Rainer Eppelmann ist gelernter Maurer. Als Pfarrer der evangelischen Samaritergemeinde Friedrichshain in Ostberlin gehörte er zu den führenden Oppositionellen in der DDR.
DHZ: Herr Eppelman, Sie galten in der DDR als Staatsfeind Nummer eins, sind von einer Heerschar von Spitzeln überwacht worden. Sie haben mit Glück zwei Mordanschläge überlebt. Können sie hassen?
Eppelmann: Nein, gar nicht. Ich bin aber der tiefen Überzeugung, dass Menschen, die für Mielke (Erich Mielke, Minister für Staatssicherheit der DDR; Anm. d. Red.) das eigene Volk ausspioniert haben, im öffentlichen Dienst der Bundesrepublik nichts zu suchen haben. Unter den mehr als 40 Spitzeln, die die Stasi auf mich angesetzt hatte, war einer, von dem ich glaubte, dass er ein guter Freund ist. Das hat natürlich sehr wehgetan. Aber gehasst habe ich ihn nie, vielleicht ein Stück weit verachtet. Und ich bin natürlich auf Distanz gegangen.
DHZ: In wenigen Tagen feiern wir 25 Jahre deutsche Einheit. Ist die deutsche Einheit inzwischen in den Herzen und Köpfen der Bürger in Ost und West angekommen?
Eppelmann: Ich meine, sie ist schon lange dort angekommen. Wenn es heute um mein Geld geht und ich lasse zu, dass es für den Aufbau Ost ausgegeben wird, ohne ständig da gegen zu protestieren – dann ist das doch ein Zeichen dafür, dass ich das billige oder sogar für richtig halte.
DHZ: Sie spielen auf den Solidaritätszuschlag an, der in den Solidarpakt fließt, aber seit Jahren immer wieder in Frage gestellt wird. Sollte der Soli über das Jahr 2019 hinaus fortbestehen?
Eppelmann: Ja, aber nicht in der Art und Weise, dass Ost und West gemeinsam Geld sammeln für den Osten. Das ursprüngliche Ziel war ja, den Menschen, die ehemals zur DDR gehörten, vergleichbare Lebenschancen zu ermöglichen wie denen in Baden-Württemberg, Bayern und Hessen und so weiter. Heute geht es darum, vergleichbare Lebensstandards in Gesamtdeutschland herzustellen. Wir müssen Geld sammeln für alle, die Unterstützung benötigen, also Solidarpakt für Wilhelmshaven oder Duisburg zum Beispiel. Die Frage nach der Verteilung stellt sich nicht geografisch, sondern nach den Problemen und verschlechterten Situationen, die die Menschen ohne diese Hilfe nicht in einer überschaubaren Zeit lösen können.
DHZ: Aber dafür gibt es doch den Länderfinanzausgleich.
Eppelmann: Richtig, aber es gibt ja Überlegungen, dieses Prozedere zu ändern. Wenn die fünf Geberländer sagen, die Nehmerländer können sich Luxus leisten, den sie sich selbst nicht leisten, dann entsteht Widerstand. Ich halte es für sehr vernünftig, hier Korrekturen vorzunehmen.
DHZ: Vor 25 Jahren herrschte eine große Aufbruchstimmung und Solidarität in der deutschen Gesellschaft. Heute herrscht angesichts des Flüchtlingsstroms vielerorts Angst, bis hin zu Fremdenfeindlichkeit, gerade im Osten. Wie beurteilen Sie die Lage?
Eppelmann: Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges haben vier Millionen DDR-Bürger ihre Heimat verlassen. Nicht alle waren politisch Verfolgte, viele hatten einfach eine andere Vorstellung von ihrem Leben. Sie alle sind aufgenommen worden, nicht immer jubelnd, weil das natürlich auch die Unterstützung und das Geld der Gastgeber kostet. In einer solchen Situation sind wir heute wieder. Dass so viele Flüchtlinge ausgerechnet nach Deutschland kommen wollen, zeigt doch den Wohlstand unserer Gesellschaft. Ob Wohlstand, Wirtschaftskraft, Sicherheitslage oder ökologisches Bewusstsein – in all diesen Bereichen gehört Deutschland zur Weltspitze. Und wir können und sollten es auch schaffen, diejenigen aufzunehmen und zu integrieren, die aus sehr, sehr verständlichen Gründen und aus einer meistens sehr großen Not heraus alles zurückließen, um woanders neu anzufangen. Aber es ist auch klar: Nicht alle, die so leben wollen wie wir, können nach Deutschland kommen. Das würde uns überfordern, keine Frage.
DHZ: Blicken wir noch einmal auf die vergangenen 25 Jahre zurück. Sind Sie persönlich mit dem Verlauf des Einigungsprozesses zufrieden? Es gab ja auch Bürgerrechtler im Osten, die von einem dritten Weg oder einer eigenständigen DDR geträumt haben.
Eppelmann: Zu dieser Gruppe gehörte ich bekanntlich nicht. Der Einigungsprozess ist aus meiner Sicht erstaunlich gut verlaufen. Die Ostdeutschen wollten genauso leben wie ihre Nachbarn im Westen. Aber von einem Tag auf den anderen geht das nicht. Der Umtausch von 1:1, die Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion waren Versuche der Politiker, den Lebensstandard möglichst rasch anzugleichen. Helmut Kohl versprach blühende Landschaften, aber er konnte nicht alles überblicken, vor allem nicht die menschliche Dimension dieser Aufgabe. Trotzdem bin ich froh über das, was er bewirkt hat und wie schnell alles ging. Ein paar Jahre später hätten wir das alles nicht mehr bezahlen und erreichen können.
DHZ: Was sagen Sie jenen Ostdeutschen, die sich nach langer Arbeitslosigkeit und Existenzängsten die DDR zurückwünschen?
Eppelmann: Zuerst sage ich: Ich kann das verstehen. Wenn du lange arbeitslos warst, dann hast du die letzten 25 Jahre anders erlebt als ich und bist auch in der Bundesrepublik anders angekommen. Als Zweites würde ich fragen: Gibt es denn gar nichts, worüber du dich freuen konntest? Die vielen Möglichkeiten, die Meinungsfreiheit, eigene Entscheidungen? Hinter der Mauer haben doch politische Funktionäre entschieden, ob du deine Tante im Breisgau besuchen durftest. Willst du wirklich wieder zwölf Jahre auf einen Trabant warten oder 20 Jahre auf ein Telefon?
DHZ: Welchen Rat geben Sie jungen Leuten heute, die nie in einer Diktatur gelebt haben?
Eppelmann: Ich möchte den jungen Leuten vor dem Hintergrund meiner Biografie eines deutlich machen: Was ihr heute als alltäglich und völlig normal erlebt, ist nicht normal. Die Demokratie ist eine Kostbarkeit. Gerade wenn die Zeiten schwieriger werden, wie wir es im Augenblick erleben, müsst ihr die Demokratie bewahren, möglichst verbessern, notfalls auch verteidigen. Auf jeden Fall müsst ihr euch einmischen. Dann sage ich ihnen noch, dass ich mindestens 93 Jahre alt werden möchte, denn dann habe ich ein Jahr länger in einer Demokratie gelebt als unter einer Diktatur.
Seite 2: Vita Rainer Eppelmann
Vita
Rainer Eppelmann stammt aus einer Handwerkerfamilie. Die Mutter war Schneiderin, der Vater Zimmermann. Bis 1961 besuchte er ein Gymnasium in Westberlin, was ihm nach dem Mauerbau verwehrt blieb. Er schlug sich in Ostberlin als Dachdeckergehilfe durch, machte eine Maurerlehre und arbeitete in der PGH Bauhütte Friedrichshain. Später absolvierte er ein Theologiestudium. Als Pfarrer der evangelischen Samaritergemeinde Friedrichshain wurde er täglich mit den Problemen der Menschen in der DDR konfrontiert.

Bekannt wurde Eppelmann als Mitinitiator des Berliner Appells „Frieden schaffen ohne Waffen“ und als Organisator der Bluesmessen. Er gehörte zu den führenden DDR-Oppositionellen, war Mitbegründer des Demokratischen Aufbruchs und in der einzigen demokratisch legitimierten DDR-Regierung unter Lothar de Maizière Minister für Abrüstung und Verteidigung.
Als CDU-Politiker im Bundestag leitete Eppelmann zwei Enquete-Kommissionen zur Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur und von 1994 bis 2001 die Christlich-Demokratische Arbeitnehmerschaft der CDU.
Seit 1998 ist Eppelmann ehrenamtlicher Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.

