Seit 1995 erstmals wieder aktuelle Daten über das Handwerk Details belegen den Strukturwandel. Von Lothar Semper
Positive Überraschungen
Vor rund eineinhalb Jahrzehnten fand die letzte Handwerkszählung statt. Das Handwerk hat seitdem immer wieder beklagt, dass aktuelle Informationen über diesen Wirtschaftsbereich fehlen. Die Politik hatte in der Handwerkszählung ein für sie passendes Beispiel für die Entlastung der Wirtschaft von statistischen Berichtspflichten gefunden.
Alternativ wollte man – insbesondere bei Finanzbehörden und Arbeitsverwaltung – vorhandene Verwaltungsdaten für statistische Berichtszwecke nutzen. In der Praxis erwies sich dies allerdings als nicht so einfach. Doch nun liegen die ersten Ergebnisse einer derartigen Vollauswertung vor – etwas zeitlich verzögert erst für das Jahr 2008. Doch die Jahre 2009 und 2010 werden wohl bald nachgeliefert. Und künftig sollen jährlich Daten über das Handwerk zur Verfügung stehen.
Einige methodische Unterschiede gibt es allerdings zu den früheren Handwerkszählungen, die bei einem Vergleich der Ergebnisse berücksichtigt werden müssen. So fehlen jetzt die Daten von Kleinstbetrieben mit einem Jahresumsatz von weniger als 17.500 Euro sowie von Nebenbetrieben und Betrieben des handwerksähnlichen Gewerbes.
Seit der letzten Vollerhebung aus dem Jahr 1995 hatten die Handwerksorganisationen deren Ergebnisse anhand der Indikatoren der amtlichen Handwerksberichterstattung, der eigenen Konjunkturumfragen und für das Handwerk einschlägiger Sekundärstatistiken fortgeschrieben. Vergleicht man nun diese Fortschreibungen mit den gerade veröffentlichten Daten, so kann man erfreut feststellen, dass das Handwerk deutlich stärker ist als bisher angenommen.
Bei den tätigen Personen steht ein Plus von fast 10 Prozent und bei den Umsätzen sogar von 12,5 Prozent zu Buche. Interessant sind auch einzelne Strukturdaten, die zeigen, dass sich das Handwerk erheblich wandelt. Von den einzelnen Gewerbegruppen hat das Ausbaugewerbe nach wie vor die meisten Umsätze und Beschäftigten. Die Auswirkungen der zunehmenden Filialisierung werden daran deutlich, dass die Lebensmittelhandwerke die beschäftigungsstärksten Unternehmen stellen. Die mit Abstand höchsten Umsätze je Unternehmen erzielen aufgrund des hohen Handelsanteils die Kraftfahrzeughandwerke.
Ganz besonders interessant sind folgende Relationen: Zwar beschäftigen nur 2,1 Prozent der erfassten Handwerksunternehmen 50 und mehr Mitarbeiter. Aber auf sie entfallen rund 34 Prozent aller Erwerbstätigen und etwa 40 Prozent des gesamten Umsatzes im Handwerk. Demgegenüber haben die gut 60 Prozent der Betriebe, dieweniger als fünf Mitarbeiter zählen, bei den Erwerbstätigen einen Anteil von etwa 14 Prozent und beim Umsatz von knapp unter 11 Prozent. Zwischen Betrieben in Ostdeutschland und Westdeutschland bestehen nach wie vor Unterschiede hinsichtlich Produktivität und Betriebsgröße. Nahezu 80 Prozent der Handwerksunternehmen werden in der Form eines Einzelunternehmens oder einer Personengesellschaft betrieben.
Mit all diesen Daten darf sich das Handwerk mehr denn je als Kernstück des gewerblichen Mittelstandes in Deutschland betrachten. Als erste Bestandsaufnahme nach längerer Zeit können sich die Zahlen sehen lassen. Es kann allerdings durchaus sein, dass die Zahlen für die Folgejahre ein leicht korrigiertes Bild ergeben; denn auch die statistischen Ämter müssen erst lernen, mit der neuen Methode umzugehen.
Allerdings vermisst man doch so interessante und zunehmend wichtigere Informationen wie beispielsweise den Anteil des Exports am handwerklichen Umsatz. Die ehemalige Handwerkszählung lieferte dazu die Daten. Für eine zukunftsorientierte Handwerkspolitik sind aussagefähige Zahlen eine wichtige Voraussetzung.