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UNESCO-Titel kommt zur rechten Zeit Orgelbau: Kulturerbe für Idealisten

Seit Weihnachten steht der deutsche Orgelbau auf der UNESCO-Liste für immaterielles Kulturerbe. Warum die Adelung zur rechten Zeit kommt für ein Handwerk, das überaus vielseitig und kunstvoll ist, aber auch massiv mit den Rahmenbedingungen kämpft.

Schräge Töne quäken durch die Werkstatt. Sangryule Park, Meisterschüler im Orgelbauerhandwerk, übt das Stimmen der Pfeifen. An einer kastengroßen Orgel neben der Eingangstür justiert er eine zarte Metallzunge an der Orgelpfeife so lange, bis die Tonhöhe stimmt.

Park ist einer von vier Meisterschülern an der Oscar-Walcker-Schule (OWS) in Ludwigsburg. Hier, auf einem Hügel am Rande der schwäbischen Barockstadt, liegt das Zentrum des deutschen Orgelbaus. Die OWS ist die einzige Orgelbauerschule in Deutschland – und die einzige Meisterschule weltweit.

UNESCO-Titel gab Branche euphorischen Schub

Als kurz vor Weihnachten die Nachricht eintraf, dass die UNESCO den deutschen Orgelbau und die Orgelmusik in die Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen hatte, lief an der Schule ganz normaler Unterricht. "Das gab uns einen euphorischen Schub“, berichtet Orgelbauermeister und Fachlehrer Marcus Kaul. "Unsere Lehrlinge sind unglaublich stolz.“

Der Titel kommt zur rechten Zeit für ein Handwerk, das überaus vielseitig und kunstvoll ist, aber auch massiv mit den Rahmenbedingungen kämpft. Seit dem 10. Jahrhundert ist Orgelmusik eng mit dem christ­lichen Glauben verbunden, auch wenn das Instrument viel älter ist als das Christentum. Heute, wo es den Kirchen in Deutschland schlecht geht, weil seit Jahrzehnten Mitglieder zu Hunderttausenden austreten und der demografische Wandel ein Übriges tut, geht es auch den Orgelbauern nicht gut. Gotteshäuser werden geschlossen, Orgeln stillgelegt. Die Gemeinden müssen ihre Ausgaben genau abwägen.

Orgeln für Asien

"Ehe es zum Dach reinregnet, spart man lieber an der Orgel“, kommentiert Werner Stannat. Er leitet an der OWS die Abteilung für Musikinstrumentenbau und beobachtet, dass sich die Absatzmärkte der Orgelbauer immer mehr nach Asien verlagern. Rund ein Drittel der deutschen Orgelneubauten geht derzeit ins Ausland; oft sind dies große Aufträge für Konzertorgeln.

Meisterschüler an der OWS

Es ist also kein Zufall, dass mit Sangryule Park einer der derzeit vier Meisterschüler Südkoreaner ist. Fast in jeder Orgelbauerklasse seien Asiaten, berichtet Stannat. Sie kämen zumeist aus China, Taiwan und Südkorea. In deutschen Orgelbaubetrieben durchlaufen sie eine ganz normale Ausbildung. Oft schließen sie wie Park den Meister an, sammeln noch einige Jahre Erfahrung in deutschen Unternehmen und gehen dann zurück in ihre Heimat. "Viele Betriebe bei uns machen das gerne. Wir exportieren mit den Orgeln hochkomplexe Produkte. Die müssen vor Ort auch richtig gewartet werden“, erklärt Stannat.

Orgeln verlangen viel Aufmerksamkeit

Denn die "Königin der Instrumente“ braucht viel Aufmerksamkeit. Sie muss nicht nur regelmäßig gestimmt und gereinigt werden; seit einigen Jahren zählen auch Schimmelsanierungen zu den Aufgaben der Orgelbauer. Schlecht beheizte und kaum gelüftete Kirchen sowie der Klimawandel verursachen den giftigen Pilzbewuchs im Inneren der riesigen Instrumente.

Arbeit gäbe es also genug für die Branche, die seit den 1990er Jahren einen bitteren Wandel erlebte. Damals mussten Betriebe mangels Aufträgen Mitarbeiter entlassen. Viele von ihnen machten sich als Soloselbstständige – nur mit Werkzeugkoffer und Auto – auf den Weg und warteten Orgeln zu Kampfpreisen. Heute konkurrieren 400 statt wie zuvor 300 Unternehmen um den immer kleiner werdenden Kuchen. Die Abschaffung der Meisterpflicht 2004 hat die Situation zusätzlich verschärft.

Seit einem halben Jahr blickt Thomas Jann, Vorsitzender des Bundes Deutscher Orgelbaumeister, aber wieder zuversichtlicher in die Zukunft. "Die Auftragslage ist im Moment sehr gut. Jetzt müssen wir auf unsere Preise achten!“, appelliert er an seine Kollegen. Die Chancen stünden gut, auch, weil sich Orgelbauer und Orgelsachverständige angenähert haben.

Orgelsachverständige und Orgelbauer angenähert

Lange Zeit betrachteten sich beide Seiten als Gegner. Orgelsachverständige sind diejenigen, die für Kirchen Angebote einholen und Aufträge erteilen. "Wir haben mit ihnen über unsere Probleme geredet, erklärt, dass ein Soloselbstständiger zwar das billigste Angebot abgibt, aber nicht ausbildet und keine neuen Orgeln bauen kann. So schaffen wir unser Handwerk ab.“

Die Nachricht scheint, zumindest teilweise, angekommen. Orgelsachverständige vergeben Aufträge inzwischen nicht mehr zwingend an den billigsten Anbieter, sondern betrachten das Gesamtpaket.

Auch den größten Trumpf der Orgelbauer – den Eintrag in die UNESCO-Liste – verdankt das Handwerk einem Orgelsachverständigen. Prof. Michael Kaufmann spielt seit dem 16. Lebensjahr Orgel, hat Kirchenmusik studiert, über Orgeln promoviert und bildet Orgelsachverständige aus – unter anderem an der Oscar-Walcker-Schule. Er hatte bei der UNESCO den Antrag eingereicht, ins Register des immateriellen Kulturerbes aufgenommen zu werden.

Jetzt, so empfiehlt er, sollten die Betriebe den Titel aber auch einsetzen. Wenn Kirchen nicht genügend Geld für die Renovierung ihrer Orgeln haben, so müsse der Staat die Sanierungen fördern, als Beitrag zum Erhalt des Kulturerbes. "Das müssen die Betriebe jetzt einfordern, auf allen Ebenen, von der Kommune bis zum Bundeskultusministerium. Das Argument, es gibt kein Geld, gilt nicht. Das Geld ist da, es muss nur locker gemacht werden.“

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