Den Anzug lässt man sich auf den Leib schneidern, wieso nicht auch das Fahrrad? Ob Rockfänger fürs Dirndl oder ein Schutzblech aus Holz - zwei Betriebe stellen ihre kreativen Ideen vor.
Mirabell Schmidt
Manchmal sitzen die Kunden stundenlang auf dem Testrad und fahren. Passen Höhe, Abstand zum Lenker und Neigungswinkel? Sie kommen teils zwei, drei Mal in den Laden von Matthias Blümel und Andreas Grotloh in Baiern bei München, bis sie sich entschieden haben: So soll es aussehen.
Die Entscheidung will gut durchdacht sein, denn es handelt sich bei dem Fahrrad, das die Mitarbeiter von Electrolyte anschließend bauen werden, um eine Maßanfertigung.
So wie sich andere Leute einen Anzug auf den Leib schneidern lassen, möchten immer mehr Sportbegeisterte auch ein passgenaues Fahrrad. Die Gruppe der Fahrrad-Individualisten ist zwar in Deutschland noch relativ klein, aber wachsend. "Das wird in den kommenden Jahren ein Trend", ist Heiko Truppel vom PD Fahrrad überzeugt.
Bei Electrolyte sollen pro Jahr etwa zwölf Fahrräder individuell gefertigt werden. Der Bereich nimmt damit nur einen kleinen Teil des Geschäftes ein. Mehr lassen die Kapazitäten derzeit nicht zu, denn bis das Fahrrad erst einmal gekauft und schließlich auch gebaut ist, vergehen Wochen.
Der Kunde muss zunächst vermessen werden: Beinlänge, Armlänge und die Körpergröße. Dann geht es an die Entscheidungen: Über das Material für den Rahmen entscheinden die künftigen Besitzer – Alu, Stahl oder Titan, kein Karbon. "Die Fahrräder sollen 30 Jahre halten, das wäre mit Karbon nicht zu gewährleisten", sagt Andreas Grotloh, einer der Geschäftsführer bei Electrolyte. Für die Zusatzkomponenten können die Kunden Kataloge durchblättern, die doppelt so dick sind wie das Münchner Telefonbuch. Lenker, Bremse, Schaltung, Pedale, Licht – für alles gibt es zig Möglichkeiten.
Handwerksbetriebe sind Partner
Dann setzt sich Betriebsinhaber und Maschinenbauingenieur Blümel hin, um eine optimale Geometrie für den Rahmen zu entwickeln, der in einem Handwerksbetrieb in der Region geschweißt wird. Ganz individuell. Die betriebseigenen Fahrradmechaniker fügen schließlich alle Komponenten zusammen.
Haben die Kunden Sonderwünsche, wie ein Schutzblech aus Holz oder einen Rockfänger für das Dirndl, gibt es auch dafür eine Lösung. Electrolyte hat sich ein Netzwerk von Handwerksbetrieben aus der Umgebung aufgebaut – von der Maßschneiderin bis zum Schreiner.
Eine Weile ging der Trend genau in die andere Richtung, sagt Grotloh. Damit meint er: weg vom handgefertigten zum industriellen Produkt. "In den USA ist nun schon länger zu beobachten, dass die Nachfrage nach konfektionierten Fahrrädern wieder kommt", erläutert Grotloh. Nun erreiche der Trend auch Deutschland – wie immer mit einiger Verzögerung.
Bei Nicolai, einer Fahrradmanufaktur aus Lübbrechtsen, machen Konfektionsräder derzeit etwa 15 Prozent von den jährlich rund 1.500 angefertigten Fahrrädern aus. Dem Betrieb geht es dabei weniger darum, einzigartige Fahrräder zu gestalten. Nicolai bedient mit den Spezialanfertigungen Kunden mit besonderen Maßen oder orthopädischen Beschwerden. "Am Ende ist nichts unmöglich, sofern es technisch Sinn ergibt", sagt der stellvertretende Geschäftsleiter Vincent Stoyhe jedoch.
Ein Maßfahrrad braucht Zeit
Egal ob man ein einzigartiges Fahrrad möchte, den perfekten Sitz oder eben weil "Mann" zwei Meter groß ist: Man muss Zeit einrechnen, um sich ein Maßfahrrad anfertigen zu lassen. Mal eben kaufen und losfahren geht nicht. Von der Vermessung bis zum fertigen Rahmen vergehen bei Electrolyte alleine sechs bis acht Wochen. Bei Nicolai dauert es acht bis zehn Wochen, bis das Fahrrad fertig ist.
Das niedersächsische Unternehmen fertigt auch die Rahmen selbst. Zerspanungsmechaniker, Schweißer, Zweiradmechaniker und Zweiradmonteure arbeiten parallel an maximal zwei Fahrrädern. Durchschnittlich geben die Kunden für ein Fahrrad rund 4.700 Euro aus. Etwas mehr lassen sich die Kunden von Electrolyte ihre Sonderanfertigung kosten. Im Schnitt sind es 7.000 bis 9.000 Euro pro Fahrrad. "Häufig erfüllen sich Fahrradbegeisterte damit einen Traum", erzählt Grotloh. So wie sich andere Leute einmal in ihrem Leben ein besonderes Auto kaufen.
