Politiker haben geschlafen

Fachkräfte-Engpässe sind im Handwerk bereits angekommen: Das spüren viele Handwerker schon und eine aktuelle Studie belegt es mit Zahlen. Grund genug, die Forderung der OECD nach mehr Akademikern zu hinterfragen.

Mirabell Schmidt

Deutschland schrumpft. Der Nachwuchs fehlt und daher werden über kurz oder lang die Arbeitskräfte knapp. Was Teile des Handwerks bereits spüren, hat die Engpassanalyse 2013 nun auch mit Zahlen belegt: Es fehlen mehr Gesellen und Meister als Akademiker. Die Studien der OECD, die das Heil für wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit vor allem in Akademikern sehen, sollte man nicht nur vor diesem Hintergrund hinterfragen.

Doch die Politik hat sich jahrelang danach gerichtet und verspürte den Drang, Hochschulen zu Eliteuniversitäten zu machen sowie möglichst viele Abiturienten hervorzubringen. Fast schienen die Regierungsverantwortlichen vergessen zu haben, dass es in Deutschland – im Gegensatz zu anderen Ländern – das duale Ausbildungssystem gibt. Und daraus werden die meisten Arbeitnehmer rekrutiert.

Vorhandene Potenziale ausschöpfen

Sicherlich ist auch bei der Politik inzwischen angekommen, dass Deutschland nicht nur Akademiker braucht. Sie versucht mit Programmen zur Fachkräftesicherung wie dem "Nationalen Pakt für Ausbildung und Fachkräftenachwuchs" und dem Anerkennungsgesetz ausländischer Abschlüsse Engpässen entgegenzuwirken. Doch die Engpässe sind vor allem im Handwerk bereits zu spüren. Es fehlen Gesellen und Meister, die Betriebsgründungen gehen zurück. Das schadet langfristig der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft, besitzt das Handwerk doch eine große Innovationskraft.

Jetzt gilt es, alle vorhandenen Potenziale auszuschöpfen. Eine Möglichkeit sind Nachqualifizierungen für schlecht ausgebildete Jugendliche im Betrieb. So können sich die Firmen ihre künftigen Meister, bei denen es in einigen Gewerken ebenfalls schon Engpässe gibt, selbst heranziehen. Doch sicher geht das in einem größeren Unternehmen besser als in einem kleinen Betrieb, der ständig unter Zeitdruck ist.

Studium ist nicht Voraussetzung für Erfolg

Betriebe können auch auf Zuwanderer setzen. Zwar scheint so manche Richtlinie der EU überflüssig, doch hat die Gemeinschaft mindestens diesen Vorteil: Arbeitnehmerfreizügigkeit. Immer mehr Betriebe machen davon Gebrauch und immer mehr Privatinitiativen holen gemeinsam mit den Handwerkskammern Fachkräfte aus den EU-Krisenstaaten herüber.

Wichtig wird aber auch sein, das, was die Politik durch ihr Handeln den Eltern in Deutschland jahrelang eingebläut hat, wieder aus den Köpfen zu bringen: Man muss nicht studiert haben, um es zu etwas zu bringen. Denn Meister und Gesellen im Handwerk werden immer gebraucht.