16. Deutscher Präventionstag in Oldenburg - Schwerpunkt: Gefahren aus dem Internet Rechtsexperten treffen auf rechtsfreien Raum

Rechtsexperten treffen auf den teilweise rechtsfreien Raum in der virtuellen Welt des Internets: Auf dem 16. Deutschen Präventionstag in Oldenburg kommen am Montag und Dienstag mehr als 5.000 Fachbesucher aus 20 Ländern zusammen, um über die Gefahren und Herausforderungen der neuen Medienwelten für die Verbrechensverhütung zu beraten.

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Rechtsexperten treffen auf rechtsfreien Raum

Oldenburg (dapd). Rechtsexperten treffen auf den teilweise rechtsfreien Raum in der virtuellen Welt des Internets: Auf dem 16. Deutschen Präventionstag in Oldenburg kommen am Montag und Dienstag mehr als 5.000 Fachbesucher aus 20 Ländern zusammen, um über die Gefahren und Herausforderungen der neuen Medienwelten für die Verbrechensverhütung zu beraten. Sie wollen konkrete Empfehlungen ausarbeiten, wie Politik und Gesellschaft künftig mit sozialen Netzwerken, Cyber-Mobbing oder Computerspielsucht umgehen sollen.

Einer dieser Experten ist Christian Pfeiffer. Der ehemalige niedersächsische Justizminister und Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts in Hannover referiert zu einem seiner Lieblingsthemen: Computerspielsucht. Pfeiffer setzt sich vehement dafür ein, dass diese Sucht als Krankheit anerkannt wird. "Gerade bei Jungen, die zehnmal häufiger als Mädchen in suchtartiges Spielen verfallen, kommt es häufig zu massiven Leistungseinbrüchen in der Schule", sagt der 67-Jährige der Nachrichtenagentur dapd.

Gefordert sei jedoch noch nicht der Gesetzgeber. "Die Politik kann die Computerspielsucht erst mit der Glücksspielsucht gleichstellen, wenn die Wissenschaft genügend Beweise liefert", sagt Pfeiffer. Einen Durchbruch erhofft er sich von einem neuen Forschungsprojekt, das auf die Dauer von fünf Jahren ausgelegt ist. Junge Computerspielsüchtige und solche, die den Ausstieg geschafft haben, sollen kontinuierlich begleitet und beobachtet werden.

Zugleich will Pfeiffer in Oldenburg dafür kämpfen, dass bei der Altersfreigabe von Computerspielen das Suchtpotenzial beachtet wird. "Bisher geschieht die Altersfreigabe unter völliger Ausblendung der Suchtgefahren, obwohl wir deutliche Unterschiede belegen können", sagt Pfeiffer. Jeder fünfte Teilnehmer des Online-Rollenspiels "World of Warcraft" sei süchtig oder suchtgefährdet. "Es ist nicht zu verstehen, dieses Spiel ab zwölf Jahren freizugeben und so zu tun, als ob es Kinderkram wäre. Davor kann die Politik nicht die Augen verschließen", moniert Pfeiffer.

Computerspielsucht ist kein rein deutsches Phänomen. Die südkoreanische Regierung hat ihr Jahresbudget zur Suchtbekämpfung im vergangenen Jahr verzehnfacht auf jetzt viereinhalb Millionen Dollar. Hark-Mo Daniel Park vom "Korean Institute of Criminology" will in Oldenburg Lösungsansätze aus seiner Heimat präsentieren, etwa eine fast gesetzesreife Novelle, wonach die Computer von Jugendlichen in der Zeit zwischen 0 und 6 Uhr zwangsweise heruntergefahren werden sollen.

Mit konkreter Kriminalität und Gewalt im Internet beschäftigt sich unter anderem Astrid Ackermann vom Deutschen Juristinnenbund aus Frankfurt. Ackermann geht auf die jüngste Kriminalstatistik ein, wonach die Zahl der Straftaten im Internet im Jahr 2010 auf einen neuen Rekordwert von fast 225.000 angestiegen ist.

Waren es in den Anfangsjahren dieses Mediums noch hauptsächlich Betrugsdelikte, verlagere sich die Kriminalität mit der zunehmenden Nutzung der sozialen Netzwerke in den persönlichen Nahbereich, etwa Cyber-Mobbing und Cyber-Stalking, sagt die Rechtsanwältin. Hinter diesen Begriffen verbergen sich Bloßstellungen und Psychoterror mit Hilfe elektronischer Kommunikationsmittel.

Die Möglichkeiten des Rechtsschutzes seien noch lückenhaft. Manche Taten könnten nicht geahndet werden, kritisiert Ackermann. Sie beschäftige sich auf dem Deutschen Präventionstag damit, die aktuellen juristischen Grenzen aufzuzeigen.

Die zweitägige Veranstaltung beginnt am Montag mit einem Eröffnungsplenum, zu dem unter anderem Niedersachsens Ministerpräsident David McAllister (CDU) erwartet wird. Einer der Redner auf dem Abschlussplenum am Dienstag ist Jürgen Stock, Vizepräsident des Bundeskriminalamtes. Der Kongress soll mit einer "Oldenburger Erklärung" enden, in der voraussichtlich eine Stärkung und bessere Förderung der Medienkompetenz gefordert wird.

dapd