Das Märchenschloss des bayerischen Königs Ludwig II. ist eines der beliebtesten Touristenziele der Welt. Doch der Zahn der Zeit nagt am Bauwerk. Nun erhält das Schloss die größte Restaurierung seiner Geschichte.
Steffen Guthardt

Eine solch belebte Baustelle wie in Schwangau im Allgäu ist derzeit wohl kaum irgendwo auf der Welt zu finden. Im Fünf-Minuten-Takt schieben sich Gruppen mit bis zu 60 Besuchern an den Baugerüsten und Handwerkern vorbei. So geht das von morgens bis abends ohne Unterbrechung. An manchen Tagen sind es 8.000 Besucher, im ganzen Jahr rund 1,5 Millionen. Ob aus Asien, Amerika oder weiten Teilen Europas – jeder will einmal dort gewesen sein. 60 Millionen haben es schon geschafft.
Feuchtigkeit hinterlässt Schäden im Schloss
Die Rede ist vom Schloss Neuschwanstein, das sich König Ludwig II. nach dem idealistischen Vorbild einer mittelalterlichen deutschen Ritterburg errichten ließ. Vor 150 Jahren wurde der Grundstein für das Märchenschloss gelegt, das Walt Disney später zu seinen Filmen inspirierte. Doch eineinhalb Jahrhunderte später nagt der Zahn der Zeit an dem prunkvollen Bauwerk. "Die Besucher bringen viel Feuchtigkeit mit ins Schloss. Sei es durch nasse Kleidung oder die Atemluft. Und hier und dort wird etwas angefasst oder auch mal abgebrochen. Das alles hinterlässt seine Spuren", erklärt Bettina Krätschmer, stellvertretende Schlossverwalterin .
Deshalb wird das Schloss Neuschwanstein mit Mitteln des Freistaates Bayern nun für mehr als 20 Millionen Euro aufwendig saniert. Es ist das umfassendste Sanierungsprojekt in seiner Geschichte. Die Zahlen dazu lesen sich beeindruckend: 2.329 Einzelobjekte werden bearbeitet, darunter 93 Räume, 184 Wand- und Deckenfassungen, 65 Gemälde, 355 Möbel und 322 kunsthandwerkliche Gegenstände. Zudem wird eine neue Lüftungsanlage eingebaut, die künftige Schäden durch Feuchtigkeit verhindern soll. Auch eine LED-Beleuchtung kommt ins Schloss.
Sanieren im laufenden Betrieb
Das Besondere: Alle Sanierungsmaßnahmen finden im laufenden Betrieb statt, so dass die Besucher des Schlosses möglichst wenig von den Arbeiten beeinträchtigt werden. Doch was die Touristen freut, ist für die Handwerker vor Ort eine ganz schöne Herausforderung. "Immer wieder stellen mir Besucher Fragen und wollen wissen, was ich dort genau arbeite. Das macht zwar einerseits viel Spaß, erschwert es aber auch, mich auf die Restaurierung zu konzentrieren", sagt Restauratorin Vitcoria Jung. Sie hat sich gemeinsam mit zwei Kollegen für das Großprojekt beworben und freut sich nun über die einmalige Gelegenheit, im Schloss arbeiten zu dürfen.
Die erfahrene Restauratorin kümmert sich um die aufwendigen Wandmalereien, die viele der Räume im Schloss zieren. Vorrangig geht es dabei um die Beseitigung der Schäden. "Ich sichere den Putz, bessere Lücken aus und bringe die Farben wieder zum Strahlen", erklärt Jung. Ganz wichtig sei dabei, dass sich alle ästhetischen Maßnahmen später wieder zurücknehmen lassen, so dass bei altersbedingten Farbveränderungen die Originale erhalten bleiben. Deshalb verwendet Jung nur wasserlösliche Farben und keine Ölfarben wie bei den Originalen.
Bei jedem Objekt müssen sie und die anderen Restauratoren sich zunächst genau mit der Historie und Substanz auseinandersetzen, bevor sie mit der eigentlichen Arbeit beginnen. Dabei helfen ihnen umfangreiche Analysen und Kartierungen, die von der Schlossverwaltung schon im Vorfeld der Restaurierung beauftragt worden sind. "Das ist alles sehr zeitaufwendig, weil wir uns keine Fehler erlauben dürfen, die die Kunstwerke verfälschen", sagt Jung.
Voraussichtlich im nächsten Jahr wird die Schönheitskur abgeschlossen sein. Ein Besuch ist aber gerade jetzt besonders interessant.