Wirtschaftsforscher Ulrich Blum rechnete zur Wende 1989 mit einem Aufschließen der ostdeutschen zur wirtschaftlichen Entwicklung der neuen Bundesländer. Interview: Karin Birk
"Osten darf keine verlängerte Werkbank sein"
DHZ: Herr Professor Blum, wie sieht es 20 Jahre nach dem Mauerfall mit den blühenden Landschaften in den neuen Bundesländern aus?
Blum: Der Süden der neuen Bundesländer ist schon auf einem relativ guten Weg. In Städten wie Jena, Zwickau, Chemnitz, Dresden oder Halle hat sich ungeheuer viel getan. Hochtechnische Unternehmen der Laser-, Halbleiter- oder der Solartechnologie haben hier ihre Standorte und ziehen andere Unternehmen nach. Deutlich schlechter sieht es dagegen in ehemaligen Braunkohlestandorten wie in Hoyerswerda aus. Das gilt auch für Mecklenburg-Vorpommern, wo die Werftindustrie ins Schleudern kommt und der Tourismus nicht alles auffangen kann.
DHZ: Haben Sie persönlich eine solche Entwicklung erwartet?
Blum: Ganz sicher nicht. Kurz nach der Wende hätte ich darauf gewettet, dass Sachsen nach 20 Jahren das Saarland in der Wirtschaftsleistung überholt hat. Das ist nicht gelungen. Dabei hat der Rückstand vor allem zwei Gründe. Zum einen hat der Nachholbedarf Anfang der 90er Jahre die Bauinvestitionen zu stark aufgebläht, so dass man nachher mit zu großen Überkapazitäten zu kämpfen hatte. Zum anderen hat man zu wenig auf Unternehmer gesetzt. Wer früher enteignet worden war, hätte sein Unternehmen grundsätzlich zurückbekommen müssen, wenn er sich bereit erklärt hätte, vor Ort zu investieren. Stattdessen hat man die Unternehmen verkauft. Es gibt aber auch Erfolge: Immerhin haben es die neuen Länder geschafft, 70 Prozent des Pro-Kopf-Einkommens Westdeutschlands zu erreichen. Dabei sollte man nicht ausblenden, dass auch das westdeutsche Pro-Kopf-Einkommen ohne die vielen zugezogenen Ostdeutschen so gar nicht hätte erwirtschaftet werden können.
DHZ: Die ostdeutschen Frauen scheinen hier besonders mobil zu sein.
Blum: Tatsache ist, dass in den vergangenen Jahren rund vier Millionen Ostdeutsche in den Westen und rund 2,2 Millionen Westdeutsche in den Osten umgezogen sind. Dabei waren unter den Ostdeutschen überdurchschnittlich viele jung, gut ausgebildet und weiblich. Es gibt aber auch viele ostdeutsche Frauen, die schon relativ früh Kinder bekommen haben und nach der Wende im Osten eine Karriere gemacht haben. Allerdings fehlen durch den starken Einbruch der Geburten nach der Wende und die Migration jetzt die ostdeutschen Nachwuchskräfte.
DHZ: Könnte sich das ostdeutsche Arbeitslosenproblem so auf natürlichem Wege lösen?
Blum: Ganz so einfach ist es nicht. Nicht jede freie Stelle kann mit einem Arbeitslosen besetzt werden. Es wird darauf ankommen, Arbeitslose und ältere Beschäftigte weiterzuqualifizieren und junge Schul- und Ausbildungsabbrecher wieder einzufangen und ihnen eine zweite Chance zu geben. Gerade in sehr dünn besiedelten Gebieten wird man sich auch Gedanken über Internate für junge Leute machen müssen, damit sie überhaupt eine Ausbildung machen. Hier brauchen wir mehr Ideen aus der Politik.
DHZ: Sehen Sie die Gefahr, dass die neuen Länder in den nächsten Jahren in ihrer Entwicklung wieder zurückgeworfen werden?
Blum: In der aktuellen Wirtschaftskrise hat sich die ostdeutsche Wirtschaft mit einem Minus von "nur" vier Prozent etwas besser geschlagen. Ostdeutsche Firmen waren wegen ihrer kleineren und flexibleren Strukturen, vor allem aber wegen ihrer geringeren Exportabhängigkeit weniger betroffen. Mittelfristig kann aber genau dies zum Nachteil werden. Es muss ihnen gelingen, aus eigener Kraft zu wachsen. Sie müssen mehr Forschung und Entwicklung betreiben. Nur so werden sie ihre Produktivität steigern, ihren Exportanteil erhöhen und langfristig Mitarbeiter halten. Wer dagegen vom Westen aufgekauft wird, läuft Gefahr, wieder nur verlängerte Werkbank zu sein.
