Interview "Protektionismus vernichtet Wohlstand"

Die Handelspolitik unter US-Präsident Donald Trump stellt eine Abkehr vom Freihandel dar. Hartwig Webersinke von der TH Aschaffenburg erläutert, welche Folgen das hat und wie Anleger sich am besten positionieren.

Amerikas neue protektionistische Ausrichtung sorgt weltweit für Unsicherheit: Zölle, schwächeres Wachstum und steigender Inflationsdruck belasten Wirtschaft, Finanzmärkte und Verbraucher. - © Moab Republic - stock.adobe.com

Herr Webersinke, wie hat sich die Weltordnung aus volkswirtschaftlicher Sicht unter US-Präsident Donald Trump verändert?

Prof. Hartwig Webersinke: Der Slogan "America First" bedeutet nichts anderes als Protektionismus. Diese neue Weltordnung, in der die USA die Welt mit Zöllen überziehen, sich vom Freihandel abwenden und die globalen Arbeitsteilung reduzieren, vernichtet Wohlstand. Zum einen stellen diese protektionistischen Maßnahmen ein erhöhtes Inflationsrisiko dar. Zum anderen bedeutet es ein schwächeres globales Wachstum. Der Internationale Währungsfonds erwartet nur 3,0 Prozent durchschnittlich in den kommenden fünf Jahre. Es ist deshalb kein Wunder, dass diese neue Weltordnung zusammen mit den geopolitischen Krisen für viel Unsicherheit bei Verbrauchern und Anlegern sorgt, auch wenn man aktuell von den Folgewirkungen noch nicht so viel sieht.

Müssen wir aufgrund des erhöhten Inflationsrisikos mit höheren Leitzinsen rechnen?

Die Notenbanken befinden sich in einem Dilemma, das sich am deutlichsten in den USA zeigt, wo US-Präsident Trump vehement niedrigere Zinsen fordert. Dort schwächt sich die Konjunktur ab, während die Inflationsrate hartnäckig bei rund drei Prozent liegt. Doch ist es die Aufgabe der Notenbank Fed, für Stabilität zu sorgen und die Inflation in Schach zu halten. Wichtig ist dabei aber, dass die Geldpolitik die langfristigen Zinsen nicht beeinflussen kann. Und die sind stärker gestiegen als die am kurzen Ende, wodurch die Zinskurve steiler geworden ist. Darin spiegelt sich eine höhere Inflationserwartung, aber auch die Sorge vor den zunehmenden Staatsschulden und dem Anstieg der Zinsausgabenquote wider.

Die langfristigen Anleiherenditen sind auch für die Bauzinsen entscheidend. Was sind mögliche Folgen?

Bei langlaufenden Anleiherenditen haben wir nicht den Rückgang gesehen, der zur aktuellen wirtschaftlichen Situation in Deutschland und in der Eurozone passen würde. Und ja, dadurch sind die Zinsen für ein zehnjähriges Baudarlehen Mitte November noch immer im Bereich von 3,6 Prozent. Das Problem ist, das bei vielen Immobilienkäufern und Bauherren in den kommenden Jahren die zehnjährige Zinsbindung ausläuft. Dann brauchen sie eine Anschlussfinanzierung, bei der die Zinsbelastung plötzlich drei- bis viermal so hoch ist, womit die Anschlussfinanzierung deutlich teurer wird.

Was können Betroffene tun?

Wer weiß, dass seine Zinsbindung in den kommenden Jahren ausläuft und Schwierigkeiten mit der Anschlussfinanzierung haben wird, sollte frühzeitig das Gespräch mit seiner Bank suchen. Denn auch die Banken haben kein Interesse daran, wenn es reihenweise zu Zwangsversteigerungen kommt. Gemeinsam kann man dann überlegen, ob man zum Beispiel über die Vereinbarung unterschiedlicher Fristen eine Lösung findet.

Wenn wir auf Deutschland blicken, was bedeutet die neue Weltordnung für die hiesige Wirtschaft?

Da die USA für Deutschland und auch für Europa insgesamt ein wichtiger Handelspartner sind, muss man damit rechnen, dass die veränderte US-Handelspolitik die Wirtschaft und den Arbeitsmarkt auf dem alten Kontinent belasten. Speziell die deutsche Wirtschaft hat jedoch kein konjunkturelles, sondern ein strukturelles Problem. Deutschlands Wirtschaft stagniert seit drei Jahren. Der Sachverständigenrat sieht die langfristigen Wachstumsaussichten unverändert auf einem historischen Tief mit einem Potentialwachstum von nur 0,4 Prozent.

Wo liegen die Probleme?

Die entscheidenden Belastungsfaktoren sind die überbordende Bürokratie sowie der Energie- und der Arbeitsmarkt. So müssen wir bis 2035 mit einem anhaltenden starken Fachkräftemangel rechnen. Dazu kommen die notwendigen Maßnahmen gegen den Klimawandel, für die äußere Sicherheit und für den sozialen Ausgleich. Das verursacht gewaltige Kosten und droht den Staat zu überfordern.

Was sollte die Bundesregierung Ihrer Ansicht nach tun?

Wichtig sind strukturpolitische Maßnahmen zum Bürokratieabbau sowie zur Verbesserung der Situation am Energie- und Arbeitsmarkt. Dazu würde ich mir wünschen, dass die Aktienanlage als Instrument der privaten Altersvorsorge gestärkt werden. Denn Aktien eignen sich am besten, um langfristig ein Vermögen aufbauen.

Was ist in dem von Ihnen skizzierten globalen Umfeld Anlegern zu raten?

Sachwerte sind in einem inflationären Umfeld entscheidend. Neben Gold oder Immobilien sind vor allem Aktien zu nennen. So haben sich zum Beispiel bei den Dax-Unternehmen die Gewinne in den vergangenen fünf Jahren fast verdoppelt. Die Kursentwicklung des deutschen Leitindex spiegelt das wider: Er legte in diesem Zeitraum rund 90 Prozent zu. Und auch historisch lieferten Aktien nach Inflation mit die höchsten Renditen.

Was ist bei der Aktienanlage wichtig?

Generell gilt, dass eine breite Streuung über verschiedene Regionen und Branchen wichtig ist, da sich die einzelnen Aktienmärkte nicht immer im Gleichschritt entwickeln. Seit etwa 2010 sind zum Beispiel US-Aktien außergewöhnlich gut gelaufen, in diesem Jahr waren Aktien aus den Schwellenländern besonders stark. Dazu sollten Anleger auf die Kosten bei der Geldanlage achten. Deshalb bieten sich Exchange Traded Funds auf breit gestreute Indizes als Bausteine für den Vermögensaufbau an. Zugleich sollten Anleger aber, da wir es mit vielen Unsicherheitsfaktoren zu tun haben, bei ihrer Anlage flexibel bleiben.

Bietet das herausfordernde Umfeld, das Sie skizziert haben, auch Chancen?

Die Welt befindet sich hinsichtlich Digitalisierung oder der Energieerzeugung in einer Transformation. Damit ergibt sich bei neuen Geschäftsmodellen oder Bereichen wie der Künstlichen Intelligenz ein gewaltiges Potenzial. Zwar erscheinen die Bewertungen im Technologiebereich nicht mehr ganz günstig, dennoch ist das Umfeld aus sinkenden Zinsen in den USA und moderatem Wirtschaftswachstum für Aktien positiv. Nicht vergessen darf man auch, dass sich die Staaten zwar stärker verschulden, das Geld aber investiert werden soll. In Europa könnten sich somit Chancen bei Nebenwerten ergeben, die weit hinter den Standardwerten zurückgeblieben sind. Zugleich dürfte Gold von der anhaltenden Unsicherheit, sinkenden Zinsen und einem schwachen US-Dollar profitieren.