Kolumne Reden Alt und Jung beim Thema Respekt aneinander vorbei?

Ein erfahrener Handwerksmeister und eine junge Angestellte nennen beide "Respekt" als ihren wichtigsten Wert – und meinen doch völlig verschiedene Dinge. Steinmetzmeisterin Kathrin Post-Isenberg zeigt in ihrer DHZ-Kolumne, wie Arbeitgeber dieses zentrale Missverständnis auflösen können.

Für die ältere Generation im Handwerk ist klar: Respekt verdient man sich durch Erfahrung und harte Arbeit. - © mdurson - stock.adobe.com

Neulich war ich bei einer Innungsversammlung der Dachdecker eingeladen, um einen Kurzvortrag zu halten. Und weil ich Frontalvorträge, bei denen man einfach nur zuhört, selbst ziemlich langweilig finde, habe ich es wieder anders gemacht. 

Gemeinsam mit 25 Dachdeckern und einer Angestellten habe ich das Wertesystem für eine Arbeitgebermarke erarbeitet. Jeder und jede haben ihr eigenes Wertesystem erarbeitet und am Ende haben wir über vier davon gesprochen.
 
Das war intensiv, ja sogar intim, denn die Innungskollegen sind auch irgendwie Konkurrenten. Es gehörte eine große Portion Mut dazu, sein Wertesystem einmal für alle offenzulegen und zu erklären. 

Während der Diskussion stand der Innungsobermeister ruhig dabei. Und als es um die Frage ging, welche Werte im Betrieb wirklich zählen, sagte er plötzlich: "Ja, aber man kann ja auch nicht immer alles machen, wie die jungen Leute das wollen. Bei mir ist Respekt das Wichtigste."

Ein Satz, der hängen blieb. Denn kurz darauf meldete sich die einzige Frau in der Runde zu Wort – etwa ein Drittel so alt wie er – und sagte: 
"Bei mir steht auch Respekt ganz oben."

Zwei Menschen, zwei Generationen, ein Wert. Und trotzdem: zwei völlig unterschiedliche Bedeutungen. 

Respekt – was ist das?

Kathrin Post-Isenberg
Nachdem die Steinmetzmeisterin und Bildhauerin Kathrin Post-Isenberg viele Jahre einen eigenen Betrieb leitete, berät sie heute Handwerksbetriebe beim Aufbau ihrer Arbeitgebermarke. - © Markus Zielke

Für die ältere Generation ist Respekt oft verbunden mit Haltung, mit Ordnung, mit Hierarchie. Wer älter ist, hat sich Respekt verdient, durch Erfahrung, Lebensleistung und Ausdauer. Für die Jüngeren ist Respekt genau umgekehrt: Sie wollen respektiert werden, weil sie da sind, weil sie etwas beitragen, weil sie gesehen werden und nicht, weil sie sich etwas erkämpfen müssen. 

Und beides ist richtig. Nur: Das weiß man erst, wenn man darüber spricht. 

3 Impulse, um Respekt im Betrieb lebendig zu halten 

  1. Über Werte reden, nicht urteilen. 
    Was bedeutet Respekt für Sie und was für Ihre Mitarbeitenden? Fragen Sie nach. Jede Generation verbindet mit demselben Wort oft etwas anderes. Erst wenn Sie das wissen, können Sie wirklich respektvoll handeln. 
  2. Zusammenarbeit zwischen Jung und Alt fördern. 
    Erfahrung und Neugier sind kein Widerspruch. Wer beide Perspektiven zusammenbringt, schafft ein Klima, in dem Respekt ganz selbstverständlich wird, weil jeder seinen Platz und seine Bedeutung hat. 
  3. Der wichtigste Punkt ist, Respekt sichtbar zu machen.
    Ein ehrliches Dankeschön, ein Nachfragen, ein Zuhören. Respekt zeigt sich nicht in großen Gesten, sondern in den kleinen Momenten des Alltags. Für Führungskräfte, die in einer anderen Arbeitskultur aufgewachsen sind, kann dies eine Umstellung bedeuten. Doch wer ehrlich zu sich ist, merkt schnell, dass ein respektloses Miteinander dem Betriebsklima und dem Erfolg schadet.

Mein Fazit

Respekt ist kein Generationenthema. Es ist eine Haltung. Wenn Alt und Jung aufhören, sich gegenseitig zu belehren, und anfangen, sich zuzuhören, dann entsteht das, was jedes starke Team im Handwerk auszeichnet: gegenseitige Achtung. Und besonders schön ist es, wenn sich in den einzelnen Wertesystemen von Team und Chef derselbe Begriff wiederfindet: Respekt, weil dieser Wert verbindet.

Die Kolumne "Aus dem Handwerk, für das Handwerk" von Steinmetzmeisterin Kathrin Post-Isenberg erscheint jeden Donnerstag exklusiv in der Deutschen Handwerks Zeitung (DHZ). Melden Sie sich für den kostenlosen DHZ-Newsletter an, um keine Ausgabe zu verpassen.