DHZ-Gespräch "Ohne Migranten geht es nicht"

DHZ-Gespräch mit Gari Pavkovic, Integrationsbeauftragter der Stadt Stuttgart, zu Problemen bei der Integration von Zuwanderern. Interview: Karin Birk

Gari Pavkovic, Integrationsbeauftragter der Stadt Stuttgart. Foto: privat

"Ohne Migranten geht es nicht"

DHZ: Herr Pavkovic, der frühere Finanzsenator Thilo Sarrazin hat vielen Migranten und ihren Nachkommen in Berlin fehlenden Integrationswillen vorgeworfen. Gilt das auch für Stuttgart?

Pavkovic: Für Stuttgart ist das ganz sicher nicht der Fall und ich denke, dass es auch in Berlin so nicht richtig ist. Aus meiner Erfahrung ist es weniger ein Migranten- als ein Unterschichtenproblem, wenn zu viele Jugendliche ohne Abschluss die Schule verlassen und keine Berufsausbildung machen. In Stuttgart haben wir die schlechtesten Schulabschlüsse bei Türken, Italienern, Serben und Portugiesen, während es bei Kroaten, Spaniern, Griechen oder Ostasiaten besser aussieht. Der Integrationswille hängt also weniger mit Kultur oder Religion, sondern mit sozialen Milieus, dem Schulabschluss und der Bildungsorientierung der Eltern zusammen.

DHZ: Stuttgart ist für gute Integrationsarbeit bekannt. Was sind die größten Erfolge?

Pavkovic: In Stuttgart haben 40 Prozent der Bevölkerung Migrationshintergrund. Bei den unter 18-Jährigen sind es sogar 56 Prozent. Unser größter Erfolg ist es, dass in Stuttgart in allen Wirtschaftsbereichen, in Handwerk, Industrie und Handel, qualifizierte Migranten arbeiten. Dass Stuttgart als Wirtschaftsstandort international wettbewerbsfähig ist, hängt ganz entscheidend auch mit ihnen zusammen.

DHZ: Nach wie vor gibt es aber auch in Stuttgart junge Migranten ohne Berufsausbildung oder Arbeitsplatz, woran liegt es?

Pavkovic: Oft entsprechen die schulischen Qualifikationen der Hauptschüler nicht den Anforderungen des veränderten Arbeitsmarktes. Auch im Handwerk braucht man heute andere Fähigkeiten als vor 20 Jahren. Unser Problem ist, dass die Ausbildungsreife vieler Schulabgänger oft unzureichend ist. Auch deshalb wollen wir mehr Ganztagsschulen und eine bessere Verzahnung von Schule und Beruf.

DHZ: Wann kann man von gelungener Integration sprechen?

Pavkovic: Integration ist meiner Ansicht nach dann gelungen, wenn es zwischen Deutschen und Migranten keine großen Unterschiede bei Schulabschlüssen, beim Zugang zum Arbeitsmarkt oder beim bürgerschaftlichen Engagement gibt. In Stuttgart sind wir schon ein gutes Stück vorwärtsgekommen, noch immer haben wir aber in den Gymnasien nur einen Anteil von circa 25 Prozent an Migranten. In den Hauptschulen sind es dagegen 80 Prozent. Auch der Anteil von Migranten ohne berufliche Qualifikation ist doppelt so hoch wie der der deutschen Jugendlichen.

DHZ: Wie können Migranten selbst zur besseren Integration beitragen?

Pavkovic: Es reicht nicht aus, einen Deutschkurs zu machen. Viele Migranten gehören zu den Geringqualifizierten. Sie müssen sich berufsbegleitend nachqualifzieren und die Angebote der Bundesagentur für Arbeit nutzen. Dies ist umso wichtiger, da gerade wenig qualifizierte Arbeitskräfte in einer Krise als Erste entlassen werden. Außerdem müssen sich Eltern stärker für die Bildung ihrer Kinder einsetzen und gegebenenfalls Lernhilfen organisieren, was sie auch zunehmend machen.

DHZ: Nach einer neuen Studie der OECD haben selbst hochqualifizierte Migrantenkinder schlechtere Karten als ihre deutschen Konkurrenten. Was muss sich hier ändern?

Pavkovic: Arbeitgeber in der Wirtschaft wie im öffentlichen Dienst sollten erkennen, dass Migranten auch zusätzliche Qualifikationen mitbringen. Sie sind mehrsprachig und kennen andere Kulturen. Sie können damit nicht nur bei der Integration helfen, sie können auch neue Kundengruppen im In- und Ausland erschließen. Angesichts des demografischen Wandels und des Fachkräftemangels muss es auch allen Beteiligten klar sein. Ohne Migranten geht es nicht.