Insolvenzmasse erhält auch einen Anteil daran. Schuster unterstreicht noch mal, wie wichtig es ist, schnell Liquidität herzustellen. "Da muss man wirklich sehen, wie kriege ich am schnellsten Geld rein", sagt er. Denn maximal nach drei Monaten muss der Betrieb wieder in der Lage sein, alle Kosten wieder aus dem laufenden Geschäftsbetrieb zu erwirtschaften, inklusive Löhnen und Gehältern. Klappt das nicht, muss der Geschäftsbetrieb oftmals eingestellt werden.

Bei Haas hatte Schuster zunächst versucht, einen Investor zu finden, der das gesamte Unternehmen an beiden Standorten übernimmt. In der Longlist wurden zu Anfang mehr als 250 mögliche Investoren angeschrieben, mit dem Ergebnis von immerhin mehr als 20 ernsthaften Interessenbekundungen. Die Interessen der möglichen Käufer unterschieden sich jedoch teils deutlich voneinander. Einige wollten den gesamten Geschäftsbetrieb kaufen, andere wiederum jeweils einen Standort, weil ihre Ausrichtung unterschiedlich war. So kam es, dass Schuster auch mit den Interessenten verhandelte, die in nur einen der beiden Standorte investieren wollten.

Wünschenswert: Arbeitsplätze erhalten und Gläubiger bedienen

Wieder andere Interessenten hatten es nur auf Maschinen oder Fahrzeuge abgesehen. Schuster betont, dass immer wieder Schnäppchenjäger auftreten, die es darauf abgesehen haben, Gebrauchsgüter billig aus der Insolvenz herauszukaufen. Das, so Schuster, sei aber eigentlich ein Weg in die Abwicklung des Betriebs und damit eine Ultima Ratio. Wenn der Unternehmensverkauf nicht gelänge, müssten die noch bestehenden Assets bestmöglich verkauft werden. Finanziell und sozialpolitisch wünschenswert sei es dagegen, möglichst viele Arbeitsplätze zu erhalten und die Gläubiger bestmöglich zu bedienen. Durchaus kommt es des Öfteren auch im Laufe eines Investorenprozesses vor, dass Interessenten kurz vor Unterzeichnung der Verträge ihre Angebote zurückzögen.

Am Ende einigte sich der Insolvenz­verwalter bei Haas mit zwei Parteien, die das beste Angebot für eine geteilte Übernahme gemacht haben: Eric Windsch mit einem Co-Investor für Stuttgart-Remseck und die Kurt Kanal- und Rohrtechnik GmbH für den Standort Chemnitz, an dem sie selbst beheimatet ist – letztlich zwei naheliegende Lösungen. Eric Windsch war bereits Betriebsleiter bei Haas, kennt sich also mit der Materie sowie dem Markt aus. Die Kurt Rohrtechnik GmbH dagegen wollte ihr Portfolio erweitern – die Sanierung von Rohrleitungen mittels eingezogener Schläuche, eine Dienstleistung, die die Haas-Niederlassung bereits im Angebot hatte.

Erhalt der Standorte kann sich sehen lassen

In Chemnitz wurden alle Mitarbeiter übernommen und der Standort besteht unverändert weiter. In Stuttgart musste nur acht Beschäftigten gekündigt werden. Insofern sei es zwar keine Ideallösung, aber in der aktuellen Situation die mit Abstand beste Lösung für alle, so Markus Schuster. Einer nimmt alles, keine Kündigungen und der bestmögliche Preis wären unter insolvenzrechtlichen Gesichtspunkten die beste Lösung gewesen. Gleichwohl könne sich der Erhalt der beiden Standorte und eines Großteils der rund 60 Arbeitsplätze sehen lassen.

Am Ende, so Schuster, sei die Zeit immer der stärkste Gegner. Nicht unbedingt derjenige mache das Rennen, der die in absoluten Zahlen beste Preis-Offerte abgebe, sondern derjenige mit dem besten Preis-Leistungs-Verhältnis, das den Faktor Zeit berücksichtigt. Schuster: "Je länger man wartet, je länger eine Prüfung bei einer normalen Veräußerung dauert, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Verkauf nicht klappt."