Kastriert auf führerscheinfreundliche 3,5 Tonnen Gesamtgewicht, kann Nissans Leicht-Lkw Cabstar als Kipper mehr, als auf dem Papier steht. Für unseren Test stand die Einstiegsmotorisierung mit 122 PS zur Verfügung.
Robert Domina

Wenn "kopflastig", "leer" und "Heckantrieb" zusammen kommen, passiert genau das: durchdrehende Antriebsräder auf der feuchten Wiese. Da hilft nur noch rückwärts runter rollen und dann mit Schwung in den Feldweg.
Der Cabstar ist aber nicht der einzige Kleinlaster, der im Leerzustand schnell mit Traktionsproblemen zu kämpfen hat. Trotz automatischen Sperrdifferenzials. Aber das hilft halt auch nichts, wenn beide Antriebsräder keinen Halt finden.
Sein kurzer Radstand und der beträchtliche vordere Überhang sorgen zudem für eine gewisse Kopflastigkeit. Die für einen 3,5-Tonner großzügig bemessene Vorderachslast von 1.750 Kilogramm kommt damit gut klar, die wenig belastete Hinterachse leidet aber ein wenig unter zu geringem Aufstandsdruck bei Leerfahrten.
| So bewertet die DHZ den Nissan Cabstar 35.12 Kippe | ||
|---|---|---|
| positiv | negativ | |
| Wendekreis, Wendigkeit | ||
| robustes Fahrgestell | ||
| Kippkabine | ||
| wenig Nutzlast | ||
| Motor-Charakteristik | ||
| Lärmeintrag |
Missverhältnis zwischen Leergewicht und Nutzlast
Dafür hat der Cabstar in seiner Ausführung als 3,5-Tonner Kipper das Zeug zum wendigen Stadtflitzer. Kurz übersetzt, ist er leicht im Stadtverkehr zu bewegen. Sein Wendekreis ist so klein, dass Wendemanöver in einem Zug gelingen, wenn die Straße mindestens 10,6 Meter breit ist. Für kommunale Einsätze, im Garten- und Landschaftbau sind solche Fahrzeuge willkommene Arbeiter, im Bau-Haupt- und Nebengewerbe gehören Typen wie der Cabstar zur "schnellen Eingreiftruppe": eine Fuhre Trockenbeton, Sand oder Schotter? Kein Problem.
Nur zu viel darf man nicht verlangen. Auch die Cabstars der 35er Reihe leiden wie alle 3,5 Tonner Leicht-Lkw mit Pritschen- oder Kipperaufbau unter einem krassen Missverhältnis zwischen Leergewicht und Nutzlast. Und ebenso wie der Cabstar waren alle diese Leicht-Lkw vom Schlage eines Mitsubishi Canter, einer Isuzu N-Serie oder des baugleichen Renault Maxity ursprünglich als Fünf-, Sechs- oder gar 7,5-Tonner ausgelegt. Deren segensreiche Zeiten sind allerdings vorbei.
Lkw-Schein zu teuer für kleine Gewerbebetriebe
Die EU-Führerscheinreform machte dieser nutzlaststarken und praktischen Fahrzeuggattung den Garaus. Schwerer als 3,5 Tonnen, das heißt: entweder den alten Führerschein Klasse III oder die EU-Lizenz C1 oder C1E (E für die Hänger-Lizenz) für Fahrzeuge bis 7,5 t Gesamtgewicht. Deren Besitzer aber muss man mit der Lupe suchen. Den C1 macht von den Jungen kaum jemand. Wenn schon, so das Motto, dann gleich den Lkw-Schein CE - und dann ab als Trucker ins Transport-Gewerbe. Etwas anderes bleibt dem frischgebackenen Lkw-Schein-Besitzer ohnehin nicht übrig, denn die 8.000 bis10.000 Euro für den Lkw-Schein müssen erst mal wieder reinkommen.
Der Nissan Cabstar steht stellvertretend für die EU-Führerschein-Misere: abgemagert auf 3,5 Tonnen steht er auf kurzen, aber kräftigen Beinen, darf aber nur gut eine Tonne draufpacken. Von der Grundstruktur her könnte er aber locker das Doppelte schultern. Ein zum Pkw mit Ladefläche kastriertes, ehemals nutzlaststarkes Lkw-Konzept führt nun sein jämmerliches Dasein.
Es ist absurd. Selbst Nissan verweist in seiner Preisliste darauf, dass die 4,5-Tonnen-Version des Cabstar mit knapp einer Tonne mehr Nutzlast nur "per Sonderbestellung" erhältlich sei. Aber immerhin: es gibt ihn noch.
Seite 2: Cockpit und Pritsche im Test.>>>
Unter der Kippkabine unseres 3,5 Tonners müht sich redlich die kleinste erhältliche Motorisierung des Cabstars. Aus 2,5 Liter Hubraum schöpft der Vierzylinder 90 kW, respektive 122 PS. Die 250 Nm Drehmoment verraten, dass der 2,5 Liter noch weit von seiner Belastungsgrenze entfernt und eher auf Langlebigkeit eingestellt ist. Mit gleichem Hubraum gibt es noch eine Version mit 100 kW/136 PS (270 Nm). Spitzenmotorisierung ist der drei Liter große Vierzylinder mit 110 kW/150 PS und 350 Nm Drehmoment. Letzterer ist sicher keine schlechte Wahl, wenn zum Beispiel öfter ein Kompressor oder eine Estrichpumpe gezogen werden soll.
Unser 122-PS-Diesel macht aber dank kurzer Übersetzung auch keine schlechte Figur, was Elastizität und Zugvermögen angeht. Das relativ hohe Drehzahlniveau lässt jedoch keine super-sparsamen Verbrauchswerte zu. Die üppigen, gut 14 l/100 km über unsere Testrunde sind zu einem Teil auf diese kurze Übersetzung, zum anderen Teil auf die naturgemäß bescheidene Aerodynamik eines solchen Kippers zurückzuführen.
Der einzige Vorteil des 3,5-Tonner-Konzepts, nämlich die unbegrenzte Geschwindigkeit, ist für die tägliche Praxis nur ein schwaches Argument. Als Autobahnflitzer ist der Cabstar Kipper nun ganz und gar nicht konzipiert. Unsere verlangte Marschgeschwindigkeit von 120 km/h erreicht er nur mühsam und mit viel Anlauf. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 126 km/h. Dann jubelt der Vierzylinder bereits an die 4000 Umdrehungen und das kann nicht sparsam sein. Andererseits ist die Auslegung im bergigen Überland-Betrieb und in der Stadt goldrichtig: So kurz übersetzt, vermittelt der Cabstar Munterkeit und Elastizität: Leer lassen sich ganze Gänge überspringen, ohne Motor und Kupplung zu quälen.
Wer europäische Kurzhauber-Konzepte gewöhnt ist, muss sich an die Frontlenker-Kabine erst mal gewöhnen. Die Bauweise erlaubt zwar ein formidables Verhältnis von Gesamt- zu Nutzlänge und einen verblüffend engen Wendekreis. Der Einstieg über der Vorderachse ist für Großgewachsene aber mühsam. Auch der Platz hinterm Volant ist nicht gerade üppig bemessen. Immerhin gibt es ein verstellbares Lenkrad. Den Blick nach oben auf Ampeln begrenzt die niedrig angesetzte Fenster-Oberkante.
Kaum Motor-Abwärme im Cockpit
Das Cockpit ist von fernöstlicher Zweckmäßigkeit geprägt (auch wenn der Cabstar in Spanien gebaut wird): Jeder Zentimeter ist für kleine und große Ablagen genutzt, hinter den Sitzen finden noch Bordwerkzeug und eine weitere Ablageschale Platz. Die Rückwand aus nacktem Blech strahlt im Winter nicht nur kalt in den Innenraum, auch lärmtechnisch ist sie nicht optimal.
Man kennt das auch von den größeren Lastwagen: Der Aufbau hinter der Kabine reflektiert den Motorenlärm direkt an die Rückwand und damit in die Kabine. Mit 70 dB bei 120 km/h und kaum angenehmeren 69 dB bei 100 km/h ist der Cabstar-Kipper alles andere als ein Leisetreter. Dabei ist die Motorkiste nach unten offenbar ganz ausgezeichnet isoliert: von dort dringt kaum Geräusch in die Kabine und –noch besser: keine Abwärme vom Motor. Im Sommer kann eine heiße Motorkiste sehr unangenehm die Kabine aufheizen und für heiße Beine sorgen. Das ist hier nicht der Fall.
Unnötigerweise zieren die Kabine jedoch extra weit ausladende Spiegel-Halterungen. Dadurch vibrieren die Spiegel stark. Kompaktere Spiegelhalter wären der Breite von 1,9 Meter angemessen und würden ein klareres Spiegelbild liefern. Vom Chassis her läuft der Cabstar angenehm ruhig. Die Querblattfeder an der Vorderachse ist fein abgestimmt, der dazugebaute Stabi unterdrückt Wankbewegungen schon im Ansatz.
Gute Dreiseiten-Kippbrücke von Scattolini
Die Hinterachse zeigt sich da ein wenig "fahraktiver", wenngleich auf unerwünschte Weise. Die Starrachse setzt beladen die kleinste Aufbauneigungen in eine Lenkbewegung um, die den Cabstar sanft und leicht übersteuernd in die Kurve zieht. Insgesamt ist das Fahrverhalten aber jederzeit unkritisch für einen Frontlenker mit derart kurzem Radstand, zumal viel lästigere Nickbewegungen gar nicht auftreten.
Zu einem universell einsetzbaren Arbeiter macht den Cabstar aber erst die Dreiseiten-Kippbrücke. Hersteller Scattolini setzt dabei auf eine Kombination von Stahl und Alu. Verschleißfester Stahl für die Bodengruppe, stabil unterfüttert mit eng gesetzten Querstreben, leichtes Alu für die Bordwände.
Das Ganze ergänzt mit einer stabilen Leiterauflage hinterm Fahrerhaus und einem als Zubehör erhältlichen hinteren Querträger. Damit lassen sich auch längeres Gerät oder Gerüstteile sicher befestigen und transportieren. Die feststehenden Eck-Rungen aus Stahl und ihre massiven Verriegelungs-Hebel machen einen genauso stabilen Eindruck.
Fazit: Dieser Mini-Kipper ist auf lange Lebensdauer ausgelegt und nimmt gelegentliches, unbeabsichtigtes Überladen sicher nicht übel. Für 32.000 Euro komplett kann man nicht mehr verlangen.


