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Landwirte, Müller und die Verbraucher Qualitätsweizen: Weniger Dünger erlaubt – mehr Züchtung nötig

Man kann Getreide in hoher Qualität und großer Masse trotz weniger Dünger und Pflanzenschutzmittel erzeugen. Doch das macht Arbeit und kostet Geld. Neue gesetzliche Auflagen, Wetterkapriolen und zunehmend kritische Verbraucher setzen die Landwirtschaft unter Druck. Der Verband der Deutschen Mühlen versucht nun zu vermitteln. Deutschlands Landwirtschaft müsse sich weiterentwickeln – ohne Schwarz-Weiß-Denken.

Die Welt braucht Weizen. Es ist eines der bedeutendsten Lebensmittel: Im Brot und allen anderen Backwaren, in Nudeln und als Zutat in vielen weiteren Produkten. 15 Prozent der weltweit verzehrten Kalorien kommen aus Weizenprodukten. Weizen wird auf rund 220 Millionen Hektar angebaut und liegt damit noch vor Mais und Reis auf Platz eins der globalen Statistik. Diese Zahlen stammen aus einem Bericht des Wissenschaftsportals science.orf.at. Dieser zeigt auch, dass die Sortenvielfalt stark abgenommen hat; genauso wie die Vielfalt an unterschiedlicher Kulturen auf den Äckern. Nur noch wenige Hauptkulturen wie Mais, Raps, und Weizen werden heute angebaut.

Weizen dominiert in Deutschland den Getreideanbau. Von einem "Kulturenreichtum" kann auch hierzulande keiner mehr sprechen. Dabei muss sich die Landwirtschaft derzeit noch mit ganz anderen Vorwürfen auseinandersetzen: Zu wenig Beachtung wurde in den vergangenen Jahrzehnten der gesamten Artenvielfalt geschenkt – Vielfalt an Sorten, Kulturen, der Anbauform und auch dem, was an den Ackerrändern leben kann. Denn Insekten verschwinden, ebenso Vögel und andere Kleintiere. Wildkräuter und Pflanzen, die auf die Bestäubung der Schmetterlinge, Bienen und Hummeln angewiesen sind, können sich nicht mehr ansiedeln. Zu viel Dünger landet in unserem Grundwasser und hinterlässt Schäden. Diese Liste könnte man noch lange fortführen. Zu stark ist die Landwirtschaft auf Ertrag ausgerichtet. Lösungen müssen her.

Weizenproduktion: Ein Drittel an die Mühlen, ein Drittel Futtermittel, ein Drittel Export

Dieser Meinung ist auch der Verband der Getreide-, Mühlen- und Stärkewirtschaft VGMS, zu der auch die deutschen Handwerksmüller gehören. So stellte er im Rahmen seiner Mitgliederversammlung die Frage, wie es gelingt, Gesellschaft und Agrarwirtschaft miteinander zu versöhnen. "Es geht es nicht um Schwarz oder Weiß, ökologische versus konventionelle Landwirtschaft, gut oder  schlecht", sagt Haarbeck, Geschäftsführer des Verbands der Getreide- Mühlen und Stärkewirtschaft. Er findet es schade, dass der öffentliche Diskurs über die Agrarwirtschaft der Zukunft oft sehr holzschnittartig geführt wird. Deshalb mischt sich der VGMS nun in die Debatte ein. "Ja, wir meinen, dass über die Vorwürfe an den Agrarsektor diskutiert werden soll. Wobei das Wort 'Vorwürfe' richtig gewählt ist: Es muss unbedingt geklärt werden, was an den Vorwürfen dran ist", erklärt Haarbeck. Aspekte wie Nachhaltigkeit, Artenvielfalt und soziale Gerechtigkeit seien gesellschaftliche Forderungen an die Agrarwirtschaft, auf die eine Antwort gefunden werden muss.

Die Mühlen als wichtige Verarbeiter von heimischem Getreide sind auf eine zukunftsfähige Landwirtschaft angewiesen, die zuverlässig Rohstoffe für die Herstellung von Mehlen, Müslis und Cerealien, Teigwaren und Stärkeprodukten in bester Qualität liefert. Sie stehen in der Position zwischen Landwirtschaft und Verbraucher, denn sie verarbeiten den Rohstoff Getreide, geben ihn an die Bäcker und andere Lebensmittelhersteller weiter – und sie benötigen diesen Rohstoff in einer bestimmten Qualität. Dieser Qualität schaden einerseits zu starken Umweltbelastungen, andererseits sorgen Pflanzenschutzmittel und Dünger natürlich auch für einen guten, schädlingsfreien Wuchs des Getreides.

Durch die neue Düngeverordnung im Jahr 2017 und durch Verbote einzelner Behandlungsmittel, die nachweislich schädlich für Umwelt und Insekten sind, müssen sich die Landwirte auf neue Betriebsabläufe einstellen. Das werden mittelfristig auch die Müller spüren. Denn die Mühlen verarbeiten rund ein Drittel der Weizenproduktion in Deutschland, ein weiteres Drittel geht in die Futtermittelherstellung und eines in den Export.

Frage nach den genetischen Potentialen der Weizensorten wird wichtiger

"Bisher sind auch in schlechten Erntejahren recht zuverlässig die Mengen und Qualitäten geerntet worden, die gebraucht werden. Künftig wird die Sache allerdings komplizierter, wenn nicht uneingeschränkt alle Qualitäten zur Verfügung stehen", sagt Peter Haarbeck. Er bezieht sich sowohl auf die Dürre des vergangenen Jahres in einigen Regionen Deutschalands, die 2019 beim erwarteten Ertrag noch ihre Folgen auf den Äckern zeigt als auch auf nötige Einschränkungen bei der Düngung. Die Nitratwerte im Grundwasser sind vielerorts zu hoch und es darf nicht mehr so viel Stickstoff gedüngt werden. Eine weitere Verschärfung der Düngeverordnung ist derzeit schon im Gespräch.

Landwirte haben künftig nach Aussagen des VGMS nur noch eingeschränkte Möglichkeiten auf den Witterungsverlauf zu reagieren. Die Getreidewirtschaft müsse sich dabei auf größere Ausschläge bei Menge und Qualität einstellen. "Ansonsten sind wir optimistisch, dass eine Qualitätsweizenproduktion auch mit weniger Düngung möglich ist", sagt der Geschäftsführer. Einen Weg, den die Müller dabei schon länger gehen, ist sich mit den genetischen Potentialen unterschiedlicher Weizensorten zu beschäftigen (nicht zu verwechseln mit der Gentechnik, der vielen Verbraucher skeptisch gegenüberstehen). Bei anderen Getreidearten, Roggen, Hafer, Urgetreide, werden die Auswirkungen weniger gravierend sein.

Haarbecks Prognosen zufolge werden die Eigenschaften der verschiedenen Weizensorten deshalb wieder mehr an Bedeutung gewinnen. Die Auswahl der Sorten, aber auch die Züchtung neuer Sorten, wird wichtiger werden. "Es muss genauer selektiert werden", sagt er. Landwirte und Verarbeiter aber insbesondere auch der Getreidehandel müssten sich darauf einrichten, Sorten oder Sortengruppen separat zu erfassen und dazu eine neue Logistik aufbauen. Damit dies gelingt, sei hierbei der Dialog mit den Kunden der Mühlen, mit Bäckern und anderen Lebensmittelherstellern in der Wertschöpfungskette wichtig. "Auch hier müssen Qualitätsanforderungen überdacht und neue Wege gegangen werden", sagt Haarbeck. Er plädiert dafür, dass die Landwirtschaft hier mehr gestalten muss – auf Bewährtes zurückgreifen und zugleich neue Wege gehen, so wie es seiner Ansicht nach ja auch schon stattfindet. Dazu gehört der Rückgriff auf die Potentiale der Sortenvielfalt und das Knowhow ohne den Einsatz von chemischen Mitteln auf dem Acker auszukommen.

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