Trennungen, neue Beziehungen und Kinder aus verschiedenen Ehen machen auch vor Familienunternehmen nicht halt. Moderne Familienkonzepte erfordern hier eine sorgfältige Planung, um Konflikten vorzubeugen. Auch Hilfe von außen kann helfen, Unstimmigkeiten zwischen Familienmitgliedern zu beseitigen und den Betrieb voranzubringen.

Handwerk und Familie – das gehört in Deutschland einfach zusammen. Viele Betriebe werden über Generationen fortgeführt. "Das Handwerk ist seit jeher familienorientiert", betont Anne Dohle, Referatsleiterin soziale Sicherung beim Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH). So seien über drei Viertel aller Betriebe Familienbetriebe, die von einem Ehepaar geleitet werden – "und in denen oft auch die eigenen Kinder ausgebildet und beschäftigt werden", so Dohle. Auch mit dem Ziel, dass sie irgendwann einmal das Ruder übernehmen und die Unternehmensnachfolge antreten.
Wenn Familie und Betrieb eine Einheit bilden, kann das viele Vorteile mit sich bringen – es kann aber auch für handfeste Probleme sorgen. Denn auch in Unternehmerfamilien ist die lebenslange Ehe nicht mehr selbstverständlich: Trennungen, neue Beziehungen und Kinder aus verschiedenen Partnerschaften sind heutzutage keine Seltenheit mehr. "In den letzten Jahrzehnten hat sich die Gesellschaft drastisch verändert und klassische Konstellationen mit Vater, Mutter und Kind sind längst nicht mehr die einzige gängige Realität", erklärt Thomas A. Zenner von der Beratungsfirma "Family Office 360grad". "Die Auswirkungen moderner Lebenskonzepte machen auch vor Unternehmerfamilien nicht Halt." Patchworkkonstellationen, bei denen sich plötzlich mehrere Stiefgeschwister und neue Partner am Tisch finden, wirbeln die Rollenverteilung im Betrieb durcheinander – und erschweren zudem die Nachfolgeplanung.
Schlechte Zusammenarbeit kann existenzbedrohend sein
Wie riskant Patchwork-Konstellationen sein können, zeigt das Beispiel der Unternehmerfamilie Oetker: Der anhaltende Familienstreit zwischen den drei Kindern aus der dritten Ehe des verstorbenen Unternehmers Rudolf-August Oetker mit den fünf älteren Halbgeschwistern aus dessen ersten beiden Ehen hat letztlich zu einer Aufspaltung des Bielefelder Konzerns geführt. Zuvor hatten sich die Familienstämme jahrelang gegenseitig bei der Besetzung von Gremienposten blockiert und unternehmerische Entscheidungen verzögert. Und was bei einem milliardenschweren Konzern zum Ausbremsen strategischer Entscheidungen führt, kann kleine und mittlere Betriebe schnell so sehr lähmen, dass sie in ihrer Existenz bedroht sind.
Daher gelte es, potenzielle Stolpersteine frühzeitig aus dem Weg zu räumen, um das Konfliktpotenzial zu reduzieren, betont Zenner. Zentral sei eine Grundsatzentscheidung, ob der neue Partner und dessen Kinder in das Familienunternehmen eingebunden werden sollen oder nicht. "Dabei sollten individuelle Umstände und die Fähigkeiten und Kenntnisse der Kinder berücksichtigt werden", rät Zenner. "Eine realistische Einschätzung der Möglichkeiten und Potenziale kann helfen, Konflikte und Unklarheiten im späteren Verlauf zu vermeiden."
Gute Strategie zur Festlegung der Zuständigkeiten
Um den Zusammenhalt und die erfolgreiche Zusammenarbeit in Patchworkfamilien, also Stieffamilien, zu fördern, könne eine professionelle Family Governance sinnvoll sein. "Dabei handelt es sich um eine neutrale Instanz von außen, die als Vermittler agiert und Spannungsfelder erkennt", erläutert der Experte. "Eine professionell begleitete Familienstrategie bietet die Möglichkeit, Funktionen zu definieren, Verantwortung aufzuteilen und gemeinsame Entscheidungen zu treffen." Wichtig sei es, bereits im Vorfeld klare Strukturen zu schaffen, offene Kommunikation zu fördern und potenzielle Streitpunkte proaktiv anzugehen. "Ein zentraler Aspekt in der Zusammenarbeit von Patchworkfamilien ist die Rollenfindung. Dabei sollten alle Mitglieder, einschließlich angeheirateter Kinder und Stiefkinder, frühzeitig einbezogen werden", so Zenner. "Offene Kommunikation über Positionen und Erwartungen ist entscheidend, um Missverständnisse und Konflikte zu vermeiden."
Patchworkfamilien: Gemeinsam eine Entscheidung treffen
Dafür sei es wichtig, ein Forum für regelmäßigen Austausch zu schaffen, in dem alle Familienmitglieder ihre Bedürfnisse und Ängste äußern können. "Regelmäßige Treffen oder gemeinsame Gespräche bieten die Möglichkeit, unterschiedliche Perspektiven zu verstehen und Lösungsansätze zu entwickeln", betont Zenner. Ebenso sei es wichtig, alle Familienmitglieder an Entscheidungsprozessen zu beteiligen. "Jeder sollte in einem ersten Schritt die Möglichkeit haben, seine Stimme einzubringen. Dies schafft ein Gefühl der Wertschätzung und fördert das Engagement aller Beteiligten", so der Experte. Durch den Einbezug der Angehörigen entstehe eine breitere Basis und eine höhere Akzeptanz für Entscheidungen. Gerade in Patchworkfamilien sei es dabei wichtig, unterschiedliche Vorstellungen und Ansichten ernst zu nehmen und nach Kompromissen zu suchen. "In Patchworkfamilien treffen oft verschiedene Wertvorstellungen, Erziehungsstile und Ansichten aufeinander. Flexibilität und Verständnis für die Bedürfnisse der einzelnen Menschen sind hierbei von großer Bedeutung", sagt Zenner.
Bei starken Problemen zwischen Familienzweigen kann eine professionelle Mediation helfen, den Dialog zu fördern und Konflikte aufzuklären. "Ein neutraler Vermittler kann dabei unterstützen, abgerissene Gesprächsfäden wieder aufzugreifen und eine gemeinsame Lösung zu finden", erklärt Zenner. "Durch eine professionelle Unterstützung können langwierige Streitigkeiten vermieden und das familiäre Miteinander gestärkt werden."
Wenn man hier einen gemeinsamen Weg findet, können Patchwork-Familienunternehmer als Vorbilder fungieren – auch in der eigenen Belegschaft. "Sie wissen dann um die Sorgen und Nöte und sind besonders kreativ bei der Suche nach Lösungen für die unterschiedlichen Problemsituationen", erklärt ZDH-Expertin Dohle.
Betriebsnachfolge: Frühzeitige Regelungen nötig
Mit Blick auf die Nachfolgeplanung sei ein strategisches Vorgehen unerlässlich, sagt Clemens Engelhardt, Rechtsanwalt und Partner in der Kanzlei trustberg LLP in München. Wann genau und an wen das Zepter übergeben und wie die optimale Übergangszeit der Zusammenarbeit gestaltet werde, müsse "rechtzeitig beschlossen und dann auch gelebt werden", so der Experte. Eindeutige Regelungen würden dazu beitragen, Streit unter den Familienmitgliedern zu vermeiden. "Jeder Unternehmer sollte frühzeitig erbrechtliche und ähnliche Verfügungen treffen", betont Engelhardt. Denn schließlich sollten alle Beteiligten das gleiche Ziel haben: Die erfolgreiche Fortführung der Firma – mit oder ohne sie in einer aktiven Rolle.