"Wo ist das Vertrauen in die Betriebe geblieben", fragt sich Steinmetzmeisterin Kathrin Post-Isenberg. Ohne Frage: Vorschriften sind wichtig. Doch das Maß an Bürokratie sei längst überschritten. Wie Betriebsinhaber darauf reagieren können? Die DHZ-Kolumnistin hat einen Drei-Punkte-Plan parat.

Es ist kein Geheimnis: Bürokratie belastet das Handwerk. Und das nicht zu knapp. Immer wieder höre ich von Betriebsinhaberinnen und Betriebsinhabern, dass sie sich von Papierbergen und Vorschriften erdrückt fühlen. Manche gehen so weit zu sagen: "Ich rate meinen Kindern davon ab, den Betrieb zu übernehmen – zu viel Papierkram, zu wenig Raum fürs Handwerk."
Das macht mich traurig, aber auch wütend. Das Handwerk ist das Rückgrat unserer Gesellschaft. Ohne uns bleiben die Lichter aus, Baustellen stehen still, und selbst das tägliche Brot wird nicht mehr gebacken. Aber wie soll eine Branche überleben, wenn sie von bürokratischen Lasten erdrückt wird?
Bürokratie: Belastung oder notwendiges Übel?
Natürlich brauchen wir Regeln und Standards. Sie sorgen für Sicherheit, Verlässlichkeit und Qualität. Doch das Maß ist längst überschritten. Die Bürokratie im Handwerk wächst schneller als die Lösungen, sie zu bewältigen. Viele Betriebe stehen kurz davor, zu sagen: "Nach fest kommt ab."
Und ich frage mich auch: Wo ist das Vertrauen in die Betriebe geblieben? Woher kommt das Misstrauen, dass sich durch diese unüberschaubare Dokumentationspflicht widerspiegelt?
Dabei geht es nicht nur um die Betriebe, die aufgeben. Es geht auch um diejenigen, die wir gar nicht erst gewinnen können. Junge Menschen schrecken zurück, weil sie sehen, wie viel Zeit Betriebsinhaber in Bürokratie investieren müssen – statt in ihre eigentliche Arbeit.
Ein wichtiger Zeitpunkt: Die bevorstehende Bundestagswahl
Mit der Bundestagswahl stehen gleich mehrere Entscheidungen bevor. Jetzt ist die Zeit, die Stimme des Handwerks laut und deutlich zu erheben. Der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) hat dazu klare Forderungen an die Politik gestellt – von der Bürokratieentlastung über die Förderung der beruflichen Bildung bis hin zur Sicherung der Fachkräftebasis.
Diese Forderungen spiegeln wider, was ich in Gesprächen mit Betriebsinhaber immer wieder höre:

- Bürokratieabbau: Weniger Berichts- und Dokumentationspflichten, die wertvolle Zeit kosten.
- Berufliche Bildung stärken: Eine ergebnisoffene Berufsorientierung an allen Schulen – auch Gymnasien.
- Fachkräfte sichern: Mehr Unterstützung für Ausbildungsbetriebe und gezielte Maßnahmen zur Integration von Fachkräften aus dem Ausland.
- Frauen durch gesicherte Regelungen bei Mutterschaft unterstützen – damit sie nicht aus dem Handwerk abwandern.
- Finanzierungsmöglichkeiten für die Übernahmen von Betrieben einfacher und überhaupt machbar anbieten.
Aktiver Beitrag nötig, um Veränderungen anzustoßen
Jetzt kommt es darauf an, dass die Politik diese Punkte nicht nur hört, sondern auch handelt. Doch die Frage bleibt: Können wir darauf vertrauen, dass allein die Politik die Probleme des Handwerks löst?
Was wir tun können: Meine Antwort lautet: Nein. Politik reagiert, aber selten proaktiv. Deshalb müssen wir selbst laut werden, Forderungen stellen und aktiv mitgestalten. Wer nur jammert, darf nicht in der ersten Reihe stehen, wenn es vorwärtsgeht.
Hier sind drei Schritte, wie wir uns politisch einbringen und Veränderungen anstoßen können:
- Engagieren Sie sich lokal.
Sprechen Sie mit den Menschen, die in Ihrem Heimatort dafür zuständig sind. Veränderungen beginnen vor Ort und viele lokale Politikerinnen und Politiker sind offen für Impulse aus der Praxis. - Nutzen Sie Ihr Ehrenamt.
Ob in der Handwerkskammer, in Prüfungsausschüssen oder in Ihrer Innung – das Ehrenamt ist ein starkes Werkzeug, um die Stimme des Handwerks zu stärken. Und es gibt so viele Möglichkeiten, sich einzubringen, sei es im kleinen Rahmen oder als Teil größerer Gremien. Und ja, ein Ehrenamt kostet Zeit und bringt kein Geld, aber nur wenn wir hier gemeinschaftlich wirken, können wir auch etwas bewegen. - Teilen Sie Ihre Geschichten.
Nutzen Sie Social Media oder lokale Medien, um öffentlich zu machen, was Ihr Betrieb leistet – und womit Sie kämpfen. Je sichtbarer unsere Herausforderungen werden, desto größer wird der Druck auf die Politik, aktiv zu werden. Gehen Sie zudem auf die angebotenen Veranstaltungen Ihrer Kammern, Verbände und Ihrer Stadt, um dort mit der Politik ins Gespräch zu kommen.
Warum das Handwerk gehört werden muss
Das Handwerk ist nicht irgendeine Branche. Es ist der Motor, der Deutschland am Laufen hält. Und das sollte nicht erst sichtbar werden, wenn Betriebe aufgeben oder Nachwuchs ausbleibt.
Wir müssen zeigen, dass wir mehr sind als nur Betriebe, die produzieren und Dienstleistungen erbringen. Wir sind Ausbilder, Arbeitgeber, Innovatoren – und wir gestalten die Gesellschaft aktiv mit. Politik und Handwerk? Das darf kein Nebeneinander sein. Es muss ein Dialog auf Augenhöhe werden – und dafür braucht es uns alle.
Die Kolumne "Aus dem Handwerk, für das Handwerk" von Steinmetzmeisterin Kathrin Post-Isenberg erscheint alle 14 Tage exklusiv in der Deutschen Handwerks Zeitung (DHZ). Abonnieren Sie den kostenlosen DHZ-Newsletter, um keine Ausgabe zu verpassen.