Gesetz entzieht Fachkräfte "Rente mit 63" vertreibt Ältere vom Arbeitsmarkt

Das neue Gesetz entzieht dem Arbeitsmarkt erfahrene Fachkräfte. Das Handwerk fordert eine "Flexi-Rente".

Burkhard Riering

Die "Rente mit 63" könnte sich für die Bundesregierung noch als Bumerang erweisen. Die Regelung, nach der ein Arbeitnehmer nach 45 Jahren ohne Abschläge in den Ruhestand gehen kann, wird fleißig angenommen und untergräbt das Ziel der Bundesregierung, Ältere möglichst lange am Arbeitsmarkt zu halten.

Erste Zahlen zeigen, dass sich seit dem Gesetz vermehrt Ältere vom Arbeitsmarkt verabschieden. Von Juni bis September 2014 ist die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im Alter von 63 bis 65 Jahren erstmals seit langer Zeit geschrumpft – um 23.600 auf 447.000. Das geht aus einer Statistik der Bundesagentur für Arbeit hervor, aus der die "Süddeutsche Zeitung" zitiert.

In den Jahren davor war die Zahl der älteren Mitarbeiter stetig gestiegen und als Erfolgsgeschichte verkauft worden. In der Gruppe der 60- bis 65-Jährigen arbeiteten im September 2014 fast 1,8 Millionen Menschen – im März 2010 gingen dagegen nur 1,1 Millionen einer sozialversicherungspflichtigen Arbeit nach. Das ist ein Anstieg von 66 Prozent. Doch nun scheint es wieder in die andere Richtung zu gehen.

Viertelmillion nutzt bereits die abschlagsfreie Rente

Seit 1. Juli 2014 können Beschäftigte nach 45 Arbeitsjahren (dazu zählen auch arbeitslose Jahre) – also in die Rentenversicherung eingezahlt haben – schon mit 63 Jahren ohne Abzüge in Rente gehen. Viele Arbeitnehmer möchten davon Gebrauch machen. Insgesamt haben bis Ende Februar dieses Jahres 255.000 Menschen einen Antrag auf die abschlagsfreie Rente mit 63 gestellt. Für Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) ist es eine Frage der Gerechtigkeit, das Menschen nach 45 Jahren Arbeit in den Ruhestand gehen.

Die Bundesregierung reagiert ohnehin gelassen auf die neuen Zahlen. Ein Ministeriumssprecher sagt dazu: "Dass die Rente mit 63 punktuell und vorübergehend eine gewisse Delle produziert, war völlig erwartbar." Längerfristig sei man "weiter auf dem Weg in eine Gesellschaft des längeren Arbeitens".

Außerdem rücke der Beginn der abschlagsfreien Rente nach 45 Versicherungsjahren stetig nach hinten. Von 2016 an gilt die Rente ab 63 Jahren und zwei Monaten, im Jahr 2029 liegt sie bei 65 Jahren – dem heutigen Renteneintrittsalter (siehe Grafik).

Sozialsysteme leiden unter neuen Gesetzen

Die neuen Zahlen bestätigen Kritiker des Gesetzes. Auch das Handwerk befürchtet, dass nun die Besten die Betriebe verlassen. Zudem würde das Sozialsystem geschädigt. "Die Wirkung der 'Rente mit 63' ist fatal, hier brechen alle Dämme", sagt Hans Peter Wollseifer, Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks. "Immer kürzer einzahlen und immer länger Rente kassieren – das ruiniert das Sozialsystem und nimmt uns die Fachkräfte."

Der Handwerkspräsident plädiert für "ein stärkeres Bewusstsein für längeres Arbeiten". Eine Chance könnte für ihn die so genannte "Flexi-Rente" sein als Gegengewicht zur 63er-Rente. Wollseifer: "Ein entsprechendes Signal erwarten wir von der Bundesregierung."

Die zahlreichen Anträge zur früheren Rente reißen bereits Löcher in die Rentenkasse. Die Nachhaltigkeitsrücklage der Rentenversicherung ist laut der "Bild"-Zeitung seit November 2014 um 1,7 Milliarden Euro geschrumpft.