Zwei-Klassen-Gesellschaft für Briefe Post erwägt Aufschlag für schnelle Zustellung

Der "gelbe Riese" würde die Post künftig gerne in zwei Geschwindigkeiten ausliefern – mit unterschiedlichen Preisen natürlich. In der Schweiz und Österreich wird das schon gemacht. Doch in Deutschland gibt es da noch ein Hindernis.

Noch ist die Post verpflichtet, 80 Prozent der Briefe am Folgetag zuzustellen. Nach dem Willen der Post soll sich das ändern. - © Kzenon - stock.adobe.com

Geht es nach der Deutschen Post, könnte es bald eine Zwei-Klassen-Gesellschaft für Briefe geben. "Wir könnten uns vorstellen, unseren Kunden künftig eine Wahlmöglichkeit zu geben, ob die Briefe schnell zugestellt werden sollen oder ob sie etwas länger unterwegs sein dürfen, mit entsprechender preislicher Differenzierung", sagte ein Post-Sprecher am Mittwoch der Deutschen Presse-Agentur.

Die Kundinnen und Kunden "könnten dann entscheiden, ob ihnen eine besonders schnelle Zustellung einen Aufpreis wert ist", warb das für das Brief-Geschäft zuständige Post-Vorstandstandsmitglied Nikola Hagleitner in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" für eine solche Lösung. Derartige unterschiedliche Zustellgeschwindigkeiten gebe es auch in vielen anderen europäischen Ländern, hieß es bei der Post.

Reform des Postgesetzes nötig

Voraussetzung für einen solchen Schritt wäre aber wohl, dass bei der anstehenden Reform des Postgesetzes die Verpflichtung des "gelben Riesen" gestrichen würde, wenigstens 80 Prozent der Briefe am folgenden Tag zuzustellen. Derzeit kommen Firmenangaben zufolge 83 bis 84 Prozent der eingeworfenen Briefe am Folgetag an - vorausgesetzt, dass es kein Sonntag oder Feiertag ist.

Die Post hält diese "starren Laufzeitvorgaben" in der Ära der elektronischen Kommunikation für nicht mehr zeitgemäß und wirbt seit einiger Zeit offensiv für ihre Abschaffung - aus betriebswirtschaftlichen Gründen, aber auch, weil die dafür notwendigen Nachtflüge die Umwelt belasteten.

Die Ampelkoalition will das Postgesetz ändern und modernisieren - seine Eckpfeiler sind mehr als zwei Jahrzehnte alt und kommen aus einer Zeit, als viele Bürger noch Briefe und Postkarten statt Mails und Chatnachrichten schrieben.

Prio-Brief gibt es schon heute

Ganz neu ist die Idee mit dem Aufschlag für schnellere Sendungen für die Deutsche Post ohnehin nicht. Schon heute gibt es den sogenannten Prio-Brief, der gegen einen Aufschlag von 1,10 Euro eine bevorzugte Behandlung des Briefes verspricht. "Mit unserem Prio-Zusatzservice werden Ihre Briefe mit einer höheren Wahrscheinlichkeit schon am nächsten Werktag zugestellt", wirbt die Post. Nur ist der Anreiz, den Aufschlag zu bezahlen, halt gering, wenn der Brief wahrscheinlich auch ohne Zuzahlung am nächsten Tag zugestellt wird.

Was sich ändern könnte, wenn die Post ihr Pläne umsetzt, zeigen Beispiele in Österreich und der Schweiz. Bei den Eidgenossen gibt es A- und B-Post. Ein Standardbrief bis 100 Gramm kostet auf schnellem Weg 1,10 Franken (1,12 Euro), mit der langsameren Post 0,90 Franken. Die Post verspricht eine Zustellung der schnellen Post am nächsten Werktag sowie am Samstag. Bei der B-Post kann die Zustellung bis zu drei Werktage dauern, und sie wird nicht am Samstag zugestellt.

Die österreichische Post unterscheidet zwischen Prio-Brief und Eco-Brief. Ein Prio-Brief bis 20 Gramm kostet 1 Euro und ist am nächsten Tag beim Empfänger. Ein Eco-Brief kostet nur 0,81 Cent, braucht aber zwei bis drei Werktage.

Beschwerden über mangelnde Zustellung häufen sich

Verbraucherschützer sehen den Vorstoß der Post kritisch. "Bis jetzt ist es so geregelt, dass 80 Prozent aller Briefe am nächsten Tag zugestellt werden müssen, 95 Prozent bis zum zweiten Tag. Jetzt zu sagen, wir wollen von dem Anspruch runtergehen und es dafür teurer machen, ist natürlich nicht im Sinne der Verbraucher", sagte Iwona Husemann von der Verbraucherzentrale NRW. "Das ist aus Sicht des Verbraucherschutzes ein Signal in die falsche Richtung."

Der Post-Vorstoß fällt in eine Zeit, in der das Image des Bonner Konzerns wegen Problemen bei der Briefzustellung ohnehin angekratzt ist. Die Zahl der Beschwerden über verspätete oder gar nicht angekommene Briefe bei der Bundesnetzagentur hat sich in den ersten neun Monaten dieses Jahres auf mehr als 30.000 verdoppelt. Meist sei es dabei um Mängel bei der Briefzustellung beim Marktführer, der Deutschen Post, gegangen, berichtete die Aufsichtsbehörde im vergangenen Monat. Die Post selbst sprach von "lokalen Problemen" und begründete sie mit einem hohen Krankenstand und der schwierigen Lage am Arbeitsmarkt, wo zu wenige Fachkräfte zu finden seien.

Bundesnetzagentur: "Kann diskutiert werden"

Die Bundesnetzagentur reagierte zurückhaltend auf den Post-Vorstoß. "Über eine Änderung der Laufzeitvorgaben oder eine preisliche Differenzierung kann diskutiert werden", sagte eine Sprecherin der Behörde. Doch müssten die Auswirkungen eines solchen Schrittes genau untersucht werden. "Die digitale Post kann den analogen Brief im Moment nicht vollständig ersetzen, und es gibt das berechtigte Interesse, dass Briefe regelmäßig und schnell befördert werden." Das gelte etwa für wichtige persönliche Korrespondenz oder behördliche und geschäftliche Sendungen. Eine kurze Laufzeit von Briefsendungen - das belegten auch Umfragen - sei den Menschen sehr wichtig. dpa