Wiener Kaffeehaus: Attraktion und zweites Wohnzimmer zugleich

Philosophieren mit Melange, Buchteln und Kaffee
Es gibt in Wien mehr als 800 Kaffeehäuser, darunter befinden sich ungefähr 100 klassische Kaffeehäuser, wo die Bedienung noch Schwarz-Weiß trägt und die Einrichtung so einfach ist wie in der „guten, alten Zeit“: Holzboden, Marmortische, simple Sessel und plüschige Bänke.
Jede Szene hat in der Donaumetropole ihr Stammcafé: die Beamten der Ministerien etwa das Café Ministerium am Georg-Coch-Platz, die Kunststudenten das Prückel am Stubenring, die Politiker das Landtmann am Dr.-Karl-Lueger-Ring. Im Kaffeehaus wird philosophiert, meditiert, tachiniert, Zeitung gelesen, getratscht, geknutscht, Billard oder Schach gespielt, mit Fremden über Gott und die Welt diskutiert und vieles mehr.
In der Dorotheergasse befindet sich das Café Hawelka. Das avancierte in den 50er und 60er Jahren zur Wohngemeinschaft der antibürgerlichen Künstleropposition. Es war öffentliches Wohnzimmer für Individualisten, außerdem Ideenbörse und Insel des Unkonventionellen. Die Atmosphäre zwischen den dicken Plakatschichten an den Wänden, der Telefonzelle und den abgewetzten Plüschbänken ist einmalig. Und die heißen, frischen Buchteln um 22 Uhr sollte man nicht verpassen.
Nach dem großen Kaffeehaussterben der 60er und 70er Jahre wurden in den darauf folgenden 20 Jahren zahlreiche Cafés in altem Stil restauriert, darunter so bekannte wie das Schwarzenberg am Kärntner Ring oder das Landtmann. Die Kaffeehäuser mögen sich verändert haben, aber die Gründe, sie zu besuchen, sind die gleichen geblieben. Noch immer ist das Café, wie Stefan Zweig in „Die Welt von gestern“ schrieb, „eine Art demokratischer, jedem für eine billige Schale Kaffee zugänglicher Klub, wo jeder Gast für diesen kleinen Obolus stundenlang sitzen, diskutieren, schreiben, Karten spielen, seine Post empfangen und vor allem eine unbegrenzte Zahl von Zeitungen und Zeitschriften konsumieren kann.“ Nicht daheim, und doch zu Hause kann man sich hier fühlen. Oder: allein, und doch in Gesellschaft.