Ausbildung zum Hörakustiker Per Simulator ins Ohr

Die Hörakustik gilt als einer der Vorreiter der Digitalisierung im Handwerk. Wie Auszubildende und künftige Kunden von der modernen Technik profitieren und lernen, Hörgeräte optimal anzupassen.

Ein Auszubildender übt am Campus Hörakustik in Lübeck am Ohrsimulator.
Ein Auszubildender übt am Campus Hörakustik in Lübeck am Ohrsimulator. - © Johannes Hüsch/biha

Wenn Auszubildende am Campus Hörakustik in Lübeck einen Ohrabdruck nehmen, sitzen sie nicht vor einem Menschen, sondern vor einem Ohrsimulator. Zwölf lebensnahe Ohr-Nachbildungen stehen hier, die mit ausgefeilter Kameratechnik den Blick ins Innere des künstlich nachgebildeten Gehörs erlauben.

"Ohrsimulatoren ersetzen für das Einüben praktischer Tätigkeiten das menschliche Ohr", erklärt Eberhard Schmidt, Präsident der Bundesinnung der Hörakustiker (biha). Azubis könnten dank der Technik den Arbeitsprozess immer neu wiederholen, ohne großen Aufwand und ohne Übungspartner zu gefährden.

Das Herstellen von Ohrpassstücken – Otoplastiken – ist eine zentrale Aufgabe von Hörakustikern. Die auf den individuellen Gehörgang maßgeschneiderte Form bildet das Bindeglied zwischen Hörgerät und Ohr.

Perfekter Sitz für optimales Hörergebnis

Nur wenn die Otoplastik genau passt, sitzt das Hörgerät sicher und liefert das beste Hörergebnis. Dafür müssen Hörakustiker das äußere Ohr und den Gehörgang bis kurz vor das Trommelfell nachbilden. In den Fachgeschäften geschieht dies entweder per Laserscanner oder per Silikon-Abformung. Aus dem Abbild erstellen Hörakustiker dann eine Negativform, die mit dem Material der Otoplastik ausgegossen wird.

90 Prozent der Ohrpassstücke werden heute per CAD (Coomputer-Aided Design) und 3D-Druck hergestellt, es ist Stand der Technik in der stark digitalisierten Hörakustik. Die traditionelle, manuelle Ausarbeitung bleibt allerdings weiterhin Teil der Ausbildung, um Azubis Material, Form, Anatomie und Funktion begreiflich zu machen, betont Schmidt. Auch Anpassungen, Nachbesserungen und Reparaturen an 3D-gedruckten Otoplastiken werden weiterhin auf traditionelle Art mit Fräse, Schleifpapier und Photolack durchgeführt.

Wie die Hörakustik auf dem aktuellen Stand der Technik bleibt

Die innovative Technik in der Lehrlingsausbildung finanziert der Campus Hörakustik in Lübeck einerseits über die Teilnahmebeiträge aus der überbetrieblichen Lehrlingsunterweisung und aus anderen Kursen, außerdem durch Fördermittel. Zudem sind 95 Prozent der 7.500 Hörakustik-Fachgeschäfte in Deutschland Mitglieder der biha.Dieser Rückhalt in der Branche und die bundesweite Zentralisierung ermögliche es dem Campus, fortlaufend auf dem aktuellen Stand der Technik zu bleiben.

Den Handwerksbezug verliere der Beruf trotzdem nicht. "Auch wenn die Gestaltung mit einer CAD-Software erfolgt statt aus einem Kunststoffrohling mit der Fräse, bleibt die Erstellung anatomisch passender Ohrpassstücke eine handwerkliche Leistung", so Schmidt. Und manche Dinge kann kein Simulator ersetzen, zum Beispiel den menschlichen Umgang mit echten schwerhörigen Probanden: "Dann stehen soziale Interaktion und Fertigkeiten im Kundenkontakt im Mittelpunkt."

Deutschland hört schlecht

3,7 Millionen Menschen in Deutschland tragen Hörsysteme, weitere 1,7 Millionen haben laut Studien eine Schwerhörigkeit, die bisher nicht angemessen versorgt ist. Ein Pilotprojekt verschiedener HNO-Universitätskliniken plant deswegen aktuell, Hörscreenings in Bürgerämtern anzubieten, um Menschen im Alltag ein Testangebot zu machen. Eberhard Schmidt begrüßt alle Maßnahmen, die in der Bevölkerung das Bewusstsein für Hörprobleme verstärken. Wichtig sei dabei, dass professionelle Hörtests durchgeführt würden, bei denen die Hörakustikerbetriebe vor Ort eingebunden werden.